Todesfall überschattet Tierparkgeschichte

Die Historie des Tierparks am Schloss Schwarzenberg ist noch nicht geschrieben. "Freie Presse"arbeitet sie in loser Folge auf - heute ein tragisches Kapitel.

Schwarzenberg.

"Im Tierpark am Schloss wurde geschossen!" Das verbreitete sich an jenem Freitagnachmittag im Oktober 1963 in Schwarzenberg schnell. Und wenig später auch der tragische Hintergrund der Schüsse: Ein neunjähriges Mädchen aus der Stadt war durch die Gitterstäbe in den Bärenzwinger gezogen worden. Hilferufe erschallten. Ehemalige Polizisten wissen, was sich danach ereignete: Aus dem nahen Volkspolizei-Kreisamt an der Oberen Schlossstraße rannten einige Leute zum Ort des Geschehens, sahen das Mädchen in der Gewalt der zwei Braunbären. Das eine Tier ließ von dem Kind ab und wurde abgedrängt, das andere durch Unterleutnant Manfred Günnl kurzentschlossen mit der Dienstpistole erschossen. Nun konnten die herbeigeeilten Retter in den Zwinger. Sie bargen die Neunjährige. Doch deren Verletzungen waren so schwer, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus starb.

Schock für Familie und Freunde, Bekannte und Mitschüler des Mädchens. Das Geschehen - Alptraum für alle Beteiligten. Trauer und Beileidsbekundungen bestimmten die nächsten Tage in Schwarzenberg. So etwas Schreckliches zu verarbeiten dauert bei den einen Jahre, gelingt anderen vielleicht nie. Dass der Tierpark vorerst geschlossen blieb, war eine der Reaktionen. Doch es kam die Zeit, dass die Anlage - betrieben durch die kreiseigene Station junger Techniker und Naturforscher im Schloss - wieder öffnete. Für viele Leute unverständlich, gab es auch wieder zwei Bären zu sehen; der erschossene bekam einen Nachfolger.

Ende der 1960er-Jahre aber reichten die personellen, materiellen und finanziellen Möglichkeiten der Station nicht mehr aus für den Tierpark, der 1955 aus kleinen Anfängen entstanden war. Der Kreis wollte die Einrichtung nicht länger betreiben, die Stadt wollte sie nicht übernehmen. Diese Situation war de facto gleichbedeutend mit der Gründung des Heimattierparks in Waschleithe. Ein Teil des Schwarzenberger Tierbestandes soll mit umgezogen sein, weitere Tiere wurden in andere Orte abgegeben. Niemand in der gesamten DDR aber - kein Tierpark, kein Zoologischer Garten - hatte Interesse an den beiden Braunbären. Alle Versuche, sie zu vermitteln, blieben ergebnislos. So kam es zu einer zweiten Bären-Erschießung in Schwarzenberg, diesmal im Gegensatz zu dem dramatischen Geschehen von 1963 zu einer geplanten. Wieder wurde die Volkspolizei hinzugezogen, in deren Reihen einige Waffenträger auch Jäger waren. Erich Lein und Manfred Schwallmann erhielten den Auftrag, die Bären zu töten.

Als Augenzeugin dabei: Beate Groß, damals noch Heiden, 1958 geborene Tochter eines Schwarzenberger Fleischermeisters. "Mein Vater wurde zum Zerteilen und Ausnehmen der Tiere geholt. Das war schon bei dem 1963 erschossenen Bären so, später dann auch bei den zwei Bären. Da ging ich in die 5. Klasse und bekam sogar extra schulfrei, um das verfolgen zu können", erinnert sie sich. So makaber sich das anhören mag: Das Edelfleisch wurde seinerzeit vermarktet. So gab es in Gaststätten in Schwarzenberg und Karl-Marx-Stadt einmal Bärenfleisch. Felle und Schädel sollen in den Familien der Schützen noch jahrelang als Trophäen aufbewahrt worden sein.


In eigener Sache

Bei den Recherchen zu dem Beitrag ist die Redaktion durch Bürger gebeten worden, nicht nach Angehörigen und Freunden des durch den Unfall verstorbenen Mädchens zu suchen. Wir respektieren diese Bitte, nennen aber auch hier den von uns in jenen Gesprächen genannten Beweggrund für den Beitrag: Wer die Geschichte des Tierparks Schwarzenberg aufarbeiten will, muss auch auf den tragischen Unfall eingehen.Die Redaktion

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