Staatsanwalt sieht kein rechtes Motiv bei Auer Mordfall

Die Einordnung der brutalen Tötung von Christopher W. als Tat Rechtsextremer ist umstritten. Der Chefankläger nennt sie übertrieben.

Aue/Chemnitz.

Als nach dem Mord an Christopher W. (27) vor elf Monaten erste Details über das brutale Vorgehen der Täter durchsickerten, machten unter der Hand zwei Theorien in Aue die Runde. Entweder seien das Migranten oder Neonazis gewesen. Nur ausländischen oder rechtsradikalen Schlägern traute das Volksempfinden zu, einem Menschen den Schädel zu zertrümmern, ihm die Pulsadern aufzuschneiden und ihn wie Abfall in eine Grube zu werfen.

Als Täter wurden wenige Tage später drei Sauf- und Drogenkumpane Christophers verhaftet, zwei davon langjährige Freunde von ihm, einer sogar sein "allerbester Freund". Terenc H. (27), Jens H. (22) und Stephan H. (22) stehen seit Dezember vorm Landgericht Chemnitz. Ihre Täterschaft steht außer Frage, im Prozess geht es vor allem um den Grad ihrer Beteiligung und um ihre Motive. Vor allem letztere sind bislang diffus geblieben, wobei man sagen kann, dass Christophers Homosexualität zumindest einem der Täter - Stephan H. - ein Dorn im Auge war und er ihn laut Zeugenaussagen deshalb im Vorfeld auch bedroht haben soll.


In linken Kreisen steht deshalb inzwischen fest: Der Mord war das Hassverbrechen dreier Neonazis an einem schwulen Jungen. Die Antifa-nahe Libertäre Linke Erzgebirge nennt Christopher W. auf ihrer Facebookseite das 17. Todesopfer rechter Gewalt in Sachsen seit 1990. Für die Internetplattform Belltower News, die von der Amadeu-Antonio-Stiftung betrieben wird, ist Christopher W. bundesweit "die traurige Nummer 195 in der Liste der Todesopfer rechter Gewalt seit 1990". "Stephan, Terenc und Jens hatten sich vorgenommen, Christopher W. umzubringen - weil er schwul war und damit nicht in ihr rechtsextremes Weltbild passte", heißt es in einem Artikel.

Die Verteidiger der drei Angeklagten haben eine derartige Einordnung diese Woche zurückgewiesen. Sie schließen aus, dass ihre Mandanten politische Motive hatten.

"So etwas hat bei ihm keine Rolle gespielt, er hat mit Rechten nichts am Hut", sagte Uwe Lang, der Anwalt von Terenc. H. "Er hat auch kein Problem mit Homosexuellen."

Zeugenaussagen im Prozess legen nahe, dass sich letzteres wirklich so verhält, wenngleich in Terenc Hs. Vorstrafenregister auch rechte Delikte stehen. Von 27 Verfahren, die gegen ihn eingeleitet worden sind, drehten sich zwei um rechtsradikale Entgleisungen. 2017 brüllte er antisemitische Parolen, vier Jahre zuvor zeigte er ein Hakenkreuz auf seiner entblößten Brust.

Bei Jens H. stehen vier rechte Straftaten zu Buche (von insgesamt 24 Delikten). Sein Verteidiger Andreas Baumann verneint jedoch einen Zusammenhang zu dem Mord an Christopher W. "Es ist unklar, wie das Geschehen so eskalieren konnte. Für meinen Mandanten ist alles wie ein Film abgelaufen. Mit einer bestimmten politischen Gesinnung hatte das aber nichts zu tun", sagt er.

Auch Hans-Ulrich Biernert, Anwalt von Stephan H., hält den Mord an Christopher nicht für rechtsextrem motiviert, will aber nicht auf Details eingehen. Sein Mandant ist der Einzige der drei, bei dem rechte Tendenzen in der Verhandlung zutage traten, unter anderem, weil er in seinem Wohnheimzimmer Rechtsrock hörte. Auf seiner Facebookseite sind bis heute eine Reichskriegsflagge und eine Grafik mit den Dienstgraden der SS zu sehen.

Warum er so etwas gepostet habe, wollte Richterin Simone Herberger diese Woche wissen. "Es hat meinen Traffic gesteigert, weil meine damaligen Kumpels diese Richtung vertreten haben", sagte Stephan H. Mit seinen "Kumpels" meinte er nicht Terenc H. und Jens H., sondern Bekannte aus seiner Heimatregion Kamenz. "Ich habe das ohne Bedacht gepostet", sagte er. Da er im Gefängnis keinen Zugriff auf seine Facebookseite habe, habe er die Einträge noch nicht löschen können.

Eines seiner Hakenkreuz-Tattoos hat sich H. von einem Knasttätowierer in eine Billardkugel umgestalten lassen. Bei einem weiteren sei er noch nicht dazu gekommen, weil der andere Gefangene verlegt worden sei. Aber er arbeite daran. Als Neonazi sieht er sich nicht.

Die Antonio-Stiftung bezeichnet Christopher W. als staatlich anerkanntes Opfer rechter Gewalt. Das beruht darauf, dass die Bundesregierung das Verbrechen in der Statistik inzwischen als "politisch motivierte Kriminalität/rechts" führt. Auch die Opferberatung Sachsen (RAA) hat sich dieser Einschätzung angeschlossen.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärt, dass diese Einordnung durch die Ermittler in Sachsen vorgenommen wurde.

Als politisch motivierte Kriminalität/rechts gilt es, wenn Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Tat gegen eine Person wegen deren politischer Haltung begangen wurde oder aufgrund ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, wegen ihres sozialen Status‘, wegen einer Behinderung oder ihrer sexuellen Orientierung.

"Wir haben in diesem Fall ein homophobes Motiv erkannt", bestätigt eine Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz. "Das heißt aber nicht zwingend, dass die Täter Nazis sind. Man kann das nicht automatisch gleichsetzen. Es wird schnell pauschalisiert."

Der Prozess wird am 5. April am Landgericht Chemnitz fortgesetzt.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine erste Fassung dieses Beitrags ergänzt.

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