Auto-Industrie: Erzgebirge gehört bald zu den Verlierern in Sachsen

Der Wandel zum Elektroantrieb wird für die Zulieferer in der Region drastische Folgen haben, meinen Experten. Einige Firmen profitieren aber von den Veränderungen.

Oelsnitz/Stollberg.

Ein Mann fährt auf den Parkplatz der Sodecia Powertrain in Oelsnitz, steigt aus dem Auto, zündet sich ein Zigarette an. Er hat Glück: Weil er mit seinen 62 Jahren zu den älteren Angestellten zählt, darf er auch in Zukunft im Betrieb arbeiten - während 200 andere Kollegen bald gehen müssen. Einige kennt er. "Gute Kollegen", sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Ein anderer erzählt, dass die Anzahl der Krankschreibungen zuletzt auffällig gestiegen sei. "Die Arbeitsmoral ist am Boden."

Die Geschäftsführung des Automobilzulieferers hat diese Aussagen bislang nicht bestätigt. Aber sicher ist, dass die Sodecia demnächst jeden dritten ihrer 600 Arbeitnehmer kündigen wird. Und sicher ist auch, dass die Lage unter den Zulieferern im Erzgebirge zum Teil sehr angespannt ist. Die Nervosität beruht auf der Tatsache, dass Autobauer mehr und mehr auf Elektromobilität umstellen. Laut einer neuen Studie wird im Jahr 2025 jedes zweite in Sachsen produzierte Auto mit einem E-Motor ausgerüstet werden. Aus diesem Prozess wird das Erzgebirge voraussichtlich als Verlierer in Sachsen hervorgehen.

Das prognostizieren jedenfalls Dirk Vogel und Andreas Wächtler vom Netzwerk Automobilzulieferer Sachsen (AMZ), das an der Studie beteiligt war. Bis zu 5500 Beschäftigte bei Zulieferern in Sachsen werden demnach ihre Jobs verlieren, vor allem bei Firmen, die Teile für den konventionellen Antrieb und das Fahrwerk produzieren. Zwar entstehen laut der Studie auch mehrere Tausend Stellen in den Bereichen Karosserie, Interieur und Elektronik, sodass die Verluste in Sachsen insgesamt überschaubar bleiben dürften. Aber von Region zu Region sind die Unterschiede beträchtlich. Nach Angaben von Vogel und Wächtler sind 70 Prozent der Betriebe, die in der konventionellen Antriebs-Sparte arbeiten, im Raum Erzgebirge/Zwickau/Chemnitz angesiedelt. Im Raum Dresden zeigt sich das umgekehrte Bild: Dort ist eine deutliche Mehrheit der Firmen in den zukunftsträchtigen Bereichen wie Elektronik aktiv. Vogel und Wächtler sprechen von einer "erheblichen Umschichtung", die sich im Erzgebirge abzeichnet. "Die Firmen werden bluten", sagen sie. Und: "Die Einschläge merkt man ja schon."

Vogel und Wächtler nennen keine Namen. Aber wen sie meinen, wird klar, wenn man einen Blick auf das vergangene Jahr wirft. Außer der Sodecia hatte auch Koki, ein Konkurrent der Oelsnitzer Firma angekündigt, bis 2022 etwa 200 Stellen abzubauen. Darüber informierte der ehemalige Geschäftsführer im Frühjahr. Eine Anfrage zur gegenwärtigen Situation bei Koki ließ die neue Leitung jedoch offen. Das Unternehmen hat mehrere Standorte, unter anderem in Niederwürschnitz.

Der Druck auf die Firmen der Region wächst und kommt von mehreren Seiten zugleich. Weil sie auf einem europaweitem Markt agieren, konkurrieren sie mit Anbietern, die mitunter deutlich günstiger produzieren, erläutern Vogel und Wächtler in ihrer Studie. So müssten etwa Zulieferer in Ungarn mit viel geringeren Energiekosten rechnen als Betriebe in Deutschland. Nicht zuletzt entscheidet das Lohnniveau: So hat die Sodecia einen Teil der Produktion in Oelsnitz eingestellt - und einem Werk in Portugal überlassen, wo an Löhnen gespart wird. Wächtler und Vogel empfehlen den Zulieferern deshalb "drastische Kostensenkungen", zum Beispiel durch Automatisierung. Aber auch durch den Aufbau von Standorten im Ausland.

Angst vor Arbeitslosigkeit müsse man im Erzgebirge allerdings nicht haben, trotz Einbußen bei der Wertschöpfung. Im Gegenteil: Bis 2025 gehen voraussichtlich mehr Menschen in Rente als neu eingestellt werden. Freie Stellen gibt es auch jetzt schon genug. Simone Heinrich, die Sprecherin der Arbeitsagentur, nennt im Kreis 765 Angebote, die "artverwandten Berufen der Zulieferindustrie" zuzuordnen sind, wie etwa Metallbauer.

Und auch im Erzgebirge schälen sich Gewinner heraus. Eine Firma, die schon jetzt von den Veränderungen profitiert, ist die Wesko in Stollberg. Wesko baut unter anderem Prüfadapter für elektronische Geräte. Letztere werden mehr und mehr benötigt. "Es boomt", sagt der Projektmanager Jens Sieber.

Bewertung des Artikels: Ø 3.7 Sterne bei 10 Bewertungen
2Kommentare
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  • 3
    2
    Zeitungss
    04.11.2019

    Schauen wir heute erst einmal nach Mosel, dort wird großartig gefeiert und in nächster Zeit über die Nachhaltigkeit nachgedacht. Es sind die Folgen der Monokultur in Sachsen, was unsere Wirtschaftslenker der Neuzeit hätten wissen sollen. Wer sich im Privatbereich so schmal aufstellt, wird wissen wie es endet.

  • 3
    1
    Echo1
    03.11.2019

    Die Arbeitslosigkeit wurde im Osten schon immer durch Abgang in das Rentenalter
    gemildert. Nun gehe ich schon gern mal
    Sonnabend einkaufen, um mal ein junges Gesicht zu sehen.



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