Die Helferin, die Grenzen überwand

Mauerfall 89 Christoph Wieland aus Thalheim hat zu DDR- Zeiten viel durchgemacht - fand Unterschlupf in der Kirche und Kontakte zu Helfern, auch aus dem Westen. Etwa zu Hildegard Einwag. Die Frau aus Bayern hatte ein kleines Hilfsnetz in der Region geknüpft. Ein Geheimnis aber bleibt.

Thalheim.

Das genaue Datum hat Hildegard Einwag vergessen. Aber das genaue Datum ist auch nicht so wichtig. Es war jedenfalls 1989, die Sonne schien, womöglich im Mai. Sie hat diesen Mann aus Thalheim endlich getroffen: Christoph Wieland, den sie aus Briefen schon so gut kannte. Sie aus Ebern bei Bamberg, er aus Thalheim im Erzgebirge. Und dazwischen offiziell noch der Eiserne Vorhang.

"Weniger für uns. Wir durften ja in den Osten reisen. In jenem Jahr waren wir mit einem Reisebus in Eisenach, das hatten wir Christoph zuvor brieflich mitgeteilt. Er kam an die verabredete Stelle." Dann erzählt sie, dass die DDR-Reiseleiterin es barsch ablehnte, den Thalheimer im Westbus ein Stück mitfahren zu lassen. Der Mann von Hildegard Einwag protestierte, dann wechselten sich "Nein" und "Doch" mehrfach ab, bis Wieland zusteigen durfte.

Heute lacht Hildegard Einwag darüber. Damals war es ihr peinlich. Warum dieses Theater?

Rückblick: 1968 kam der Thalheimer in den Knast, weil er russischen Panzer-Transporten gen Prager Frühling "Russen raus!" hinterher geschrien hatte. Später kamen nur miese Jobs, der Alkohol - bis ihm ein Freund irgendwann eine Arbeit auf dem Kirchenfriedhof vermittelte.

Parallel dazu war Hildegard Einwag immer mal wieder im Zwönitztal. Sie ist kirchlich engagiert bis heute, hat zu DDR-Zeiten ihre Cousine besucht - und von dieser wiederum über die Jahre Kontakte zu insgesamt 18 Familien aufgebaut: in Auerbach, in Gornsdorf, in Thalheim. Sie verschickte Pakete mit Dingen, die die Familien vielleicht gebrauchen konnten. "Offiziell waren es immer Geschenksendungen, keine Handelsware. Das haben viele andere Helfer vergessen, so auf die Pakete zu schreiben", erinnert sich die Frau aus Bayern. Unter den Familien war auch eine, die wiederum Christoph Wieland mit dem Job auf dem Friedhof geholfen hatte. "In der Kirche, aber auch in der Familie kam er dann Gottes Wort näher, es gab viele Glaubensgespräche. Bis er sich auch zu seiner Alkoholkrankheit bekannt hat. Das war sehr wichtig, um davon loszukommen", erzählt Hildegard Einwag. Es entstand ein enger Briefkontakt zwischen den beiden - dem Mann aus Thalheim, der Frau aus Bayern. Bis sie sich endlich 1989 trafen, in Eisenach.

Da hatte Wieland dem Alkohol schon ganz entsagt, seit 34 Jahren ist er nun schon trocken. Hildegard Einwag erinnert sich, dass sie eines Tages einen Brief von ihm bekam. "Heute ist mein erster Geburtstag mit Jesus - und ohne Alkohol."

Zu ihm hat sie heute noch Kontakt, einige andere Kontakte zu den Familien in Gornsdorf, Auerbach oder Thalheim seien über die vielen Jahre seit der Wende aber eingeschlafen, so Hildegard Einwag. Traurig ist die heute über 80-Jährige deshalb nicht. Wichtig ist, damals ein wenig geholfen zu haben, sagt sie.

Damit ist die Geschichte von Christoph Wieland fast komplett erzählt - aber nur fast. Denn was ist denn nun die Sache mit dem Westgeld? Dazu muss man wissen, dass die Westkirche Mitarbeiter der Ostkirche mit einem kleinen Westgehalt unterstützt hat. Und so bekam Wieland nicht nur 400 Ostmark, sondern auch ein paar D-Mark im Monat. Das Geld konnte aber nicht offiziell überwiesen werden, wurde deshalb von Vertrauenspersonen der Kirche im Westen verwaltet und bei Besuchen persönlich übergeben. Wieland hatte immer vermutet, dass Einwag die Botin gewesen ist, hatte selbst nie so richtig nachgefragt. Er weiß nur noch, dass er das Geld immer in der Staatsbank in Chemnitz in Forumschecks umtauschen musste, bevor er im Intershop einkaufen konnte. Doch Hildegard Einwag schüttelt den Kopf. "Ich war das nicht mit dem Geld. Und wer es war, kann ich auch nicht sagen."

Vielleicht ist das auch nicht mehr so wichtig. Wie mit dem Datum, als sie sich mit Christoph Wieland erstmals traf. Wichtiger ist doch, dass es geschehen ist. Trotz oder gerade deshalb, weil es den Eisernen Vorhang einst gegeben hat.

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