Das Bundesstraßendorf am äußersten Rand der Stadt

Wie entwickeln sich Ortsteile? Was läuft gut? Wo klemmt es? "Freie Presse" nimmt Dörfer der Region unter die Lupe. Heute: Gablenz

Gablenz/Stollberg.

Siedlungsforscher würden sagen: Gablenz ist ein klassisches Straßendorf. Nur, die Untergruppe dieser Kategorie - ein Gassen- oder Wegedorf - trifft auf den Stollberger Ortsteil überhaupt nicht zu. Schließlich hangeln sich die Höfe und Häuser an einer der wichtigsten Trassen im Erzgebirgskreis entlang. Es ist die B 169. Das Straßendorf ist ein Bundesstraßendorf.

Besonders im oberen Teil wird diese Trasse aber zum Ärgernis im Dorf. Dann wird sie wegen des Berges gen Aue zweispurig. Und obgleich das Ortsausgangsschild noch weit weg ist, treten viele schon aufs Gaspedal. "Das ist ein Problem. Wir im Ortschaftsrat haben schon oft darauf hingewiesen, aber bislang ist nichts passiert", sagt Udo Weidauer. Eine Ampel? Eine Überquerung? Eine Fahrbahninsel in der Mitte? Nichts erhörte bisher das Landesamt für Straßenbau und Verkehr. Gerade die Kinder der Familien, die um die Siedlerstraße herum wohnen, müssten jeden Morgen auf die andere Seite der B169. Der Bus bringt sie dann zur Grundschule nach Beutha. "Es muss wohl erst was passieren", sagt Weidauer.


Er ist der beliebteste Dorfparlamentarier, 243 Stimmen holte er jüngst zur Wahl - doppelt so viele wie der Zweitplatzierte. In Gablenz leben gerade mal ein paar mehr als 600 Menschen. "Vielleicht lag es daran, weil ich ziemlich in der Mitte des Dorfes wohne", feixt Weidauer leise. Er ist nun schon die dritte Wahlperiode dabei. Da hat er gelernt, ein Dorf, welches eigentlich ein Ortsteil ist, muss oft beharrlich sein und handeln. Die Behörden sitzen weit weg. "Wie mit der Erneuerung des Fußweges entlang eines Teils der Bundesstraße. Alte Leute haben beim Laufen dort ihre Probleme." 2020 soll es nun losgehen. Geld steht im Haushalt der Stadt Stollberg. "Endlich", sagt Weidauer.

Anderes ginge schnell seitens des Rathauses, welches fast so weit liegt wie das in Lößnitz. Etwa der Spielplatz. Oder die Feuerwehr. Nach der Flut des Gablenzbachs ging es 2007 ganz fix - ein neues Feuerwehrhaus wurde gebaut. "1989 hatten wir die Wende in der DDR. 2007 dann die Wende im Ort", sagt Dirk Landgraf. Er ist Chef von 33 aktiven Feuerwehrleuten. Und er meint das gerade Gesagte durchaus ernst. Weidauer nickt. Weil dort alle Kameraden mit angepackt, so viele Stunden an Eigenleistungen erbracht haben, dass sie Landgraf gar nicht mehr genau sagen kann. Das hat dem Ort einen enormen Impuls ihrer Ortsidentität gegeben.

Beide Männer sind sich einig. Ohne einen funktionierenden Ortschaftsrat, vor allem aber ohne eine funktionierende Feuerwehr würde Gablenz nicht so gut funktionieren, wie es funktioniert. Das Ausrücken der Kameraden ist das eine. Das Zusammenführen der Einwohner das andere. "Wir planen schon jetzt langsam das Dorffest im nächsten Jahr", sagt Landgraf. Es gibt extra ein Komitee, in welches jeder Verein oder jede Institution ein bis zwei Leute delegiert. Ob nun die Biker, die Gärtner, die Jugendclubber, die Kickboxer, die Kirche. Und mittendrin: die freiwillige Feuerwehr.

Vier Kameraden sitzen zudem im Ortschaftsrat. Der hatte jüngst die Einwohner geladen, um zu diskutieren. Es ging um die Radwege entlang der Bundesstraße, weiße Schutzstreifen am Trassenrand, als Teil des Radwegekonzepts der Stadt Stollberg. Etwa zehn Bürger waren nur da, der Plan wurde für gut befunden, auch wenn einige weiteren Krach befürchten. Nicht wegen der Radfahrer, sondern wegen der Reifen der Autos, die nun über die weißen Rüttellinie rollen - oder rasen.

Die B169 macht den Ort aus. Sie ist eine schnelle Anbindung nach Stollberg oder Aue. Sie ist in einem guten Zustand. "Und sie ist im Winter eigentlich immer geräumt. Das hilft uns sehr, wenn wir zu einem Einsatz müssen", sagt Feuerwehrchef Landgraf. "Wir sind dann oft die ersten am Brandort, etwa in Beutha oder Oberdorf." Wohlgemerkt: Auch dort gibt es Freiwillige Feuerwehren.

Auch in Bornitz gibt es eine. Das Dörfchen liegt 91,5 Kilometer weg, nahe Oschatz. Na und? "Mit den Kameraden dort verbindet uns mittlerweile eine lange Freundschaft. Die kommen auch immer zu unserem Dorffest", sagt Landgraf. Der Kontakt sei entstanden, als sich Vertreter beider Wehren bei einem Lehrgang der Landesfeuerwehrschule kennengelernt haben. Es gibt eben nicht nur Städtepartnerschaften, es gibt halt auch Feuerwehrfreundschaften verschiedener Dörfer. Vor allem die Jugendlichen arbeiten eng zusammen, sagt Landgraf.

Wie lebendig also ist Gablenz? Es hat einen Ortschaftsrat, eine Feuerwehr. Kontakte zu anderen Dörfern. Es hat ein halbes Dutzend Vereine. Aber auch eine Tierarztpraxis, einen Fleischer. Einen Gasthof. Sogar eine Milchtankstelle mit Selbstbedienung, rund um die Uhr ist sie offen. Und: Viele Gablenzer sind gebürtige Gablenzer. "Etwa 90 Prozent", schätzt Feuerwehrchef Landgraf. Das mache viel aus. Weidauer nickt.

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