Therapeuten bangen um ihre Existenz

Sie sollen weiter ihre Praxen öffnen. Doch es kommen immer weniger Patienten - auch, weil Ärzte kaum noch Rezepte ausstellen. Die Branche hofft auf Unterstützung. Denn oft mangelt es schon am Wichtigsten.

Annaberg-Buchholz.

Sie gehören zu den Helden des Alltags. Auch während der Corona-Pandemie behandeln Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten weiterhin Patienten, die ihre Hilfe benötigen. Doch die Praxen bleiben zunehmend leer. Der Spitzenverband der Heilmittelverbände schlägt Alarm. Viele Therapeuten bangen um ihre Existenz.

Zu ihnen gehört auch Peggy Rudolph. Die Ergotherapeutin hat sich vor 16 Jahren mit ihrer Praxis im Annaberger Stadtteil Buchholz selbstständig gemacht, beschäftigt mittlerweile sechs Angestellte. Doch die musste die Erzgebirgerin nun allesamt in Kurzarbeit schicken. "Viele Patienten bleiben weg. Der Ausfall beträgt mittlerweile 70 Prozent. Tendenz steigend", sagt Peggy Rudolph.

Anja Janiak, die gerade erst mit ihrer Ergotherapie-Praxis in Cranzahl umgezogen ist, geht es ähnlich. Die Probleme ziehen sich durch die komplette Heilmittelbranche. Warum sich immer weniger Patienten behandeln lassen, hat mehrere Gründe. "Das fängt damit an, dass manche gar nicht wissen, dass wir noch geöffnet haben", berichtet eine Physiotherapeutin aus Annaberg. Die Therapieberufe werden als systemrelevant eingestuft. Praxen dürfen und sollen weiter arbeiten. Doch Patienten seien verunsichert, ob ihre Behandlung in der Corona-Krise notwendig sei, erklärt Peggy Rudolph.

Mehrere Therapeuten aus dem Erzgebirge berichten sogar, dass Ärzte weniger Rezepte ausschreiben. Manche Mediziner würden Patienten sogar abraten, zur Physiotherapie zu gehen. Hinzu kommen Menschen, die schlichtweg Angst haben, sowie die Coronavirus-Risikogruppe. "Wir behandeln viele Patienten in Pflegeeinrichtungen. Aber wir wollen die älteren Menschen derzeit nicht einem zusätzlichen Risiko aussetzen", erklärt Peggy Rudolph.

Sie und ihre Kollegen hoffen nun auf Unterstützung, um drohende Schließungen abzuwenden. Nicht nur finanziell: Denn oft mangelt es schon am Wichtigsten. "Wir bekommen nicht einmal Schutzmaterial gestellt, obwohl wir medizinisch relevant sind", kritisiert ein Physiotherapeut aus Annaberg. Dabei ist gerade dieses Material essenziell. "Die Abstandsregelung können wir bei der Behandlung nicht einhalten", sagt Anja Janiak. Desinfektionsspray, Mund- und Handschutz sind daher ein Muss. Doch es fehlt Nachschub. In den Apotheken werde um Desinfektion gefeilscht. "Unseren Mundschutz näht eine meiner Mitarbeiterinnen schon selbst", ergänzt Peggy Rudolph.

Sie und viele weitere Therapeuten wollen trotz der Krise aber nicht einfach schließen. "Wir können Patienten - vor allem die mit akuten Schmerzen - nicht im Stich lassen", betont die Kreisstädterin. Doch dafür benötigen sie finanzielle Hilfe. Der Spitzenverband nimmt daher die Politik in die Pflicht, fordert in einer Mitteilung angemessene Ausgleichszahlungen, um eine drohende therapeutische Unterversorgung abzuwenden. Denn anders als bei Ärzten und Krankenhäusern werden Umsatzeinbußen der Heilmittelpraxen im Rettungsschirm der Bundesregierung nicht aufgefangen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß begründet, warum lediglich diesen zwei Sektoren der finanzielle Schaden ersetzt wird: "Der Unterschied zu allen anderen Wirtschaftsbereichen ist, dass der Staat konkret angeordnet hat, freie Kapazitäten für eventuelle Corona-Patienten zu schaffen."

Zumindest vom Sofortprogramm des Bundes können Therapeuten profitieren und je nach Mitarbeiterzahl einen einmaligen Zuschuss von bis zu 15.000 Euro erhalten, der nicht zurückgezahlt werden muss. Doch bei Miete und weiteren Fixkosten sei das nur ein "Tropfen auf dem heißen Stein" - so formuliert es der Spitzenverband.

Alexander Krauß wünscht sich daher, dass Therapien fortgesetzt und auch neue begonnen werden: "Die Allgemeinverfügung des Freistaates regelt glasklar, dass für Therapeuten keine Einschränkungen gelten." Daher habe er kein Verständnis dafür, wenn ihnen der Zutritt zu Altenheimen untersagt wird: "Das heißt nichts anderes, als das älteren Menschen ihre Therapie rechtswidrig vorenthalten wird." Auch Ärzte nimmt Krauß in die Pflicht. Es bestehe kein Grund, weniger Rezepte zu verordnen: "Die Therapeuten brauchen sie, um durch die Krise zu kommen."


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