Tour zum Weltgästeführertag: Neue Einblicke in alten Mauern

Tausende Gäste lernen Annaberg-Buchholz jährlich bei unterhaltsamen Stadtführungen kennen. Das schätzen auch Einheimische, wie ein nicht alltägliches Angebot zeigt. Dafür wurden Baumeister und andere Zeitzeugen wieder lebendig.

Annaberg-Buchholz.

Öffentliche Stadtführungen gibt es in Annaberg-Buchholz mehrfach pro Woche. Am Wochenende konnten Unternehmungslustige eine außergewöhnliche Tour erleben. Die heimischen Gästeführer luden zu einem zweistündigen Rundgang ein, der vom Jubiläum "100 Jahre Bauhaus", das in diesem Jahr gefeiert wird, bestimmt war. Knapp 90 Ausflügler begaben sich anlässlich des Weltgästeführertags mit auf Tour. Deutschlandweit stand dieser unter dem Motto "BAUeinHAUS".

"Auch wir nutzen das Ereignis als thematischen Impuls, spannende Geschichten unter neuen Perspektiven zu erzählen und die Tour vielleicht als weitere Themenführung zu etablieren", erklärte Anett Preißler zum Auftakt. Sie versah mit Bauarbeiterhelm und Wasserwaage ausgerüstet den Job einer Baumeisterin. Gemeinsam mit Architekt Ralf Siegert hatten sich die Fremdenverkehrsfachleute mit weiteren vier zertifizierten Gästeführern besonders vorbereitet. "Vom Bauhaus-Stil geprägte Objekte gibt es drei in der Bergstadt", berichtete Siegert. Allerdings seien diese nicht öffentlich zugängig. Daher wurde dazu eingeladen, Gebäude der Stadt zu besuchen, die insgesamt beispielgebend für die Epochen übergreifende Baugeschichte stehen.


Bestimmt wurde der unterhaltsame Fußmarsch von der Technologie eines Gebäudebaus: vom Keller über den Flur und die Wohnetagen hinauf zum Dachstuhl. Für jeden Abschnitt hatten die Gästeführer ein Vorbild parat. "Begründet wird ein solider Bau von einem Keller", erklärte der Ordensmann und spätere Reformator Friedrich Myconius alias Rainer Eckel anhand der Mauerwerkreste des einstigen Franziskanerklosters. Es sei 1502 auf Betreiben des damaligen Landesherrn Georg dem Bärtigen errichtet und 1512 fertiggestellt worden.

Beispielhaft war laut Eckel etwa das Unterfangen, den Keller in das harte Gneisgestein zu treiben. Imposant war der mächtige Bau mit etwa 14 Metern Höhe auch im Gesamten. Gemeinsam mit dem noch anwesenden Baumeister, in dessen Rolle Nachtwächter Dieter Frank schlüpfte, wusste sein Kollege Rainer Eckel die Errichter zu würdigen. Und wunderte sich umso mehr, welche Entwicklung der Standort in der Zeitgeschichte einnimmt: Vom Bettelorden zum baldigen Großfinanzamt des Erzgebirges.

Mürrischer Unmut flog der Besucherschar vor dem imposanten Wohnsitz von Lorenz Pflock entgegen. Der einstige Besitzer von Silberbergwerken in der Region und Ratsherr zu Annaberg fühlte sich in seiner Mittagsruhe gestört. Doch die Gelegenheit nutzend, sein Wohngebäude dem Volk zu zeigen, öffnete der Millionär des 16. Jahrhunderts die Tore zum heute als Stadtbibliothek genutzten Schmuckkästchen.

Der Hausherr, in dessen Rolle Matthias Enderlein schlüpfte, berichtete im Flur vom Leben in dem Haus mit wechselvoller Geschichte. Staunende Blicke galten etwa dem Zellsterngewölbe. Der Hausaltar der Familie Pflock, gestiftet 1521 für die Kapelle der Familie in der St.-Annen-Kirche, ist selbst dem Informationsportal Wikipedia einen Eintrag wert. Weniger bekannt dürfte hingegen die Zeit des Domizils als Gastwirtschaft "Güldene Gans" sein.

Stehen in der Manufaktur der Träume Kostbarkeiten erzgebirgischer Handwerkskunst im Mittelpunkt, richteten sich die Augen diesmal auf das sehenswerte Treppenhaus. Wohl die wenigsten dürften es bislang aus der Sichtachse in Richtung Himmel wahrgenommen haben. "An eine aufgeblasene, sich kringelnde Luftschlange erinnernd, wurde diese sachlich-funktionale und helle Treppenkonstruktion an das Ausstellungsgebäude angesetzt. Der Bauhausgedanke kommt auf", erklärte Anett Preißler.

Nicht nur Kennern der Ortsgeschichte ist klar, dass dem Kirchenbau St. Annen auch hinsichtlich der Dachkonstruktion die Krone gehört. Marit Melzer, gästeführende Türmerin, nahm die Teilnehmer mit hinauf in das 78 Meter hohe Wahrzeichen. Zu den Besuchern zählte Irmgard Hossberger. In der Bergstadt zu Hause, schließt sie sich regelmäßig den Touren an. "Es gibt immer wieder etwas Neues zu erfahren, der Blick hinter die Kulissen ist reizvoll. Und mir gefällt das Engagement der Gästeführer, die in die Rollen schlüpfen", sagte sie.

Der gebürtige Annaberger Udo Mauersberger interessierte sich als Forstmann nicht nur für Holz und Gebälk: "Man bekommt einen kurzweiligen Einblick in die Stadtgeschichte, erfährt vom Fortgang des Geschehens, begegnet gleichgesinnten Einheimischen."

Der Annaberg-Buchholzer Interessengemeinschaft gehören 17 Gästeführer an, 15 von ihnen sind zertifiziert. 2019 hat die IG zum dritten Mal am Weltgästeführertag teilgenommen. Wie Matthias Enderlein berichtete, gibt es für die Stadtführungen eine große Nachfrage. "Und doch stehen wir vor Herausforderungen: Wir sehen es als wichtig an, junge Leute für unsere Tätigkeit zu begeistern", sagte er.

Und eine Bewährungsprobe gebe es zu meistern, sollte die Entscheidung fallen, das Erzgebirge als Unesco-Welterbeprojekt einzustufen. "Da sind wir thematisch gefordert", so Enderlein.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...