Von der Angst vor dem Wolf

Für manche ist er der Beweis dafür, dass der Mensch Fehler wieder gutmachen kann, für andere eine Gefahr, mit der sie nicht umzugehen wissen. Tierhalter im Erzgebirge fürchten sich vor Folgen der Rückkehr des Wolfes. Dabei geht es nicht nur um Schafe.

Annaberg-Buchholz.

Unter Tierhaltern im Erzgebirge ist der Wolf aktuell Dauerthema. Seitdem im April in Oberwiesenthal mehrere Schafe gerissen wurden - nachweislich von Wölfen - ist das Raubtier offiziell auch in der Region angekommen. Nun geht die Angst um, und das nicht nur bei Haltern von Schafen. Bauern sehen unter anderem auch ihre Kühe und vor allem Kälber in Gefahr. Jetzt meldet sich eine Familie aus dem Altkreis Annaberg zu Wort. Ihre Forderung an die Politik ist unmissverständlich: "Wir brauchen eine wolfsfreie Region." Dazu stehen sie - Vater, Mutter und zwei erwachsene Söhne -, dennoch wollen sie ihre Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Doch warum ist die Angst so groß? Bei der erzgebirgischen Familie, die seit Anfang der 1990er-Jahre einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, ist es die Sorge um die eigene Existenz, die für die Region traditionelle Art der Tierhaltung und auch die Liebe zu ihren Kühen. 30 Tiere - Mutterkühe, Kälber, Nachzucht und einen Zuchtbullen - besitzen sie. Ein kleiner Betrieb, der aber zum Leben reicht. Alle helfen mit, kümmern sich um die Kühe, die Grünflächen und Co. Die Tierzucht mache etwa 40 Prozent des Umsatzes aus. Zudem produzieren sie auf Dutzenden Hektar Land Futter für ihre Tiere und andere Tierhalter.

Wie noch üblich im Erzgebirge, stehen die Kühe in den wärmeren Monaten auf der Weide. Ein Elektrozaun schützt die Rinder und hält außerdem die Herde zusammen. Eine bewährte Praxis, seit Jahrzehnten. Doch gegen den Wolf schützt diese nicht. Laut einer Mitteilung des Landratsamtes gelten für Halter von Schafen und Co bestimmte Mindestanforderungen an den Herdenschutz, um im Ernstfall eine Entschädigung zu erhalten. "Halter anderer Nutztiere, etwa von Pferden oder Rindern, werden bei bestätigten Wolfsübergriffen generell entschädigt, da es für diese Tierarten keine definierten Kriterien zum Mindestschutz gibt", teilt das Landratsamt mit. Ein Trost ist das für die Familie und andere aber nicht. Denn sie wollen es nicht darauf ankommen lassen. Doch mehr Sicherheit sei kaum umsetzbar. Zum einen profitieren die Tiere aktuell von der Waldhufenstruktur in der Region. Die Pflanzen geben natürlichen Schutz vor Wind und Wetter. Um die Weiden wolfssicher zu machen, müssten die Zäune einige Meter von den Steinrücken entfernt positioniert werden. Zu weit weg, damit sich die Tiere noch unterstellen können. Außerdem denke niemand an die Topografie der Region. Um die Herden wirklich zu schützen, müssten Zäune an manchen Stellen meterhoch sein. "Wir haben so schon eine 7-Tage-Woche. Für so etwas haben wir keine Zeit", sagt einer der Söhne, der den Betrieb leitet. Ein befreundeter Landwirt, der ebenfalls Kühe hat, spricht sogar von einem zusätzlichen Arbeitsplatz, den er schaffen und natürlich auch bezahlen müsste, um seine Tiere entsprechend einzuzäunen. Einen 100-prozentigen Schutz bedeuten hohe Elektrozäune, Untergrabschutz und Co aber dennoch nicht. Das sagt auch Werner Bergelt, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Erzgebirge. Um Geld gehe es gar nicht. "Wir züchten schließlich kein Wolfsfutter", so Bergelt. Bei all dem spiele auch immer ein moralischer Aspekt mit. Wer selbst züchtet, den schmerzt jeder Verlust, egal ob durch Krankheit oder eben einen Wolfsriss. Das sieht auch die Bauernfamilie so. Ja, Kühe sind Nutztiere. Dennoch bestehe eine besondere Beziehung. Alle haben Namen, sie heißen etwa Constanze, Pia, Arne oder Kojak. Sie bekommen Streicheleinheiten, sollen nicht das ganze Jahr im Stall stehen. Es ist eine Art der Landwirtschaft, die mit Herzblut geschieht. Sie machen es alle gern, sagen die Familienmitglieder. Verzichten gern auf Urlaub - und das seit Jahren. Doch nun sehen sie das alles bedroht.


Früher hätten sie zweimal täglich nach den Tieren geschaut, nun kontrollieren sie öfter. Auch anderen Tierhaltern gehe es so. Die Angst sei allgegenwärtig. Die Herde jede Nacht in den Stall zu treiben, ist in ihren Augen keine Alternative. Eine reine Stallhaltung undenkbar.

Was sollte aus ihrer Sicht nun passieren? Zum einen fordern sie einen offenen Umgang der Behörden mit Wolfsrissen. Dazu gehören auch DNA-Proben, um die betreffenden Tiere eindeutig einem Rudel zuordnen zu können. Und dann ist da die Sache mit der wolfsfreien Region. Zwar wurde inzwischen ein Kabinettsbeschluss gefasst, der den Abschuss von Wölfen, die Nutztiere gerissen haben, erleichtern soll. Doch das allein reicht den erzgebirgischen Landwirten nicht aus. Laut dem Chef des Regionalbauernverbandes müsse man sich auch fragen, wie viele Wölfe eine Region vertrage. Im Monitoringjahr 2017/2018 wurden im Freistaat Sachsen 18 Rudel und vier Paare nachgewiesen. www.wolf-sachsen.de

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