Krankheit des Vergessens fordert Familien wie Pfleger heraus

Die Demenz betrifft immer mehr Menschen. Der Umgang mit Betroffenen ist nicht leicht, bräuchte mehr Fachkräfte und Aufmerksamkeit. Dafür macht sich im Erzgebirge eine Allianz stark.

ChristinaWagner - Altenpflege-Lehrling
AndreaGütlein - Altenpflege-Lehrling

Von Anna Neef

Schon das Wort allein jagt vielen Menschen den Schreck in die Glieder: Demenz. Die Krankheit des Vergessens, von der Patienten vor allem im höheren Alter betroffen sind, stellt die Welt auf den Kopf - auch für Freunde und Angehörige von Betroffenen. Und nicht zuletzt für das Pflegepersonal.

"Selbst im dritten Lehrjahr reicht das theoretisch vermittelte Wissen dazu für die Praxis nicht wirklich aus", findet Christina Wagner. Die angehende Altenpflegerin vom Beruflichen Schulzentrum Schneeberg reagiert deshalb oft nach Gefühl. "Im ambulanten Bereich, in dem ich arbeite, sind es vor allem die Anfänge von Demenz, die sich bemerkbar machen." Es entfallen Namen oder Daten, die Menschen wirken wesensverändert. "Man muss sensibel sein", sagt die junge Frau und nennt ein Beispiel: "Wenn beim Spazierengehen jemand grüßt - und mein Senior weiß nicht mehr, wer das ist." Es sei ein Spagat, ehrlich zu bleiben, sobald solche Dinge vermehrt auffallen - auch gegenüber Freunden und Angehörigen des Betroffenen, ohne den Patienten bloß zu stellen. "Eine Herausforderung", findet die Schneebergerein.

Auch Andrea Gütlein ist Altenpflege-Lehrling im dritten Jahr, vor allem auf Station im Heim eingesetzt. "Da geht es meist um fortgeschrittene Formen der Demenz. Auch ich würde mir mehr Aufklärungsarbeit zu dieser Krankheit wünschen." Bei vielen löse sie Unsicherheit und Ängste aus. "Vor allem in den Familien. Und die Betroffenen spüren, dass etwas nicht stimmt." Angehörige reagieren laut Andrea Gütlein verschieden. "Manche zeigen Verständnis, befassen sich damit und kümmern sich rührend um ihre Lieben." Anderen fällt der Umgang mit Demenz schwer. "Hab dich nicht so", seien dann Ansagen an die Betroffenen - weil einfach alle mit der Situation überfordert sind.

Wie kann Demenz ihren Schrecken verlieren? Eine lokale Allianz nimmt die Herausforderung an und will Netzwerke schaffen, die Betroffenen helfen. "Wir wollen das Thema in die Gesellschaft tragen und einen Austausch anregen, um über die Krankheitsbilder und -verläufe aufzuklären und Hilfe vermitteln zu können", sagt Kerstin Klöppel von der Arbeiterwohlfahrt Erzgebirge, die mit der Gemeinde Bärenstein und der Awo Annaberg/Mittleres Erzgebirge die Lokale Allianz für Menschen mit Demenz im Erzgebirgskreis ins Leben rief. Basis ist ein Förderprogramm des Bundes, das 500 solcher Netzwerke hervorbrachte. Der Weg sei noch weit, weiß Kerstin Klöppel.

In Schneebergs "Goldner Sonne" hielt die Allianz unlängst mit knapp 50 Gästen aus Politik, Klinikwesen und Pflegesektor ihren 5. Fachtag ab - und knüpfte neue Kontakte. "Das ist wichtig, denn bisher sind Anlaufstellen begrenzt", so Klöppel. Das bestätigte Sabine Osmayer als Vertreterin der Landesinitiative Demenz Sachsen. "Viele Angebote auf dem Sektor laufen im Ehrenamt oder über Selbsthilfegruppen." Es gebe enormen Bedarf für Angebote speziell für Menschen mit Demenz und deren Familien. Etwa Freizeitaktivitäten und Betreuungszeiten. Voraussetzungen dafür wären in erster Linie mehr Geld und mehr Personal - schwer umsetzbar. Häufige Anlaufstellen sind derzeit Tagespflege oder Hausarzt. Es bräuchte mehr professionelle Akteure. Denn Familien, die Angehörige mit Demenz pflegen, geraten laut Osmayer schnell an ihre Grenzen. 4,5 Stunden pro Tag weist die Statistik an Pflegezeit aus. "Das reicht oft nicht, weil es teils weit über die normale Pflege hinausgeht."

Es müsse viel getan werden, um Netzwerke aufzubauen, die Entlastung schaffen - gerade mit Blick auf den ländlichen Raum und seine Strukturschwächen und mit Blick auf Familien, die bei der anspruchsvollen Pflegeleistung nicht allein gelassen werden dürfen.

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