Tausende Flugblätter in Lößnitz verteilt - aber keiner versteht sie

Linke malen Hakenkreuze, von Rechts gibt's deshalb eine Strafanzeige. Der Streit um das Lößnitzer Glockenspiel treibt Blüten.

Lößnitz.

Ein Volk, ein Reich, ein Führer: Was hat die Parole, mit der die Nationalsozialisten 1938 für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich warben, mit der heutigen Linken zu tun? Ein Flugblatt, das in Lößnitz vor der Landtagswahl massenhaft in den Briefkästen landete, legte einen Zusammenhang nahe. Inzwischen ist auch die Polizei involviert und prüft den Sachverhalt.

Zu sehen sind auf dem Din-A4-Blatt zwei Bildchen und der Hinweis, dass das alles "aus dem Internet" stamme. Die erste Abbildung zeigt die Turmhaube der Lößnitzer Johanniskirche. Statt des bekannten Bronzeglockenspiels blitzen dort halbe Hakenkreuze hervor. Das zweite Bild ist ein verballhorntes Ortseingangsschild. Darauf zu lesen: "Lößnitz. Ein Volk, Ein Reich, Ein Führer". Darüber der Hinweis, das seien die Linken. So richtig begriffen, was der Verfasser damit sagen wollte, hat es vermutlich keiner.


"Vielleicht hätte ich mehr erklären sollen. Aber ich hatte wenig Zeit und wollte den Flyer schnell verteilen", sagt der Lößnitzer Stadtrat Matthias Henke (parteilos/Mandat AfD). Er hat sich diese Woche als Urheber des Flugblattes zu erkennen gegeben. Mehrere Tausend davon habe er auf seinem Drucker produziert. "Ich dachte, wer sich mit der Sache befasst hat, kann es nachvollziehen."

Die Sache ist der seit zwei Monaten schwelende Streit um das Lößnitzer Bronzeglockenspiel. Das denkmalgeschützte Carillon aus dem Jahr 1939 besteht aus 23 Glocken. Vier davon tragen Symbole und Sprüche aus der Nazizeit, darunter "Ein Volk. Ein Reich. Ein Führer." Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BDA) hatte Anfang Juli in einem offenen Brief kritisiert, dass darüber in der Stadt bislang nicht öffentlich diskutiert worden sei. Außerdem verlangte die Organisation die Stilllegung des Glockenspiels.

Der dem VVN-BDA nahestehende Chemnitzer Jonny Michel veröffentlichte dazu einen Artikel auf seiner Internetseite Nachpoliert.info. Als Illustration erstellte er die Bildmontage von der Kirchturmhaube mit klingenden Hakenkreuzen und Sprechblasen, die den Nazi-Slogan verkünden, wie er auf den Glocken zu lesen ist. Für eine weitere Veröffentlichung verwendete Michel das verballhornte Ortseingangsschild.

Mitte Juli erstattete Stadtrat Henke Anzeige bei der Polizei. "Selbst wenn die Sprechblasen und Hakenkreuze satirisch gemeint sein sollen, gehört sich so etwas gar nicht", sagt er. "Einerseits will der VVN-BDA diese Symbolik entfernt haben, andererseits ist so etwas im Internet für die ganze Welt zu sehen."

Als Michel später mit dem Ortseingangsschild nachlegte, fertigte Henke verärgert das Flugblatt. "Das habe ich als Lößnitzer gemacht, mit der AfD hat das nichts zu tun", sagt er. "Die Linken hetzen die Bürger auf und bedienen sich dabei der Symbole, gegen die sie eigentlich sind."

Die Ortseingangstafel mit Nazi-Slogan auf Nachpoliert.info ist inzwischen durch eine entschärfte Version ersetzt worden: "Lößnitz. Stadt der (...)glocken" ist jetzt zu lesen. "Wir wollen nicht alle Lößnitzer beleidigen", sagt Jonny Michel.

Strafrechtliche Konsequenzen muss er wegen seiner Illustrationen nicht befürchten. Das Dezernat Staatsschutz sehe hier kein Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen, sagte am Mittwoch eine Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge. Herrn Henkes Anzeige werde daher nicht weiter verfolgt. Offen sei, wie die neuerliche Verwendung der Illustrationen in dem in Lößnitz verteilten Flugblatt zu bewerten ist. "Diese erfolgte ja in einem anderen Kontext. Für eine abschließende Beurteilung fehlen uns noch verschiedene Umstände", so die Sprecherin.

Soll heißen: Auch der Polizei ist nicht so recht klar, was das Flugblatt eigentlich ausdrücken soll.

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