Die Morde des Räuberhauptmanns

"Freie Presse" zeigt in einer Serie das Außergewöhnliche. Im Fokus stehen Plätze, Gebäude und Räume, die nicht immer im Reiseführer zu finden sind.

Stollberg.

Erst wurde er von unten mit acht Schlägen zerschmettert, danach ihm noch lebend der Kopf abgehauen, selbiger auf einen hohen Pfahl genagelt und der tote Körper auf einem Scheiterhaufen zu Pulver verbrannt. So beschreiben die Aufzeichnungen das Ende von Nikol List. Die Hinrichtung fand am 23. Mai 1699 in Celle statt.

Ein Jahr zuvor hatte der Räuberhauptmann mit seiner Bande den größten Kirchenraub aller Zeiten verübt - wertvolles Geschmeide der Goldenen Tafel der Lüneburger Michaeliskirche holten sich die Langfinger. Mit einem Nachschlüssel.


Doch was hat das mit den kleinen Stollberger Ortsteilen Beutha und Raum sowie zwei alten Steinkreuzen auf einem kleinen Friedhof und einer Schandsäule zu tun? "Sehr viel", sagt der Stollberger Ortschronist Jürgen Richter. Denn der Dauerkriminelle List war einige Jahre in der Gegend - erst zur Tarnung, dann als Mörder. "Kurz: Das war ein ganz schlimmer Finger", so Richter. "List werden 18 Einbrüche, neun Kirchenraube, zwei Morde als bewiesen nachgesagt. Aber es war sicher mehr", vermutet Richter.

List wohnte zeitweise im kleinen Dorf Beutha und betrieb zur Tarnung als Pächter den Gasthof "Grüne Tanne" im Nachbarort Raum. Als man ihn in der Johannisnacht 1696 in Beutha verhaften wollte, erschoss er, um sich vor einer Festnahme zu retten, zwei an der Verhaftung Beteiligte aus Hartenstein und flüchtete.

Zum Gedenken an die beiden Männer - älteren Aufzeichnungen zufolge sind es der Schöffe Christoph Kneuffler und der Hartensteiner Fleischer Gottfried Eckhardt - stehen heute verwitterte Sandsteinkreuze an der Friedhofsmauer. Daneben der Rest einer Schandsäule aus Schiefer. Laut der Internetseite www. suehnekreuz.de steht auf selbiger: "Nachdem nun Nicol List den 9. November 1697 wegen der beiden hier begangenen Mordthaten zu Hartenstein in die Acht erklärt worden, ist er den 29. Juli 1698 wegen anderer Uebelthaten zu Greiz im Voigtlande gefänglich eingekommen und von da nach Hof geführt, hiernächst aber, ob ihm gleich daselbst schon ein scharfes Todesurteil gesprochen gewesen, dennoch, weil er zu Lüneburg die kostbare güldene Tafel berauben helfen, erst nach Celle gebracht, aber er wegen bekannter vieler wichtiger Diebstähle, Neue Kirchenräube und dieser zwei Mordthaten den 23. Mai 1699 seinen Lohn empfangen."

Bleibt noch eine wichtige Frage zu beantworten: Sind List und seine Taten heute überhaupt noch jedermann bekannt? "Einige Ältere kennen sicher noch seine Geschichte. Aber die Jüngeren? Das bezweifel ich", sagt Richter.

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