Überleben mit dem Spenderherz: Der Kampf geht immer weiter

Mit einer Ohnmacht fing es an. Mehr als acht Jahre lang wartet Ronald Otto auf ein Spenderherz. Als er es endlich hat, hält es nicht durch. Es folgt eine OP, die bislang einmalig in Europa war.

Aue/Schwarzenberg.

Am 29. August 2007 kippt Ronald Otto einfach bei der Arbeit um. Der Scharfensteiner fühlt sich schon länger schwach. Aber erst nach diesem Ohnmachtsanfall geht der Maler und Lackierer zum Arzt. "Man will ja seinen Arbeitsplatz behalten", sagt der heute 49-Jährige. Dass er bald um nichts Geringeres kämpfen würde als um sein Leben, das ahnt er zu dieser Zeit noch nicht.

Der Arzt diagnostiziert eine Bronchitis. Krankschreibung, ausruhen, wieder zur Arbeit. Otto fühlt sich nicht besser. Er geht erneut zum Arzt. Ein EKG zeigt schwere Herzrhythmusstörungen. Die Herzleistung beträgt 15 Prozent. In der Uniklinik Dresden schluckt er einen würstchendicken Schlauch mit einer Kamera. So betrachten die Ärzte sein Herz. Diesmal stimmt die Diagnose: Non-Compaction-Kardiomyopathie (NCCM). Eine seltene, angeborene Herzerkrankung. Nach Angaben des Herzzentrums Dresden wird die Herzwand dabei strukturell umgebaut und deshalb schwächer. Auch Folgeerkrankungen bedrohen die Patienten, darunter Thrombose, Schlaganfall, plötzlicher Herz-Kreislauf-Stillstand. In Ottos Fall gehen laut Diagnosezettel 36 weitere Erkrankungen mit der NCCM einher. Die NCCM kann vererbt werden. Sehr wahrscheinlich, dass sie den Vater des Patienten auf dem Gewissen hat. Er starb mit 28, da war Otto drei. Dessen jüngerer Bruder will sich nicht testen lassen - Angst.

Der Oberarzt lässt den Erzgebirger in eine Organempfängerliste eintragen. Im Dezember 2007 setzen die Mediziner ihm einen Defibrillator ein, ein kleines Gerät ähnlich einem Herzschrittmacher. Bei schweren Herzrhythmusstörungen löst er einen Elektroschock aus. Am 8. August 2008 bricht Otto in der Küche zusammen. Er sieht einen Blitz, spürt einen dumpfen Schlag, dann setzt die Erinnerung aus. Wieder ins Krankenhaus. Bei der Morgenvisite zehn Tage später muss der Kranke wiederbelebt werden, wie noch mehrfach in den folgenden Jahren.

Verlegung per Hubschrauber. In Dresden erkennen die Ärzte eine schwere beidseitige Lungenentzündung. Etliche Organe versagen. "Ein bisschen viel für den Körper", sagt Otto. Künstliches Koma, eine Woche lang. Noch im Koma bricht der Darm durch. Sein Inhalt geistert durch den Bauchraum, in kürzester Zeit kann er den Patienten vergiften. Not-OP. Seither hat Ronald Otto keine Angst mehr vor dem Tod, sagt er.

Der Darmdurchbruch bringt ein Kürzel vor den Namen auf der Liste. NT. Nicht transplantabel. Wenn es jetzt ein passendes Herz für ihn gäbe, der Wartende bekäme es nicht. Im Laufe der Jahre wird das Kürzel immer wieder auftauchen und verschwinden. Schon eine Erkältung macht den Unterschied.

Wenige Wochen nach Darm-OP und Reha zieht der Geschwächte bei seiner Mutter in Gornau ein. Die Kraft kehrt nur langsam zurück. Es dauert etwa ein halbes Jahr, bis er wieder in die eigenen vier Wände zurückziehen kann. Schließlich stirbt jemand. Am 27. Januar 2016, 23 Uhr erhält Otto einen Anruf aus dem Dresdner Herzzentrum. Der Rettungswagen ist schon bestellt. "Ich war ganz ruhig", sagt der Erzgebirger. Als er im OP ankommt, werden nebenan die Maschinen abgeschaltet. Spezialisten schneiden ein gesundes Herz aus einem leblosen Körper. Tragen es ins Herzzentrum. Setzen es bei Otto ein. Sechs oder sieben Stunden dauert das.

