Wo die Küche zum riesigen Winterberg wird

Helga Spiller kann es nicht lassen. Aus jedem Püppchen zaubert sie eine Lichterfigur. Warum gerade im Advent die Kaffeemaschine im Schrank landet.

Raschau.

Vor 1989 hat Helga Spiller im Kabelwerk Schlettau Drähte zusammengelötet. Nach der Wende widmete sich die Raschauerin verstärkt ihrem Hobby, das im Elternhaus ihr Interesse weckte. Schon seit 1972 wurden bei Familie Weinert in Crottendorf original erzgebirgische Lichterpuppen repariert. Da waren Hände abgebrochen, der Lichterbogen defekt oder das Kleid nicht mehr fein genug.

Nach dem Tod ihrer Eltern fühlte sich Helga Spiller berufen, die Tradition fortzuführen - zunächst in ihrem Zuhause im Raschauer Wohngebiet "Texas". "Der Name ,Texas' ist entstanden, weil es in den Wismuthäusern unter den Kumpels ab und zu mal Auseinandersetzungen gab. 2012 wurden die letzten dieser Häuser abgerissen. Wir sind kurz zuvor an die Genossenschaftsstraße am anderen Ortsende in Richtung Markersbach umgezogen", erzählt sie.

Als ihr Mann Horst starb, wollte sie die Arbeit an den Lichterpuppen an den Nagel hängen. "Doch mittlerweile habe ich mir seine handwerkliche Arbeiten mit dem Holz angeeignet und säge im Keller die Teile für den Puppenkörper am Schraubstock selbst zurecht, damit aus einem groben Klotz ein Lichterengel entstehen kann. Wer schaut schon einem Engel untern Rock", sagt sie lachend. Schließlich käme es darauf an, dass die Pracht nach außen strahlt. Einen weißen Farbanstrich erhält der "Körper" trotzdem, damit er durch die feine Spitze des Kleides nicht zu erkennen ist. An die Füße kommen mit Pelz besetzte Stiefel. Wenn erforderlich, erhalten die Puppen heute auch einen neuen Kopf aus Weichplaste.

Besondere Freude kommt bei Helga Spiller auf, wenn sie ältere Exemplare "aufhübschen" darf. So ein Christkindl von 1900, mit einem Mäntelchen aus echtem Hasenfell, geschnitzten Händen, braunen Stiefeln, Spitzenhäubchen und Porzellankopf. Aber auch aus den 1950er-Jahren gibt es sehr schöne Puppen. Was allen fehlt, ist der Lichterbogen. Und den muss Helga Spiller selbst anfertigen und platzieren. "Manchmal sollen die Puppen auch Flügel erhalten, und auch der erste Lichterpuppenjunge wurde auf Wunsch geboren", sagt die Puppenmama und zieht dem Bub eine Hose über die Beine. Kleider in Weiß werden am häufigsten für die Mädchen gewünscht, aber auch alle anderen Farben seien da möglich. Auf den Kopf kommen Häubchen aus Stoff oder Fell - oder eine Krone aus Pappe, die mit Goldflimmer besetzt wird. Die Lichterbögen besitzen eine Grundform aus Sperrholz, darauf werden 20Lampen montiert und mit silber- oder goldfarbenem Glitzerband ummantelt.

"Ich freue mich besonders, dass sich die Kinder aus unserer Kita ,Zwergenland' nicht nur für die Lichterpuppen interessieren, sondern regelmäßig in der Adventszeit vorbeikommen, um meinen Winterberg zu bestaunen", sagt Helga Spiller. Dafür muss die Kaffeemaschine im Schrank verstaut werden. Auf 3,80 Meter Länge und 60 Zentimeter Breite wird die Arbeitsplatte der Küche zur erzgebirgischen Landschaft: Vom Wald geht es ins Dorf und von dort in die Stadt. Seit diesem Jahr dreht zusätzlich noch eine batteriebetriebene Holzeisenbahn ihre Runden. Alle Häuser, Figuren und Kulissen sind ein Bastel-Sammelsurium aus vielen Jahrzehnten.

"Mein Anliegen ist es, Kinder für die erzgebirgischen Traditionen zu begeistern. Wer sich anmeldet ist jederzeit willkommen, um mehr über die Lichterpuppen und den Winterberg zu erfahren", sagt die 63-Jäh- rige.

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