Suche nach geheimem Kellergang erfolglos

30 Jahre danach: Es ist spannend, alte Bilder zu betrachten. Erst da fällt auf, was sich alles im Lauf der Jahre verändert hat. In einer Serie gewährt "Freie Presse" Schwarzenberg Einblicke ins Archiv - und reflektiert Geschichte(n).

Das Haus an der Uferstraße 10-12 in Schwarzenberg war über viele Jahre bis 1990 die Stasi-Kreisdienststelle für den Altlandkreis Schwarzenberg. Heute sind die zahlreichen Antennen auf dem Haus und im Hof des Hauses verschwunden, ist es wieder - wie ursprünglich 1927/28 erbaut - ein Wohnhaus für sechs Familien. Natürlich besticht die heutige Fassade durch ihre Farbgestaltung, und auch die Balkone wurden erst bei der jüngsten Sanierung 2006/07 angebaut. (Foto: Carsten Wagner)

Schwarzenberg. Es ist jenes Haus, das nicht nur die Schwarzenberger bis zur Wende 1989 wohl am meisten gehasst haben. Dabei wurde das Gebäude an der Uferstraße bereits im Jahr 1927 als ein Wohnhaus errichtet - das es heute wieder ist. Doch im geschichtlichen Rückblick auf die Immobilie gibt es auch ein Kapitel, das äußerst unschön war: Sie diente zu DDR-Zeiten als Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi). Bei den Demonstrationen im Herbst 1989 führte der stille Protestzug der Bürger stets auch an diesem Haus vorbei, wurden Kerzen am Zaun abgestellt. Die Fenster hinter den massiven Gittern waren zu dieser Zeit stets fest mit Jalousien verschlossen. Uniformierte und zivile Mitarbeiter dahinter sicher in heller Aufruhr. Aber es blieb friedlich - von beiden Seiten.

Erbaut wurde das Haus an der Uferstraße 10/12 einst im Auftrag der "Gemeinnützigen Baugenossenschaft des westerzgebirgischen Handwerks in Sachsen" mit Sitz in Aue. Die Baugenehmigung aus dem Rathaus Schwarzenberg trägt den Datumsstempel 5. August 1927. Architekt Arthur Rauchfuß hatte die Pläne für das Sechs-Familien-Wohnhaus erstellt. Schon damals war übrigens von einem "Wohnprojekt" die Rede. Es nannte sich "altes Forsthaus", geht aus den historischen Bauunterlagen hervor. Das Gebäude war mit einem Ladengeschäft in Hochparterre geplant, der seitliche Eingang an der Frontseite über eine Steintreppe erreichbar.

Im Zuge des politischen Umbruchs inspizierten zwei Vertreter des Runden Tisches, Pfarrer Helmut Schönfeld und Eberhard Dürigen, das Objekt. "Es waren oben Büros, im Keller Zellen, Vernehmungsräume und Techniklager", erinnert sich Dürigen an den Tag, an dem sie die Waffen der dortigen Mitarbeiter eingesammelt haben. Das Objekt wurde danach zügig geräumt und kurzzeitig für die Schwarzenberger zum Arbeitsamt. Ein weiteres demütigendes Kapitel in der Geschichte.

Das Arbeitsamt nutzte ab 25. Mai 1990 die vorhandenen Büros. Was damals noch ausgebaut oder verändert wurde, sei nicht mehr nachvollziehbar, heißt es aus der Bundesagentur für Arbeit (BA). "Wir haben dazu keine Unterlagen mehr", so ein Sprecher der Behörde. Auch wann genau der Umzug ins größere Objekt an der Robert-Koch-Straße in Schwarzenberg erfolgte, konnte er nicht herausfinden. Laut Archiv der "Freien Presse" war das 1993.

Nach diesem relativ kurzen Intermezzo des Arbeitsamtes im Objekt wurde das Gebäude samt 1180 Quadratmeter großem Grundstück - nach neuer Vermögenszuordnung - als Eigentum der BA Nürnberg zuerkannt. Diese gab nach langer Zeit des Leerstands eine Wirtschaftlichkeitsprüfung in Auftrag, mit dem Ziel, es selbst wieder zu nutzen. Dieses Ansinnen wurde jedoch durch die Einführung von Hartz IV verworfen. Man brauchte mehr Platz.

Bereits 2002 wollte ein junger Bauunternehmer aus Markersbach das leer stehende Haus kaufen und es wieder zu einem Wohnhaus umbauen, außerdem den eigenen Firmensitz dorthin verlegen. 2006 - als ein kleines Schild im Garten des Hauses signalisierte, dass es nun doch veräußert wird -, hatte sich der damalige Interessent dann bereits anderweitig ein Objekt gesucht.

An dem Punkt kommt der heutige Eigentümer Heiko Dietel ins Spiel. Der Projektentwickler und Bauingenieur aus Waschleithe, der schon die historische "Schlossschänke" in der Schwarzenberger Altstadt gekauft und saniert hatte, erwarb das Gebäude an der Uferstraße - nach 14 Jahren Leerstand. Und er investierte umgehend. "Den geheimen Kellergang vom Gebäude zum Schwarzwasser, den viele vermuteten, haben wir jedoch nicht gefunden, obwohl wir wirklich intensiv gesucht haben", sagt Dietel und schmunzelt. Auch sei das Haus keineswegs besonders wild "verkabelt" gewesen. "Im Keller gab es eine großen Eisentür, und im Hof neben den Garagen stand ein hoher Mast, der eventuell ein Sendemast gewesen ist", berichtet Heiko Dietel vom Bestand, den er damals übernahm.

Er hatte sich damals die alten Baupläne im Stadtarchiv ausgeliehen. "Die ursprünglichen Wohnungszuschnitte waren okay. Das haben wir einfließen lassen." Heute beherbergt das Haus wieder sechs große Wohnungen, wobei die oberen sogenannte Maisonette-Wohnungen sind. Das Dachgeschoss wurde ausgebaut und einbezogen. Balkone sind angebaut, alle Quartiere vermietet. "Ein Problem mit dem ,Image' des Hauses gab es zum Glück nie", so Dietel.


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