Dank "Bodwannel" auch mit Handicap weiter voll berufstätig

Der Großolbersdorfer Bauhofmitarbeiter Matthias Clauß darf nicht mehr schwer heben. Er möchte trotzdem bis zur Rente weiterarbeiten. Dafür steht ihm eine besondere Hilfe zur Verfügung.

Großolbersdorf.

Matthias Clauß mag seinen Job auf dem Bauhof in Großolbersdorf. Die Aufgaben sind abwechslungsreich: Er pflastert, bedient die Rüttelplatte, fährt den Unimog, den Allrad-Alleskönner der Gemeinde. Clauß ist 58, die sieben Jahre bis zur Rente will er vollmachen. Dabei hilft ihm eine Wanne vorn am Unimog: "'s Bodwannl", so der Spitzname für die Hebeklappkiste.

Doch ihm sind gewisse Grenzen gesetzt. Bei Straßenarbeiten erfasste ihn ein Fahrzeug, schleuderte ihn "von einer Straßenlaterne zur nächsten." Diagnostiziert wurde ein Kreuzbandriss. Das war vor mehr als 20 Jahren. Erst vor kurzem stellte ein Arzt fest, dass wohl ein Halswirbel beschädigt wurde. Dazu kamen andere Krankheiten. Clauß kann nicht mehr über Schulterhöhe heben, den Kopf nicht ganz drehen. Manchmal wird ihm schwindelig - auf der Leiter kann er nicht stehen. Und doch arbeitet er 40 Stunden pro Woche. Auf dem Bauhof sei das kein Problem: Jeder tue, was er kann. Aber nur er und ein Kollege haben einen Führerschein für den Unimog - den Clauß nicht mehr beladen kann.

Über den Bauhof-Buschfunk hört er von Anbauteilen, die die Arbeit erleichtern und gefördert werden. Er spricht mit Bürgermeister Uwe Günther, recherchiert, stößt auf den Kommunalen Sozialverband Sachsen (KSV): Die Behörde fördert die Integration behinderter Menschen in den Beruf. Die KSV genehmigt eine 70-prozentige Förderung für die Hebeklappkiste und einen Kehrbesen, die an den Unimog montiert werden: 6600 Euro zahlt die Gemeinde, den Rest finanzieren Ausgleichszahlungen von Betrieben, die die Pflichtquote schwerbehinderter Mitarbeiter nicht erfüllen.

Der KSV wirbt für Weitsicht: Durch den Fachkräftemangel könnten Unternehmen nicht mehr auf Mitarbeiter mit Behinderung verzichten, erklärt Sprecherin Monika Pittasch. Allerdings bestünden noch immer Bedenken gegenüber deren Leistungsfähigkeit, sagt Klaus-Peter Hansen, Geschäftsführer der Bundesagentur für Arbeit in Sachsen. Rund 80 Prozent der Schwerbehinderten ohne Job haben Agentursprecher Frank Vollgold zufolge einen Berufsabschluss oder eine akademische Ausbildung - im Schnitt aller Arbeitslosen sind es 75 Prozent. Von der sinkenden Arbeitslosigkeit haben die Schwerbehinderten wenig profitiert: Die Arbeitslosenquote im Erzgebirgskreis fiel zwischen 2005 und 2015 um mehr als die Hälfte (17,9 und 7,2 Prozent). Der Anteil Schwerbehinderter an der Gesamtarbeitslosigkeit hat sich mehr als verdoppelt: von knapp drei auf reichlich sieben Prozent. Seit 2015 zeichne sich erstmals ein Rückgang arbeitsloser Schwerbehinderter ab, merken Vollgold und Pittasch an.

Arbeitsagentur und Integrationsämter kooperieren eng. Die Agentur zahlt Eingliederungszuschüsse, übernimmt bis zu drei Jahre lang maximal 70 Prozent der Lohnkosten. Bei einer anerkannten Behinderung können behinderte Arbeitnehmer oder ihre Arbeitgeber Zuschüsse beim Integrationsamt beantragen: zum Beispiel für Weiterbildungen oder die behinderungsgerechte Einrichtung des Arbeitsplatzes wie im Fall von Matthias Clauß. Mindestens zwei weitere Jahre muss die Gemeinde ihn beschäftigen, das war Bedingung für die Förderung.

Sein "Bodwannl" lässt sich auf Bodenebene absenken, so kann Clauß schwere Lasten laden. Mit dem Unimog ist Großolbersdorf im Vergleich zu anderen Gemeinden gut ausgerüstet: Clauß erzählt von beeinträchtigten Kollegen, die nur Laub kehren können. "Mein Tag ist abwechslungsreich." Auch dank der Anbauwanne.


Kommentar: Auf dem richtigen Weg?

Fördermöglichkeiten für behinderte Arbeitnehmer, Pflichtquoten für Betriebe, daneben Vorreiter wie Integrationsunternehmen - und trotzdem ist der Anteil Behinderter an den Arbeitslosen im Vergleich zu 2005 nicht gesunken, sondern gestiegen. Im Erzgebirge, in Sachsen, in Deutschland. Zwar sind die Zahlen vorsichtig zu betrachten: Es gibt heute absolut mehr Behinderte als vor zehn Jahren, die Altersstruktur hat sich verändert, die Region Einwohner verloren. Die sinkende Quote schwerbehinderter Arbeitsloser in jüngster Zeit ist erfreulich. Und doch ist offensichtlich: Behinderte bleiben am gesellschaftlichen Rand. Von Inklusion sind wir weit entfernt.


Pflicht und Kür: Schwerbehinderte in Unternehmen

Schwerbehindert sind Menschen mit einem Behinderungsgrad ab 50 Prozent. Ab 30 Prozent kann man sich Schwerbehinderten gleichstellen lassen und Förderung beanspruchen.

Ab 20 Mitarbeitern müssen Betriebe 5 Prozent Schwerbehinderte beschäftigen, ansonsten zahlen sie eine Ausgleichabgabe. Seit 1. Januar sind das bis zu 320 Euro pro nicht besetztem Pflichtarbeitsplatz. Damit finanzieren die Integrationsämter technische Hilfen und Weiterbildungen.

Im Erzgebirgskreis erfüllten 190 der 855 erfassten Arbeitgeber im Jahr 2015 die Pflichtquote. Öffentliche Arbeitgeber erfüllen die Quote in allen Bundesländern, private in keinem.

Integrationsunternehmen beschäftigen mindestens 25, in der Regel höchstens 50 Prozent Schwerbehinderte. Die Unternehmen unterliegen dem Wettbewerb. Sie erhalten aber finanzielle Unterstützung, um betriebswirtschaftliche Nachteile auszugleichen, die durch die Zusammensetzung der Belegschaft entstehen.

In Sachsen gibt es nach Angaben der KSV derzeit 52 Integrationsprojekte, nur eins davon im Erzgebirgskreis.

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