Wo Blinde und Rollstuhlfahrer im Stadtzentrum hilflos sind

In Aue sind in den vergangenen Jahren etliche Stolperfallen für gehbehinderte Menschen verschwunden. Das loben Betroffene. Doch Schwachstellen bleiben.

Aue.

Für Menschen mit Handicap stellt der Alltag oft eine Herausforderung dar. Während die gewohnte Umgebung zu Hause der Beeinträchtigung angepasst ist, sieht es beim Gang vor die Tür oft anders aus. Madeleine Jannasch sitzt im Rollstuhl, Birgit Kaiser ist sehbehindert: Sie beide haben für "Freie Presse" getestet, wie behindertenfreundlich das Auer Stadtzentrum ist.

Es war 2003, als der Körper von Madeleine Jannasch durch das Cushingsyndrom zu viel Cortison produzierte und dadurch kein Calcium mehr in ihre Knochen eingelagert wurde. Seitdem ist die 47-Jährige aus Lauter-Bernsbach auf den Rollstuhl angewiesen. "Ich musste in eine neue Wohnung umziehen, die mein Vater behindertengerecht umgebaut hat", erzählt sie. Anfangs hatte sie Angst, weite Strecken allein zurückzulegen, doch schnell erlangte sie Sicherheit.


Madeleine Jannasch erklärt, dass sich in den vergangenen Jahren viel getan hat, die Stadt behindertengerechter geworden ist. "Zum Beispiel der Umbau der Bahnhöfe in Aue und Schwarzenberg, das Areal um das Helios Klinikum sowie der Umbau des Landratsamts und des Auer Rathauses", zählt sie auf. Für letzteres erhielt die Stadtverwaltung 2014 sogar den sächsischen Inklusionspreis in der Kategorie Barrierefreiheit. Ein Lift im Rathausgebäude, ein abgesenkter Empfangstresen, ein Haupteingang ohne Treppen - das überzeugte die Jury.

Für Madeleine Jannasch gibt es aber immer noch Bereiche in Aue, die sie vor Probleme stellen - das zeigt ein Rundgang im Zentrum. "Da ist zum Beispiel die Kreuzung von Auerhammerstraße und Schneeberger Straße. Die Bordsteine sind zu wenig abgesenkt. Die fünf Zentimeter hohe Kante kann ich mit meinem Rollstuhl nicht überwinden." Stattdessen muss sie einen 100 Meter langen Umweg nehmen.

Eine andere Schwierigkeit stellen die Türen zu den Arztpraxen in der Nicolaipassage dar. "Sie müssen händisch geöffnet werden und lassen sich nicht feststellen. Das wäre jedoch notwendig, um rückwärts über die Türschwelle fahren zu können", sagt Madeleine Jannasch und erklärt: "Sie ist für mich zu hoch um vorwärts darüber zu kommen." Ohne fremde Hilfe gelangt sie somit nicht durch den Eingang. "Teilweise muss ich mehrere Minuten warten, bis mir jemand die Tür aufhält." Auch eine Busfahrt stellt sie vor Herausforderungen: "Wenn ich Bus fahren möchte, muss ich beim RVE anrufen und zu meiner gewünschten Zeit einen Bus mit Rollstuhlrampe anfordern. Ansonsten wäre für mich der Zustieg unmöglich", berichtet die 47-Jährige. Weiterhin überhaupt nicht erreichbar bleiben für Madeleine Jannasch die Post, das Kino, das Bürgerhaus und die Galerie der anderen Art.

Birgit Kaiser aus Schneeberg ist hingegen auf ganz andere Unterstützung angewiesen - die 41-Jährige ist von Geburt an sehbehindert. "Ich war eine Frühgeburt und erhielt im Brutkasten zu viel Sauerstoff", erklärt sie. Ihre Sehkraft wurde über die Jahre immer schlechter. Mittlerweile ist sie auf dem rechten Auge komplett blind; auf dem linken erkennt sie nur Umrisse.

Dass sich in den vergangenen Jahren vieles zum Positiven verändert hat, bestätigt Birgit Kaiser und führt einige Beispiel an: "In der Dürerschule wurde ein Blindenleitsystem installiert und die Türschilder in Blindenschrift gestaltet. Die Geldautomaten der Erzgebirgssparkasse sind inzwischen teilweise mit Tasten und einer Sprachausgabe ausgestattet. Außerdem gibt es in fast allen Bussen des RVE eine Haltestellenansage, die aber zum Teil noch zu leise ist."

Ein Problem sei hingegen der Auer Postplatz. Hier fehle eine sogenannte Leitlinie, die zum 90 mal 90Zentimeter großen Einstiegsfeld führt. "Das Feld zeigt den Blinden, wo der Bus hält und sich die Vordertür zum Einstieg befindet", erklärt Birgit Kaiser. "Ich muss immer andere Personen fragen, oder den Einstieg mit meinem Blindenstock ertasten." Am Neumarkt befindet sich außerdem ein Briefkasten der Deutschen Post, der so hoch hängt, dass sie ihn mit dem Blindenstock nicht bemerkt. "Der Briefkasten müsste tiefer aufgehängt werden. Ansonsten besteht immer die Gefahr, dass ich dagegen laufe", sagt sie.

Birgit Kaiser ist seit 2010 Mitglied im Verein Blinder und Sehbehinderter Aue-Schwarzenberg. "Wir haben viele bauliche Veränderungen angeregt, können allerdings nicht alles auf einmal in Angriff nehmen", sagt sie. Ihr dringlichster Wunsch: Fußwege sollten nicht zugestellt und alle Ampeln mit einem akustischen und einem fühlbaren Signal ausgestattet werden.

Wie schwierig es mitunter sein kann, sich als Gehbehinderter in Aue fortzubewegen, haben vor kurzem die Kinder des Horts "Auer Weltentdecker" getestet. In einem Selbstversuch mit einem Rollstuhl nahmen die Viertklässler den Postplatz unter die Lupe. Dabei fiel ihnen bei einigen Geschäften auf, dass diese nur über eine Treppe erreichbar sind. Auch die eine oder andere Bordsteinkante machte den Mädchen und Jungen zu schaffen. Hortleiter Andreas Rucks sagt: "Es war für die Kinder ein Erlebnis der anderen Art. Viele dachten nicht, dass es so anstrengend ist." Am Ende habe das Fazit der Kinder daher gelautet: "Es muss noch mehr getan werden", berichtet er. (mit juef)

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