Der DDR-Bürger und die 1500 D-Mark

Mauerfall 89: Der Thalheimer Christoph Wieland war Häftling in der DDR, meisterte seine Alkoholkrankheit, jobbte mehr als 30 Jahre als Friedhofsmitarbeiter - vor und nach der Wende. Und er bekam ein kleines Westgehalt lange vorm Mauerfall. Wie das?

Thalheim.

Da waren die Adidas-Treter aus weißem Leder. Da waren die Sarotti-Schokolade, die Ölsardinen oder das Henkel-Waschmittel, da waren die modisch-ausgewaschenen Levis-Jeans, das 1974er-WM-Buch von Franz Beckenbauer - oder guter Kaffee. "Ich konnte ab und zu Dinge kaufen, die ein DDR-Bürger normalerweise nicht kaufen konnte", so Christoph Wieland. Denn der heute 69-Jährige bekam in den 1980er Jahren neben seinem DDR-Lohn auch noch ein kleines Westgehalt.

Wie das? Wieland war weder im Außendienst tätig, noch ist er zur See gefahren oder war ein Diplomat. Nein, Wieland hat sich als Friedhofsmitarbeiter mit Schaufel und Spaten um die Gräber auf dem Gottesacker der Evangelischen Kirche in Thalheim gekümmert. Von 1981 bis 2014. Dass er offiziell Alu-Chips und inoffiziell auch ein paar harte Mark verdiente, verdankte er paradoxerweise dem DDR-System selbst.

Alles begann an jenem 21. August 1968 in Zwönitz. Wieland war 18, seine Kumpels auch. Alle betrunken. Da sahen sie am Bahnhof die Güterzüge mit russischen Panzern gen Prager Frühling rumpeln. Wieland und die anderen riefen: "Russen raus! Freiheit für Dubcek!". Sie wurden verpfiffen und landeten im Knast. "34 Monate später kam ich wieder frei, aber mit dem Makel der Haft konnte ich keine gute Arbeit mehr finden." Er schlug sich bei einem Händler für Obst, Gemüse und Kartoffeln durch, war in Meinersdorf Lagerarbeiter. Und er trank viel.

Ein Freund vermittelte ihm zehn Jahre später den Job in der Kirche. Immerhin 400 Ost-Mark. Das war damals knapp ein Drittel des Durchschnittsverdienstes in der DDR. Doch die Arbeit machte Spaß, gab ihm Halt und die Kraft, nicht mehr zu trinken. "Ich bin seit 34 Jahren trocken", so Wieland stolz.

Was er anfangs nicht wusste: Die Westkirche hat Mitarbeiter der Ostkirche mit einem kleinen Westgehalt unterstützt. Das Geld konnte zwar nicht offiziell überwiesen werden, wurde deshalb von Vertrauenspersonen der Kirche im Westen verwaltet und bei Besuchen persönlich übergeben. "Ich hatte einen Kontakt zu einer Frau aus Bayern, die für Leute wie mich Geld aufbewahrte und es mir gab, wenn sie mal in der DDR und in der Region gewesen ist. Das klingt konspirativ, und irgendwie war es das auch ein wenig. Aber die DDR hat dies alles auch geduldet, denn so konnte sie Devisen ins Land holen." Wieland musste sein Geld immer in der Staatsbank in Chemnitz in Forumschecks umtauschen, bevor er im Intershop einkaufen konnte. Der war gleich am oder im Bahnhof - ganz genau weiß er das nicht mehr. Es ist zu lange her. Aber er weiß: Über die wenigen Jahre von Anfang der 1980er bis zur Wende kamen etwa 1500 D-Mark für Wieland zusammen. Schätzt er.

Nach dem Mauerfall blieb er der Kirche treu. In der Lohntüte lagen dann bald wieder 1500 D-Mark, aber diesmal monatlich und ganz offiziell. "Die Wende hat mir also eine gute Gehaltserhöhung beschert", lacht der Thalheimer.


Was sagt die Kirche heute?

Matthias Oelke, Sprecher evangelische Landeskirche: "Die Unterschiede der Gehälter zwischen Mitarbeitern der Westkirche zu denen der Ostkirchen waren vor der Wende enorm. Dies sollte mit Transferleistungen, auf die die Kollegen im Osten angewiesen waren, ein wenig ausgeglichen werden. Alles lief über Gemeindekontakte und freiwillige Leute, die sich kümmerten, dass das Geld die Adressaten auch erreicht. Da war viel Vertrauen auf beiden Seiten dabei. Dies geben wir jetzt zurück, indem wir wiederum Kirchen im Osten, also in Polen oder noch weiter, finanziell unterstützen."

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