Aufwachen. Der Herzschlag im Brustkorb, so viel stärker als früher. "Ich habe sofort gespürt, dass das nicht mein Herz ist", sagt Otto.

Die Schwestern glauben, dass der frisch Operierte schläft, als er sich nach der OP ausruht. Sie unterhalten sich. Deshalb weiß Ronald Otto etwas über den Spender. Es ist eine Frau. 1,60 Meter groß. 50 Jahre alt. Um die 80 Kilogramm schwer. "Ich nenne das Herz meine Lady", sagt er und klopft sich langsam und sachte auf die Brust. Er lächelt. Den Hinterbliebenen seiner Spenderin will er einen Brief schreiben. Das ist frühestens drei Jahre nach der OP erlaubt. Wenn die Familie der Spenderin es auch möchte, will er sie treffen. Fragen, was die Frau für ein Mensch war. Danke sagen. "Ich denke jeden Tag an sie." Das Herz wird nie seines sein, sagt er. "Da sind immer wir beide: auf der einen Seite ich, auf der anderen meine Lady."

Die Hobbys von früher sind für immer Geschichte. An Autos schrauben, alte Gegenstände restaurieren - viel zu gefährlich. Keime. Bakterien. Lösungsmittel, die starken Husten auslösen, der dem Herz zu viel abverlangen würde. Auch sonst muss der Mann mit dem fremden Organ vorsichtig sein. Die Wohnung aufs Penibelste sauber halten. Menschenansammlungen meiden. Strikt Diät halten. Seine Gesundheit ständig kontrollieren lassen. Permanent Blutproben ins Labor schicken, damit die Medikamentierung tagesaktuell berechnet werden kann. Arbeiten kann er nie wieder. Zum Autofahren ist er oft zu schwach. Er zieht um, nach Zschopau, wo er auch einmal einkaufen gehen kann.

Eine enorme Fachkenntnis spricht aus Otto, wenn er seine Erlebnisse schildert. Doch nur wer ihn direkt fragt, wird vage erfahren, wie es seiner Seele geht: Traurig sei er manchmal. Wütend nie. "Es kann ja keiner was dafür. Und Krebspatienten geht es viel schlechter." Einen Wunsch hat er. "Es sollten sich mehr Leute für einen Organspendeausweis entscheiden." Warum nicht ein anderes Leben retten, wenn man selbst stirbt? Wer nur bestimmte Organe hergeben möchte oder andere nicht, der kann das auf dem Spenderausweis eintragen.

Im August 2016 stellen die Ärzte fest, dass die linke Herzklappe der Lady völlig zerstört ist. Ein Bakterium hat sie zerfressen. Der Herzmuskel ist im Inneren schwer entzündet. Wieder eine OP. Es sei die erste Herzklappenimplantation an einem transplantierten Herzen, die es in Europa je gab, erfährt der Patient. Die neue Klappe stammt von einem Schwein, Spezialzüchtung.

In Sicherheit ist Otto nicht. Sein Körper kann das Herz jederzeit abstoßen. "Die Angst ist immer da." Vor zwei Wochen ein Anruf: Die Werte sind nicht in Ordnung. Eine Nacht in der Klinik. Ergebnis: Grad eins der Abstoßung. Grad null wäre gut, Grad drei dramatisch. Abstoßungen im ersten Jahr, besonders im ersten halben Jahr, seien bei Herztransplantierten normal, heißt es aus dem Herzzentrum. Otto macht es trotzdem nervös. Noch mehr Medikamente nehmen, ständige Übelkeit, Brechdurchfall.

Der Kampf geht weiter.


Herzspenden in Deutschland

Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation haben am 1. Januar 2015 deutschlandweit 1259 Menschen auf ein Spenderherz gewartet. 858 waren stabil genug für eine Transplantation. 216 weitere Patienten wurden nicht auf die Listegenommen.

Transplantiert wurden im Jahr 2015 insgesamt 286 Herzen, keines davon in Dresden, etwas mehr als 20 in Leipzig, wo sich das zweite sächsische Transplantationszentrum befindet.

Informationen zur Organspende gibt es am Infotelefon der Deutschen Stiftung Organspende unter der kostenlosen Rufnummer 0800 90 40 400. Dort kann man auch einen kostenlosen Organspendeausweis anfordern. Das Telefon ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr erreichbar. (rict)

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