Angebote zur Teilhabe im Hufelandgebiet: ein Kraftakt

Seit mehr als zwei Jahren gibt es in Stollberg ein von der EU gefördertes Programm, das Menschen zusammenbringen, Kontakte aufbauen soll. Doch es will nicht so richtig zünden. Warum? Der Versuch, Antworten zu finden.

Stollberg.

Die Pflanzen brauchen ein tiefes Loch, das kräftig mit Wasser gefüllt wird. Nur so können sie gut wachsen in diesem großen Kübel im Wohngebiet Hufeland. Es ist Mittwochnachmittag und dieses kleine Fleckchen Erde soll schöner werden. Die Pflanzen hat Uta Felber gekauft, zum Einbringen in die Erde hofft sie auf Unterstützung der Menschen, die hier leben. Immerhin rund 550 sind das in dem Gebiet unweit der Stollberger Talsperre. Drei sind gekommen. Uta Felber seufzt kaum hörbar und lächelt spürbar. Sie macht das Beste draus, quatscht noch zwei Kinder an, die gerade mit dem Ball hinter dem Haus verschwinden wollen. "Kommt, macht ein paar Minuten mit", sagt sie. Es ist eine Situation, die sinnbildlich steht für die Arbeit von Uta Felber. Sie ist die Quartiersmanagerin für das Gebiet, hält quasi die Fäden in der Hand, erarbeitet Projekte, hält Kontakt zu Partnern. Dafür braucht sie einen langen Atem und viel Geduld.

Seit 2017 läuft das Programm "Nachhaltige soziale Stadtentwicklung" für das Gebiet Innenstadt und Hufeland. Das Ziel ist, die Menschen teilhaben zu lassen am öffentlichen Leben. Nicht wenige hier beziehen SGB II, nicht nur gefühlt ist die Innenstadt mit Schlachthof und schickem Simmel-Center weit weg. "Wir wollen die Menschen abholen", sagt Uta Felber und vergleicht es mit der Agentur für Arbeit: "Nur, dass wir keine Jobangebote machen, sondern noch niederschwelliger anfangen: Angebote zur Teilhabe, zur Kommunikation, zur Nachbarschaftspflege. Als Motivation." Doch so richtig will es nicht zünden.

Insgesamt erhält die Stadt Stollberg gut 370.000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), der Fördermittelanteil liegt bei 95 Prozent. Bis Ende dieses Jahres werden laut Uta Felber etwa 100.000 Euro genutzt sein. Etwa läuft die 3-D-Druckwerkstatt im Kulturbahnhof recht gut. Als fester Anlaufpunkt für das gesamte Quartier wurde im März 2017 der Hufelandtreff eingerichtet. Drei Tage in der Woche ist der geöffnet, ein Ort zum Quatschen und Ausgangspunkt für Aktionen wie etwa Wanderungen. Zwei Wohnungen im Erdgeschoss eines Blocks wurden dafür umgebaut. Eine Begegnungsstätte, da es hier nichts weiter gibt zum Treffen außer einem Spielplatz. Kein öffentlich zugänglicher Ort, wie es das Dürer-Gebiet mit der alten Schule hat. Auch Uta Felber hat hier ihr Büro, kümmert sich von hier aus nicht nur um das Hufelandgebiet, sondern auch um die Innenstadt, die mit in das Fördergebiet fällt. Im Hufelandtreff gibt einen Tisch mit Stühlen zum Quatschen und Ideen ausbrüten, eine kleine Küche, in der im Winter auch mal Plätzchen gebacken werden. Manchmal ist eine Handvoll Menschen da, am Mittwoch, dem Haupttag kommen auch mal 10 bis 15 Leute. Nicht die Masse bei einem Wohngebiet mit mehr als 500 Menschen. "Relativ viele wissen von dem Hufelandtreff, doch weniger nutzen es", räumt Uta Felber ein. "Luft nach oben ist immer." Auch ihr Chef, Oberbürgermeister Marcel Schmidt, muss einräumen: "Sicherlich wäre es schöner, mehr Menschen zu erreichen." Doch das sei nicht so einfach. "Ich glaube, viele Menschen, die nicht in berufliche Strukturen eingebunden sind oder/und über geringes Einkommen verfügen, sind auch in Bezug auf ihre Selbsteinschätzung eher zurückhaltend und scheuen sich davor, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Es wird daher auch künftig darum gehen, Schritt für Schritt, über Bekannte und Nachbarn an denjenigen zu gelangen, der sich selbst nicht zutraut, Kontakt aufzubauen. Das dauert und erfordert Geduld."

Denn ein starkes Miteinander im Wohngebiet sieht anders aus. "Ich verstehe es auch nicht", zuckt Christine Schulz mit den Schultern, weil sie zum Blumenkübel bepflanzen nur drei Leute sind. Sie gehört mit ihren 76 Jahren zu den ersten Mietern, viele in ihrem Alter könnten nicht mehr so, sagt sie. "Und das Kanapee und 'Sturm der Liebe' ist halt auch schön", sagt Christine Schulz. "Ab einem gewissen Alter wird man bequemlich, glauben Sie mir." Eine Ausrede dürfe das dennoch nicht sein. "Wir wohnen doch gerne hier. Nah am Wald und mit der Grünen Linie kommt man schnell in die Stadt", betont Schulz.

Sylvia Schraps wohnt seit 1984 im Hufelandgebiet. Sie findet, die Resonanz ist ein Ausdruck der heutigen Zeit, da macht halt jeder seins. Vielleicht haben die jüngeren Leute mehr Stress, längere Arbeitswege. Obwohl die Einzelfallhelferin an einer Förderschule an diesem Nachmittag auch gerade von Arbeit kam, sich in die Gartenklamotten geworfen hat und nun mit anpackt. "Vor 20 Jahren war der Zusammenhalt ein anderer. Meine Kinder, die hatten eine schöne Truppe um sich."

Bis Ende August 2022 ist noch Zeit für das Projekt. Es gibt Pläne, mit dem Pink Panther die Jugendarbeit neu auszurichten und ein Pfadfinderformat zu starten. Uta Felber will nicht nachlassen: "Wir müssen wissen, was den Bürgern fehlt, wobei wir unterstützen können, wie wir durch gemeinsames Tun unsere kleine Stadtgemeinschaft stärken helfen."


Fördergebiete in Stollberg

Seit 1993 laufen in Stollberg verschiedene Programme für städtebauliche Erneuerung. Einige sind bereits abgerechnet, sagt Jana Walter, im Rathaus zuständig für die Stadtplanung. Dazu gehören die Altstadtsanierung, in die rund 12,5 Millionen Euro geflossen sind und das Projekt Soziale Stadt für das Dürer-Gebiet/Eichenbuschsiedlung, in das rund 7 Millionen Euro investiert wurden (jeweils mit zwei Dritteln Fördermittelanteil).

Aktuell bestehen neben dem Vorhaben "Nachhaltige Soziale Stadtentwicklung", das die - ursprünglich getrennten - Gebiete Innenstadt und Hufeland umfasst, noch zwei Städtebauförderprogramme: Kernstadt, die zum Beispiel alle Maßnahmen im Areal Stalburc/Hoheneck einschließt, und das Erich-Weinert-Gebiet, wozu etwa auch der Schlachthof gehört.

Während es bei den Städtebauförderprogrammen vor allem um investive Maßnahmen etwa wie Gebäudesanierung geht, ist das ESF-Projekt nicht-investiv. Damit soll das Gebiet belebt werden. Deshalb sollen sich die Fördergebiete in der räumlichen Ausdehnung überschneiden. (kan)

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