Das historische Stollberg zwischen Salzsteuer und Bauhaus

Der Sonntag dürfte die Akteure des Stollberger Bauernmarktes besänftigt haben. Nach dem verregneten Samstag schoben sich zahlreiche Besucher an den Ständen entlang. Und auch die Gästeführerin durfte rund 30 Interessierte mit auf ihre Touren nehmen. Die hielt auch für Alteingesessene Überraschendes bereit.

Stollberg.

Eine Stollbergerin ist Kristina Faber nicht, oder besser: nicht mehr. Seit 2015 wohnt die 70-Jährige in Chemnitz. Nach der Anfrage aus der Stadt, ob die zertifizierte Gästeführerin für die ehemalige Heimat als Gästeführerin arbeiten würde, gab es dennoch kein Zögern. Seit 2004 hat sie das Zertifikat der Industrie- und Handelskammer. Unterwegs ist sie bislang vor allem bei Rathaus-, Turm- und Stadtführungen in Chemnitz. Doch Kristina Faber ist in Stollberg geboren und hat lange hier gelebt. "Alt eingesessen war unsere Familie nicht. Meine Eltern sind 1932 auf die Fabrikstraße Stollberg gezogen. Mein Vater, Johannes Steinbach, war als Hauptkassierer der Dresdner Bank vielen bekannt."

Kristina Faber hatte zunächst Maurer gelernt, später studiert und als Bauingenieurin und Bauleiterin gearbeitet. Doch ihr heimliches Hobby war seit jeher Geschichte. Binnen vier Wochen hat sie sich intensiv in die Ortshistorie eingearbeitet. "Ich könnte vier Stunden lang erzählen", sagt sie mit einem Schmunzeln. Und so gibt's kein festes Programm, sondern Stadtführungen nach den Interessen der Teilnehmer. Historie allgemein, Industriegeschichte, Kirchen oder ein Gaststättenrundgang anno 1913 können im Mittelpunkt stehen. Doch wenn Faber einmal ins Schwätzen kommt, erfährt man vieles darüber hinaus: "In diesem Jahr könnte Stollberg 575 Jahre Salzprivileg feiern. Die Stadt hat dieses Privileg 1444 erhalten. Das war damals superwichtig."

Beim Rundgang durch die Stadt lässt sie auch das aufleben, was gar nicht mehr da ist. Sie erzählt von historischen Straßennamen wie der rechten und der linken Bachgasse. Am Rossmarkt kommt sie ins Schwärmen, als sie mit weiten Gesten den inzwischen abgerissenen Gebäudekomplex der 1824 gegründeten Firma F. E. Woller absteckt: "Die Firma hatte mehr als 2200 Beschäftigte. Zeitweise war sie die größte Strumpffabrik Europas. Das heutige Polizeirevier war einst das Wohnhaus der Wollers."

Überhaupt will Faber dem verbreiteten Bild von der gesichtslosen Beamten- und Schulstadt entgegenwirken. Ihr ist wichtig, dass die Fabrikstraße nicht nur dem Namen nach Industriegeschichte erzählt: "Dort standen zum Beispiel die Neumannsche Wäschefabrik, die Wolfsche Holzbürstenfabrik sowie die Strumpffabriken Lange und Straumer. Leider ist nicht viel erhalten." Anders ist das mit der Röhner-Villa hinter dem Bürgergarten, einem Gebäude, an dem sich Elemente des Bauhauses finden.

Doch nicht nur Daten und Fakten will Kristina Faber vermitteln: "Wenn möglich, versuche ich die Führungen sehr persönlich und individuell zu gestalten." Da lässt die Gästeführerin auch gern ihre privaten Erinnerungen einfließen: "Eine der ganz alten Gaststätten Stollbergs ist Landgrafs Restauration. Dort ist Anfang der 1960er-Jahre ein Russenpanzer reingefahren. Den Panzer habe ich zwar nicht gesehen, aber das Ergebnis. Die Gaststätte lag nämlich auf meinem Weg zur Alfred-Kempe-Schule, in die ich bis 1963 gegangen bin."

Führungen durch die Stollberger Altstadt können im Kulturbüro der Stadt gebucht werden. Bei einer Dauer von rund 1,5 Stunden werden sieben Euro pro Person fällig.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...