Was Pinocchio auch Eltern lehrt

Das Team vom Theater Liberi gastiert mit dem bekannten Kindermusical in Aue. Eine Inszenierung, die es in sich hat.

Aue.

Handwerksmeister Geppetto steht in seiner kleinen Werkstatt und baut aus feinstem Pinienholz eine Marionette. Auf den Körper setzt er den Kopf mit einer auffälligen schmalen Nase. Die Arme steckt er in eine schwarz-weiß gemusterte Jacke. Die Puppe sitzt auf dem Tisch. Jetzt fehlen nur noch die Beine.

Um diese anzubringen, legt er den hölzernen Leib in eine Kiste und schraubt dort die Beine an. Er hebt die Puppe, die in diesem Moment natürlich schon Maik Dehnelt ist, aus der Kiste und setzt sie zurück auf den Tisch. Als Geppetto, gespielt von Dennis Fischer, schläft, kommt die Blaue Fee (Elisa Maria Matzer) in die Werkstatt. Sie haucht Pinocchio Leben ein. Zwar kann er sich nun bewegen und auch reden, doch ihm fehlen Herz und Verstand, um ein richtiger Junge zu sein.

Torsten Kleditzsch

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Die Blaue Fee will ihren Schützling nicht allein lassen, stellt ihm also die Grille zur Seite. Mareike Heyen verkörpert diese in einem grünlich schimmernden Frack und glänzendem Zylinder. Ihre Bewegungen erinnern, indem sie die Füße auffällig nach außen dreht und immer wieder tief in die Knie geht, an einen Grashüpfer. Zudem wirkt sie mitunter altklug und doch sympathisch, wenn sie Pinocchio dabei hilft, ein richtiger Junge zu werden und ihn auf seinen Abenteuern begleitet.

Überhaupt gelingt es dem Team des Theaters Liberi, das am Samstag im Kulturhaus Aue vor gut 400 Gästen spielte, das bekannte italienische Märchen jung und frisch zu interpretieren. Flotte Musik und schwungvolle Choreografien, die sofort den Funken ins Publikum überspringen lassen, runden den wunderbaren Musicaleindruck ab.

Das Bühnenbild von Beata Kornatowska kommt mit wenigen, effektvollen Elementen aus, die sich noch dazu sehr schnell und zum Teil innerhalb des Spiels auf der Bühne umbauen lassen. Durch kräftige Farben wirkt es sehr fröhlich und kurbelt die Fantasie der Kinder an.

Die Parabel des Märchens wird in der modernen Inszenierung von Helge Fedder, der nicht nur Regie führte, sondern auch als Autor arbeitete, so erzählt, dass sie sogar für die Jüngsten verständlich ist. Pinocchio ist viel mehr als die Geschichte einer Holzpuppe, die sich auf den Weg macht, eigene Erfahrungen zu sammeln. Es ist die Geschichte des Erwachsenwerdens - aus der sich sowohl die Eltern als auch die Kinder einiges mitnehmen können. Loslassen müssen die Erwachsenen, wenn sie ihre Kinder nicht für immer verlieren wollen. Hingegen muss der Nachwuchs bereit sein, zu lernen und Verantwortung zu übernehmen, wenn er selbstbewusst den Kinderschuhen entwachsen will.

Pinocchio jedenfalls nimmt diese Herausforderung in Angriff, stößt an seine Grenzen und wird durch die Grille, die manchmal wie eine unsichtbare schützende Hand eingreift, gleich mehrfach gerettet. Ein bisschen scheint es, als wolle Fedder sagen: "Liebe Eltern, seid manchmal unsichtbar, aber da, um an Scheidewegen sanft einzugreifen."

Pinocchios Entwicklung von der Holzpuppe zu einem Jungen mit Herz und Verstand geschieht nicht nur in seinen Handlungsweisen, sondern passiert auch sichtbar fürs Publikum durch die Veränderungen in seinen Bewegungen. Wirken diese anfangs eckig, kantig und ungelenk, sind sie zum Schluss menschlich, weicht und flüssig. Als die Puppe Pinocchio über Nacht dann tatsächlich zu einem richtigen Jungen wird, verliert er letztendlich sogar seine lange Nase.

Obwohl einige Szenen schon ungute Gefühle auslösen sollen, sind die Episoden etwa im Puppentheater, die Begegnung mit Fuchs und Kater oder mit dem Meeresungeheuer nicht gruselig oder gar verstörend. Alles in allem ist die Inszenierung kindgemäß und spannend. Im Kulturhaus Aue wird sie ein voller Erfolg und für die Gäste sicher zu einem unvergesslichen Nachmittag.

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