Bürger vermissen Arzt und Fleischer

Seit der Diskussion zur Eingemeindung scheint die Harmonie im Rat dahin - das hat auch Folgen für die Gemeinderatswahl: Statt der bisher drei stellen nun fünf Parteien beziehungsweise Wählervereinigungen Kandidaten

Niederwürschnitz.

Die Gemeinde hat inmitten der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode des Rates eine Art Kehrtwende hingelegt. Noch 2014 hatte der Gemeinderat einstimmig bekräftigt, den Ort nach Stollberg eingemeinden zu wollen und dafür die Verwaltungsgemeinschaft mit Lugau (VWG) aufzukündigen. Auch der 2015 wiedergewählte Bürgermeister Rolf Höfer und dessen Stellvertreter, Gemeinderat Uwe Landmann, traten für die Eingemeindung nach Stollberg ein. Allerdings: 2017 wählten die Bürger mit MatthiasAnton einen Ortschef, der für die Eigenständigkeit der Gemeinde angetreten war.

Nach Antons Amtsantritt stellte dieser dem Rat die Frage nach der Eingemeindung erneut. Und wieder fiel das Ergebnis zugunsten Stollbergs aus, diesmal aber denkbar knapp. Fünf stimmten für die Weiterführung der Verwaltungsgemeinschaft, sieben dagegen, zwei enthielten sich. Die Entscheidung fiel dann etwas später und unabhängig davon: Das Landratsamt genehmigte die Auflösung der Verwaltungsgemeinschaft nicht, zuvor hatte auch schon das sächsische Innenministerium den Plänen eine Absage erteilt.


Auch wenn die Bürgermeisterwahl fast zwei Jahre zurückliegt: Seither scheint die Einmütigkeit im Rat dahin. Das widerspiegeln auch die Wahlvorschläge für die bevorstehende Gemeinderatswahl. Neben den Linken, die bisher mit einem Rat vertreten waren, der SPD (7) und der CDU (6) tritt nun neben einem AfD-Kandidaten noch eine neue Liste an, der allerdings bekannte Namen angehören: Uwe Landmann sowie Carola Mittag (beide bislang SPD-Fraktion) sowie Jana Linhart (CDU-Fraktion).

Pfarrerin Sabine Hacker bezeichnet die damalige Eingemeindungsdiskussion als "bewegte und nicht ganz einfache Geschichte". Ihre Wahrnehmung sei aber, "dass die Gemeinde, der Gemeinderat und der Bürgermeister dabei sind, miteinander einen Weg zu finden, um das Beste für den Ort anzugehen und umzusetzen." Auch für die Niederwürschnitzer selbst, so der Eindruck bei einer kleinen Umfrage, scheint die Eingemeindung kein Thema mehr zu sein - das bestätigen sowohl jüngere als auch ältere Einwohner. Zu ihnen gehört Kerstin Seidel. Die 57-Jährige findet, dass es "gut so ist, wie damals entschieden wurde". Und: Die Leute beschäftigen inzwischen andere Sachen mehr, sagt sie. Beispielsweise, dass es seit November keinen Fleischer mehr im Ort gibt und gleich zwei Ärzte im unmittelbaren Umfeld weg- beziehungsweise in Ruhestand gehen. Der fehlende Fleischer und die Arztsituation - das treibt die Leute tatsächlich um. Beispielsweise auch den 85-jährigen Manfred Bauer. Er weiß, dass weder der Gemeinderat noch das Rathaus beeinflussen können, ob wieder ein Fleischer in den Ort kommt. "Aber sagen kann man es doch." Gerade für die älteren Leute ohne Auto sei das schwer. Und die Eigenständigkeit? "Das war schon richtig, mit Lugau gibt es doch keine Probleme", findet der Senior. Die Nahversorgung beschäftigt aber nicht nur die Älteren. Auch eine 28-Jährige meint, es sei schon schlecht, wenn man wegen jeden Einkaufs ins Auto steigen müsse. Und noch etwas vermisst die zweifache Mutter: "Angebote für Kinder". Sie hätte ihre kleine Tochter gern einen Tanzkurs machen lassen, aber da gebe es einfach nichts im Ort.

Helga Lindner gehört zu jenen, die wegen des nicht mehr existierenden "Nahkaufs" - zu dem auch der Fleischer gehörte - einen längeren Fußweg in Kauf nehmen müssen. Mit ihrem Rollator hat die 85-Jährige auf dem Gehsteig entlang der Lichtensteiner Straße aber große Mühe - weil der gepflastert ist. "Das geht superschwer", sagt sie und betont, dass viele unzufrieden mit dem Pflaster sind. "Auch jüngere Leute, denn mit Absatzschuhen ist es kreuzgefährlich, da zu laufen". Genauso schwer sei es mit Kinderwagen oder Gehbehinderung. Wenn wenigstens der parallel verlaufende Fußweg an der Würschnitz geteert wäre, sagt sie. Da könnte sich der neue Rat mal drum kümmern. Das Problem mit der fehlenden Arztpraxis beschäftige sie auch sehr, wenngleich sie weiß, dass die Gemeinde da wenig Einfluss hat.

