Arbeiter fragen Ministerpräsident: Digitalpakt, Lehrer, Arbeits-Stress

Im September ist Wahl in Sachsen: Kein Wunder also, dass Landesvater Michael Kretschmer zum Volk will, oft auf Reisen ist. Bei den Niederwürschnitzer Maschinenbauern gab es Salzbrezeln und Apfelsaft in der Fabrikhalle - vor allem aber direkte Fragen der Belegschaft.

Niederwürschnitz.

Bei der MN Maschinenbau Niederwürschnitz arbeiten 80 Leute. Sie leben in der ganzen Region. Männer in Arbeitsklamotten, die anpacken können, für die Schmierstoffe oder Metallspäne kein Dreck sind. Mittendrin am gestrigen Freitag ein schlanker Mann in feinem Zwirn, blank geputzten Herrenschuhen und mit strahlendweißem Hemd: Ministerpräsident Michael Kretschmer.

MN-Geschäftsführer Günther Bessinger hatte ihn eingeladen, um vor allem mit der Belegschaft zu diskutieren. "Es gibt unbestritten eine große Unzufriedenheit unter den Bürgern, besonders in Sachsen. Diese negative Stimmung muss rasch ins Positive umgewandelt werden", argumentierte Bessinger.


Doch was haben die Maschinenbauer gefragt? Hier einige Beispiele:

Arbeiter Michael Voigt störte vor allem die angespannte Lehrersituation im Freistaat. Er erzählt von der Grundschule in Niederwürschnitz, in der seine Kinder in die erste und die vierte Klasse gehen. "Da war mal wieder Personalmangel: Eine Lehrerin musste sich um vier Klassen gleichzeitig kümmern. In einer Klasse war Unterricht, in den anderen drei Klassen Stillarbeit. Es kann ja sein, dass auch mal Lehrer ausfallen - ich will diesbezüglich der Schule keinen Vorwurf machen. Aber das alles ist doch in Sachsen generell sehr auf Kante genäht."

Kretschmer nickt. Seine Vorgänger hätten die Lage und die Lösungsmöglichkeiten falsch eingeschätzt, so Kretschmer sinngemäß. "Auch ich habe früher gesagt, wir verbeamten die Lehrer in Sachsen nicht." Doch es seien immer mehr Fachkräfte in andere Bundesländer gegangen. Deshalb habe er dazugelernt. "Wir verbeamten jetzt, erhöhen auch die Gehälter." Voigt stellte fest, dass es nicht sein könne, dass ständig neue Lehrer kämen, Klassenleiter ebenso. Dann seine Nachfrage, wann denn mit den "Massen an Lehrern zu rechnen" sei? Darauf ging Kretschmer nicht weiter ein.

Ein weiteres Problem war das Thema Mehrarbeit. Ein Kollege von Voigt sagte: "Die Belastungen der Arbeiter ist immer mehr angestiegen." Deshalb müsse die Arbeitszeit generell in Deutschland gesenkt werden. Kretschmer: In Deutschland arbeite jeder im Schnitt 1750 Stunden im Jahr, in Singapur etwa - dort war der Ministerpräsident kürzlich gewesen - liege der Mittelwert bei 2250 Stunden. Er wolle diese Verhältnisse nicht in Deutschland oder Sachsen, forderte aber auch Maß zu halten bei zuviel Teilzeit. Es gebe nicht mehr so viele Leute, die überhaupt noch die ganze Arbeit leisten könnten. "Eine 30-Stunden-Woche, wie es einige fordern, ist flächendeckend unmöglich", so der Landesvater.

Ein anderer Mitarbeiter konnte Folgendes nicht verstehen: "Warum ist der Digitalpakt im Bundesrat erst durchgefallen?" Es ging doch zwischen Bund und Ländern für eine bessere Ausstattung von Schulen. Er selbst habe eine Tochter in der 6. Klasse, dort sei das 21. Jahrhundert noch nicht angekommen. Kretschmer ließ die Belegschaft hinter die Berliner Kulissen blicken, sprach von einer Misstrauenskultur. "Es gibt im Bundestag einen großen Frust auf die Länder. Denn diese sollen schon in der Vergangenheit nicht immer das Geld für die Zwecke ausgegeben haben wie zugesagt." Er habe jedenfalls die Auffassung, dass bei einer Summe von fünf Milliarden Euro wie beim Digitalpakt nicht die Regelung gelten dürfe, für jeden Euro vom Bund auch ein Euro von den Ländern. "Das kann vielleicht Bayern oder Baden-Württemberg leisten, aber sicher nicht Sachsen." Mittlerweile gab es ja eine Einigung im Digitalpakt: Der Bund zahlt besagte fünf Milliarden Euro, davon bekommt Sachsen 250 Millionen Euro - ein Zehntel dieser Summe, also 25 Millionen Euro, legt der Freistaat noch oben drauf.

Ebenso wurden Themen zur Rentenberechnung, zum solidarischen Sozialsystem oder gerechteren Löhnen angesprochen. Ein Mitarbeiter wollte wissen, wie es sein könne, dass so viele Energieversorger in privaten Händen sein dürfen, die dann Pleite gingen. Er selbst helfe Betroffenen ehrenamtlich. Er sprach von Insolvenzen wie Teldafax, Care Energy und anderen. Kretschmer sagte, er sei nicht für Privatisierung und rate Gemeinden, Stadtwerke nicht zu verkaufen, sondern möglichst die Energie- oder Wasserversorgung in der Region zu belassen.

Ein Mitarbeiter hatte dann noch eine ganz andere Frage: Warum sei Kretschmer 1989, mit 14 Jahren, in die Junge Union gegangen? Der Ministerpräsident: "Das war neu und aufregend in dieser Zeit. Wie ein Hobby, wie in einem Sportverein."

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