Sexueller Übergriff: Zweieinhalb Jahre Gefängnis

Er sei nicht schuldig, sagt der Angeklagte nach der Beweisaufnahme und den Plädoyers. Das Gericht sieht das allerdings anders.

Aue/Schwarzenberg.

Als Richter Christian Weiß und die zwei Schöffen nach langer Beratung zur Urteilsverkündung in den Saal zurückkommen, liegt Spannung in der Luft. Folgt das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft und schickt den 29-jährigen Angeklagten wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit Nötigung für drei Jahre ins Gefängnis? Oder wirken sich die Zweifel aus, die Verteidiger Oliver Ternick anmeldet? Zweifel, ob die Schwelle zur Erheblichkeit überschritten ist. Ob Vorsatz vorliegt. Ob jemand trotz offen gebliebener entscheidender Fragen wirklich so lange hinter Gitter muss, jemand, zu dem es im Zentralregister der strafrechtlichen Verurteilungen keinen Eintrag gibt.

Der Angeklagte, der im Verfahren nur Angaben zur Person macht, sagt nach der Beweisaufnahme und den Plädoyers: "Ich bin nicht schuldig." Als der Urteilsspruch verkündet ist - zweieinhalb Jahre Gefängnis wegen sexuellen Übergriffs in Tateinheit mit Nötigung, außerdem muss er die Kosten des Verfahrens tragen - will er sich doch noch äußern, vielleicht erklären, warum er einen ausgehandelten Täter-Opfer-Ausgleich nicht unterschrieben hat. Zu spät.

Was in jener Nacht im Sommer 2018 geschah, sieht das Gericht als weitgehend erwiesen an. Angeklagter und Lebensgefährtin - sie sind mittlerweile getrennt - wohnten im selben Haus wie die Geschädigte, eine heute 22-jährige Studentin. Nach einem gemeinsamen Festbesuch brachte die Freundin die angetrunkene junge Frau in deren Wohnung, der Mann ging in die seinige. Eine Bemerkung im Treppenhaus - etwa in der Art von "bis später" - interpretierte er offenbar als Einladung. Mit einem Zweitschlüssel, den seine Lebensgefährtin als Vertraute der jungen Frau hatte, verschaffte er sich nach Mitternacht Zutritt zur Wohnung eine Etage höher. Die schlafende Frau wachte auf, "als sich im Bett etwas bewegte". Jemand habe ihr den Slip heruntergezogen, sich auf sie gelegt, sie am Hals geküsst. Sie sei wie in Schockstarre gewesen, dann habe sie erkannt, wer das war, und ihn weggestoßen. Als der Mann weg war, habe sie sich verbarrikadiert. Die Frau litt in der Folge lange an Panikattacken und Angstzuständen, Albträumen und Schlafstörungen, musste sich in Behandlung begeben, zog in eine andere Wohnung.

Zudem gab es einen zweiten Vorfall: Bei einem Zusammentreffen im Keller des Wohnhauses wollte sich der Mann entschuldigen, verlangte aber die Rücknahme der Anzeige, da die sein Leben und das seiner Freundin zerstöre. Die Situation eskalierte so, dass sich die 22-Jährige bedroht fühlte und die Polizei rufen wollte.

Wie weit der Angeklagte in der Nacht ging, bleibt vor Gericht offen, auch weil Aussagen aus Vernehmungen nun nach über einem Jahr nicht mehr genau wiederholt werden. Das Schweigen des Angeklagten, der nichts gesteht, keine Reue zeigt, trägt nicht zum Aufklären bei. "Nur die direkt Beteiligten haben den Gesamtkontext erlebt, der sich unter Alkoholeinwirkung abspielte", sagt der Verteidiger. Dass sein Mandant in die Wohnung kam, sich der Frau in sexueller Absicht näherte, sie auch an der Scheide berührte, hält das Gericht für erwiesen. "Von einem Eindringen ist nicht zweifelsfrei auszugehen", so Richter Weiß. Aber, das betont er, eine Bemerkung im Treppenhaus sei kein Freifahrtschein, keine Aufforderung, den privaten Lebensbereich zu verletzen.

Das Urteil des Amtsgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Die Verteidigung will Rechtsmittel einlegen.

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