Gerade weil es im Rat Differenzen gab, wünscht sich Bürgermeister Anton, dass es "gelingt, auch bei unterschiedlichen Meinungen im Sinne der Gemeinde fraktionsübergreifend zusammen zu arbeiten." Das Geschaffene müsse erhalten und mit Augenmaß weiterentwickelt werden. Zu den Schwerpunkten gehören für ihn die Ausweisung neuer Bauflächen für Einfamilienhäuser und auch Mietwohnungen, die Förderung der Feuerwehr und der Vereine sowie der Schuldenabbau. "Als eigenständige Gemeinde haben wir alle Möglichkeiten, ein gutes Lebensumfeld zu gestalten" ist er überzeugt. Denn ganz so schlecht stehe man finanziell nicht da. Schließlich habe man für rund 1,2Millionen Euro den Anbau an die Kita gebaut und reichlich 204.000Euro Eigenanteil für das neue Feuerwehrfahrzeug getragen, obwohl 2018 eine Gewerbesteuerrückzahlung von bald 597.000 Euro zu schultern war.


Das wollen die Parteien und Wählervereinigungen in Niederwürschnitz erreichen

Freie Wähler Niederwürschnitz:

Nach der Bürgermeisterwahl 2017 ging ein Riss durch die Bürgerschaft und den Gemeinderat, erklärt Uwe Landmann. Das wolle man wieder ändern. Parteiinteressen sollten im Gemeinderat keine Rolle spielen, man vertrete ausschließlich die Interessen des Ortes. Eine funktionierende Infrastruktur liege den Freien Wählern besonders am Herzen. Landmann: Dazu gehören zum Beispiel eine stabile ärztliche Versorgung, die Erhaltung der Schule, die Alte Ziegelei und ein funktionierender Einzelhandel. Zudem müsse Niederwürschnitz seine Interessen in der Verwaltungsgemeinschaft mit Lugau selbstbewusst vertreten. Man gebe keine unrealistischen Versprechen, sondern wolle die Bürger ehrlich informieren und gemeinsam das Machbare zum Wohle des Ortes umsetzen.

Die Linke:

Wie Spitzenkandidat Steffen Kaddereit erklärt, müssen im Interesse der Kinder und Eltern Kindergarten und Grundschule im Ort bleiben und ihren dörflichen Charakter behalten. Um mehr Nachwuchs für die ortsansässigen Vereine zu erreichen, bedürfe es zudem einer engeren Verbindung zum Kindergarten und den beiden Schulen. Niederwürschnitz muss seine größtmögliche Eigenständigkeit als Gemeinde bewahren, erklärt Kaddereit außerdem. Gleichzeitig habe die Entwicklung der Beziehung zwischen Niederwürschnitz und Lugau im Interesse beider Kommunen weiterzugehen. Auch die Vergangenheit des Bergbaues in Niederwürschnitz dürfe nicht vergessen werden, die Gemeinde müsse diesbezüglich in Förderprogramme einbezogen werden.

CDU:

Als erstes Ziel nennt Lutz Ehnert die maximale Eigenständigkeit von Niederwürschnitz innerhalb der bestehenden Verwaltungsgemeinschaft mit Lugau. Man stehe für eine gute Partnerschaft auf Augenhöhe und einen kooperativen Umgang mit den Nachbargemeinden. Ziel sei es auch, die Pro-Kopf-Verschuldung weiter zu senken. Trotz reger Investitionstätigkeit sei es gelungen, im vergangenen Jahr 102.000 Euro an Schulden abzubauen. Diesen Weg wollen die Christdemokraten fortsetzen und dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Erhaltung der guten Infrastruktur legen. Auch die Förderung der Vereine, Freizeiteinrichtungen und Dorffeste sei ein wichtiges Anliegen.

AfD:

Die Kommunalpolitiker der AfD wollen sich für eine auch in Zukunft lebens- und liebenswerte Heimat einsetzen, erklärt AfD-Kreissprecher Thomas Dietz. Als wichtige Punkte im Kommunalwahlprogramm erachte man daher auch in Niederwürschnitz, dass es durch die anstehende Grundsteuerreform keine finanzielle Mehrbelastung der Bürger gibt sowie Gewerbesteuererhebungen mit Augenmaß erfolgen. Man wolle außerdem mehr direkte Demokratie durch Bürgerentscheide und Bürgerbefragungen bei Zukunftsthemen - wie zum Beispiel Gemeindefusionen - und einen Abbau der Bürokratie. Eine Forderung der AfD ist es zudem, keine weiteren Windkraftanlagen zu errichten. Nach Ansicht der Partei zerstören diese die Landschaft, die Tierwelt und die Lebensqualität der Bürger.

SPD: Die Anfrage der "Freien Presse" wurde nicht beantwortet.


Der Ort in Zahlen und Fakten

In Niederwürschnitz leben 2606 Einwohner, 2226 von ihnen sind wahlberechtigt.

Die Pro-Kopf-Verschuldung betrug zum Jahresbeginn 1318,32 Euro, das aufgenommene Kreditvolumen beträgt knapp 3,453 Millionen Euro.

Im Ort gibt es einen Kindergarten, eine kommunale Grund und eine private OS mit gymnasialem Zweig.

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