Wohnen, wo andere Leute Urlaub machen

In einer losen Beitragsfolge will "Freie Presse" 2017 die Stadtteile von Schwarzenberg aus Sicht ihrer Bewohner unter die Lupe nehmen. Heute: Die historische Altstadt.

Schwarzenberg.

Den Satz "Wir wohnen dort, wo andere Leute Urlaub machen" würden sicher zahlreiche Schwarzenberger sofort unterschreiben. Allerdings: Hört man sich unter den Bewohnern der Stadt einmal genauer um, so sparen diese auch nicht an Kritik.

Familie Fischer gehört zu den insgesamt 1051 Menschen, die aktuell in der Schwarzenberger Altstadt wohnen. Mutter Susann (46), Vater Peter (52), Tochter Luise (15) und Sohn Patrick (27), der bereits eine eigene Wohnung hat - natürlich in der Altstadt. Die Fischers wohnen seit 2003 in einem Haus an der Unteren Schlossstraße zur Miete. Genau vor ihrem Küchenfenster steht der Glockenturm, doch das täglich mehrfach erklingende Porzellanglockenspiel stört sie keineswegs. Susann Fischer arbeitet im Schichtdienst in der Altenpflege, Vater Peter ist Berufskraftfahrer, schrubbt pro Woche Tausende Kilometer mit dem Lkw für eine Firma in Regensburg, und Luisa geht noch zur Schule. Sie wünscht sich vor allem Plätze, wo auch Jugendliche geduldet werden. Als sie klein war, hatte sie den Drachen-Spielplatz direkt vorm Haus. Das einzige Problem, das die Fischers benennen, ist das Parken. Parkplatzsorgen haben sie vor allem, wenn Feste anstehen. "Zum Tag der Sachsen 2013 war das perfekt geregelt. Da war für Anwohner ein Platz am Hofgarten reserviert, weil die Innenstadt gesperrt war. Das müsste auch zum Weihnachtsmarkt so sein", meint Peter Fischer. Einkaufen stellt für die Familie keine Hürde dar. "Bäcker haben wir vor der Tür. Der Rest wird organisiert, einmal pro Woche und wenn man was vergessen hat, ist man schnell mal ins Kaufland gehüpft", heißt es.

Für Hannelore Trommler ist das schon eher ein Problem. Die Rentnerin lebt in dem Haus an der Oberen Schlossstraße, in dem sie vor 84 Jahren auch geboren wurde. Es gehört ihr, und weil die Kinder und Enkel mit einziehen wollten, hat sie es nach der Wende schrittweise sanieren lassen. "Ich bin wirklich so mit dem Haus und der Stadt verbunden, dass mich nichts und niemand hier wegbringt", sagt sie. Nur ein Geschäft mit Waren des täglichen Bedarfs, das vermisst sie sehr. "Das Gemüsegeschäft, das voriges Jahr zugemacht hat, das fehlt uns Älteren schon sehr", sagt sie. Der Weg in die umliegenden Supermärkte sei für ältere Leute schon weitaus beschwerlicher, zumal sie kein Auto hat. "Dabei laufe ich viel, schon wegen Emma", sagt sie und zeigt auf ihren den vierbeinigen Begleiter, einen Bolonka Zwetna. Aber der Rückweg vom Einkauf mit vollen Taschen sei eben beschwerlich. Das Umfeld der Altstadt habe sich aus ihrer Sicht prächtig entwickelt. "Wir haben ja noch alles: Ärzte, Zahnärzte, Sparkassenfiliale. Wir können nicht klagen. Und ich mag die Wasserspiele auf dem Markt und den Schrägaufzug. Das sind Bereicherungen, die nicht nur Gäste erfreuen", so Trommler. Auch Familie Fischer ist sich einig: "Es ist viel passiert in den vergangenen Jahren, uns gefällt es hier gut."

Und die Feste? "Die machen mir nichts aus. Da spürt man wenigstens, dass die Stadt lebt", sagt Hannelore Trommler. Traurig sei sie darüber, dass sich Einwohner aus anderen Stadtteilen kaum für die Altstadt interessieren. "Das ist schade", meint sie. Auch Familie Fischer nimmt die Angebote der Feste und der Kultur gern wahr.

Wünsche an die Stadtverwaltung, die die von "Freie Presse" besuchten Bewohner haben, sind simpel. Fischers wünschen sich etwas mehr Kulanz von den Politessen. "Wenn ich nachts vom Spätdienst komme, such' ich natürlich einen Parkplatz nahe des Hauses", sagt Susann Fischer. Das morgendliche Knöllchen am Auto verärgert dann schon, wenn die Uhr zehn Minuten überschritten ist. "Da müsste etwas mehr Verständnis auch für unsere Lage da sein. Wir legen gern eine Anwohnerkarte rein." Auch eine kosten- freie Jahreskarte für den Lift wäre aus ihrer Sicht eine Geste.

Wohnen in einem Stadtzentrum setze immer Kompromissbereitschaft voraus, sagen alle Befragten. Das Gros der Häuser in der Altstadt ist in Privatbesitz. Doch sowohl viele Wohnungen als auch Ladengeschäfte stehen derzeit leer.


Einwohner

Aktuell leben 1051 Bürger in der Schwarzenberger Altstadt; davon 523 Männer und 528 Frauen.

Darunter: 152 Kinder (0 bis 14 Jahre); 77 Jugendliche (15 bis 24 Jahre). Die stärkste Gruppe sind mit 366 Personen die 40- bis 64-Jährigen.

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