Vom Abschiebekandidaten zum Gesellen: Junger Inder im Glück

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Mit 15 kam Fenil Patel aus Indien nach Deutschland. Heute baut er sich ein Leben im Erzgebirge auf, nicht ohne Stolperer.

Aue/Schwarzenberg.

Sein Name, sagt Fenil Patel (21), sei in seiner Heimat ein Allerweltsname, so wie hierzulande Müller oder Meier. "Wenn du in Indien auf der Straße Patel rufst, kommen tausend Leute." Er spricht gut Deutsch, aber was für ein Deutsch ist das? Ein weicher Singsang. Dausend Leute. Fenil lacht und meint, dass er sächselt, habe man ihm schon oft gesagt. Sein Deutsch hat er in Sachsen gelernt, und ein paar erzgebirgische Begriffe hat er auch drauf. Das kommt von allein, wenn man hier in die Lehre geht.

Diese Woche hat der junge Inder von der Kreishandwerkerschaft seinen Gesellenbrief als Fahrzeuglackierer bekommen. Bei der Festveranstaltung im Kulturhaus Aue war er einer von 84 neuen Handwerksgesellen, die bereit für den nächsten Schritt in ihrem Berufsleben sind. Für Fenil brachte dieser Tag gleichzeitig so etwas wie ein Happy End, denn auf halbem Weg hatte es nicht gut für ihn ausgesehen. Um ein Haar wäre er abgeschoben worden.

Im Sommer 2020 musste sein Ausbilder Rainer Pommer (66), Inhaber einer Autolackiererei in Aue, Fenils Lehrvertrag lösen. Zwei Monate hing Fenil "in der Luft", eine hiesige Redewendung, die er seitdem oft gehört hat. "Wir saßen alle im Frühstücksraum und haben getüftelt, wie wir ihn halten können", sagt Pommer. "Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Fenil war gut integriert. Er verdiente sein eigenes Geld, sorgte für sich selbst, hatte gute Noten. Wieso schiebt man so einen ab?"

Vor sechs Jahren war Fenil mit seinen Eltern und seinem Bruder Anish (heute 16) aus Indien nach Deutschland gekommen. Fenil sagt, das Geschäft seines Vaters sei schlecht gelaufen, weil Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlten. "Meine Eltern sahen keine Zukunft in Indien. Sie wollten, dass es uns Kindern besser geht." Eine klassische Umschreibung für "Wirtschaftsflüchtlinge". Der Asylantrag der Familie wurde folglich abgelehnt. Fenil erhielt eine Beschäftigungserlaubnis, die durch die Ausländerbehörde des Erzgebirgskreises im Juni 2020 widerrufen wurde, weil er keine Ausweispapiere vorlegen konnte.

"Ich hatte an die Botschaft geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten", sagt er. "Ich hatte angerufen, aber niemand nahm ab." Und plötzlich sollte er zurück nach Indien. Sein Ausbilder bat Aues Ortsvorsteher Thomas Colditz um Hilfe. Der frühere CDU-Landtagsabgeordnete nutzte seine Kontakte und erreichte, dass Sachsens Ausländerbeauftragter Geert Mackenroth Fenils Fall auf die Tagesordnung der Härtefallkommission setzte. Auch Fenil selbst kümmerte sich jetzt mit Hochdruck. Mithilfe von Verwandten in Indien und einem Anwalt gelang es ihm, die Papiere zu beschaffen - und durfte bleiben. Als "gut integrierter Heranwachsender" bekam er eine Aufenthaltsgewährung und konnte seine Lehre beenden. Mit Bestnoten, freut sich Rainer Pommer.

Inzwischen hat für Fenil ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Seit voriger Woche macht er am Erzgebirgskolleg Breitenbrunn sein Abitur. Danach will er Wirtschaftswissenschaften studieren. Vor wenigen Tagen hat er seine Freundin Eboh geheiratet, eine Deutsche mit einem afrikanischem Vater. Beide gehören der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage an und wurden im Mormonentempel Freiberg getraut, der zweite Teil von Fenils Happy-End. "In zehn Jahren möchte ich mein Studium abgeschlossen haben und einer guten Arbeit nachgehen, um meine Familie zu ernähren", blickt er in die Zukunft. "Denn Kinder wollen wir natürlich auch."

In drei Jahren könnte er eingebürgert werden. Seine Frau studiert Pharmazie in Leipzig, sein Bruder Anish hat die 10. Klasse beendet und macht jetzt ein Fachabitur. Die Eltern von Fenil und Anish werden derzeit in Deutschland geduldet. "Es könnte sein, dass sie nach Indien zurückmüssen, während ihre Jungs hierbleiben", sagt Rainer Pommer.

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