Beim Unterricht in der Busschule wird der Fahrer zum Lehrer

Erstklässler der Grundschule Thalheim haben am Donnerstag gelernt, wie man sich am und im Bus richtig verhält. Noch bis in den Oktober hinein findet im Altkreis Stollberg diese Art Verkehrserziehung im "rollenden Klassenzimmer" statt.

Thalheim.

Das Erlebnis ist einprägsam und untermauert die Aufforderung von Busfahrerin Mandy Hohenhausen: "Bleibt immer sitzen, bis der Bus an der Haltestelle steht!" Sie hatte einen Ranzen auf den Mittelplatz in der letzten Reihe gestellt, und dann eine Vollbremsung gemacht. Der Ranzen flog weit nach vorn. Die Kinder hatte sie vorgewarnt und aufgefordert, sich vor der Bremsung richtig festzuhalten - das wäre für sie auf dem Platz am Ende des Gangs aber nicht möglich gewesen. "Das ist ein sehr gefährlicher Platz", sagt Mandy Hohenhausen und betont auch gleich noch, dass sie vorm Bremsen recht langsam unterwegs war. Denn: "Bei 50 Kilometern je Stunde kann das ganz anders ausgehen."

Für die Busfahrerin ist es die zweite Saison als "Haltestellenlehrerin", im Vorjahr war die 42-Jährige eingewiesen worden und hatte dann gleich ihre ersten Stunden absolviert. Insgesamt gebe es drei Fahrer beim Busunternehmen Regionalverkehr Erzgebirge (RVE), sagt sie, von denen drei regelmäßig zum Einsatz kommen. Jeder sei sicher nicht dafür geeignet, sagt sie. "Da muss man schon Lust drauf haben."


Seit fünf Jahren arbeitet sie beim RVE, seit 15 Jahren sitzt sie am Lenkrad eines Busses. Da weiß sie, wie anstrengend es mit im Bus herumrennenden Kindern werden kann und worauf sie die Schüler aufmerksam machen muss. "An der Haltestelle wird nicht geschubst, gespielt oder gestritten" ist eine ihrer Forderungen. Am Lenkrad ihres Busses demonstriert sie auch, wie gefährlich es werden kann, wenn man sich zu nah an der Bordsteinkante aufhält, während der Bus in die Haltestelle einbiegt. Es ist nur ein Verkehrskegel, den sie bei ihrer Vorführung umfährt - aber die Kinder sind sichtlich beeindruckt.

Unterstützt wird Mandy Hohenhausen an diesem Tag von Julian Biel. Der Elftklässler macht ein Praktikum beim Verkehrszentrum Stollberger Land, das die Busschule im hiesigen Altkreis organisiert. Der Lugauer möchte Grundschullehrer werden, hat bereits ein Praktikum an einer Schule gemacht und wollte sich nun "in einem anderen Bereich, aber trotzdem mit Kindern" ausprobieren. Er ist es auch, der Lea zurückzieht, die sich bewusst etwas zu nahe an den Bus stellen sollte, bevor sich dessen Tür öffnet. Die schwenkt nach außen auf, ohne Biels (geplantes) Eingreifen wäre es für das Mädchen eng geworden.

Begleitet werden die Erstklässler von Klassenlehrerin Antonia Reinhold sowie deren Kollegin Yvonne Vogler. "Wir wiederholen das alles auch noch einmal im Unterricht", sagt Vogler. Wiederholung sei auch wichtig, meint Busfahrerin Hohenhausen. Denn auch wenn die Schüler an diesem Tag bei der Sache seien, vieles sei im Alltag schnell auch wieder vergessen. Es wäre auch seitens der Eltern gut, wenn sie mit ihren Kindern die wichtigsten Regeln immer mal wieder besprechen würden. Wiederholung findet auch durch die Busschule selbst statt, denn das Angebot gibt es in der 4. Klasse noch einmal. Am heutigen Freitag hält der Schulbus darum erneut am Thalheimer Bahnhof - dann können rund 50 Viertklässler der hiesigen Grundschule zeigen, was sie über das richtige Verhalten im Bus noch wissen.


Verkehrserziehung im Bus gibt es im Altkreis seit 2012

An der Busschule nehmen aktuell 19 Grundschulen aus dem Altkreis Stollberg teil. Rund 675 Schüler sind Erstklässler, etwa 445 lernen in der Klasse 4. Hinzu kommen 68 Schüler des Förderschulzentrums in Oelsnitz.

Das Verkehrserziehungsprojekt umfasst in diesem Jahr 16 Termine und endet am 2. Oktober mit Grundschülern aus Oelsnitz.

Seit der Busschul-Premiere im Jahr 2012 haben bereits fast 7800 Schüler an dem praktischen Verkehrsunterricht teilgenommen. Organisiert wird dieser von Mitgliedern des Verkehrszentrums Stollberger Land, die mit den Schulen die Termine absprechen, die Sondernutzungen für die jeweiligen Verkehrsflächen einholen und den Ablauf mit dem Busunternehmen RVE abstimmen. Der führt die Veranstaltung dann mit seinen Fahrzeugen und Fahrern durch.

Die Finanzierung übernehmen Unfallkasse und Verkehrsverbund Mittelsachen (VMS) sowie Sponsoren. Im gesamten Bereich des VMS besuchen jährlich etwa 6000 Kinder die Busschule. (vh)

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