Die Schüler und der Preisträger

Der von der Stadt Oelsnitz ausgelobte Reiner-Kunze Preis geht in diesem Jahr an den Lyriker und Übersetzer Stevan Tontic. Zwölftklässler aus dem BSZ sollen im Vorfeld der Preisverleihung besonders kreativ werden.

Oelsnitz.

Zum siebten Mal wird in diesem Jahr der Reiner-Kunze Preis vergeben, doch heuer wird die Veranstaltung vermutlich jünger und spritziger denn je: Zum ersten Mal werden Schüler des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) ganz intensiv in die Vorbereitungen einbezogen. Innerhalb ihres Wahlpflichtkurses Literatur bereiten 27 Zwölftklässler eine Ausstellung und eine Abendveranstaltung in der Bibliothek vor, durch die der Preisträger Stevan Tontic gewürdigt werden soll.

"Mir war der Künstler vorher nicht bekannt", bekennt Deutschlehrerin Kristina Turnowsy, die das langfristige Projekt gemeinsam mit ihrer Kollegin Katja Fay begleitet. Inzwischen können Lehrerinnen und Schüler mitreden, wenn es um den 1946 in Sanski Most (Jugoslawien/heute Bosnien) geborenen Lyriker und Übersetzer Stevan Tontic geht. Zunächst hatte dieser Philosophie und Soziologie studiert und als Verlagslektor in Sarajevo gearbeitet. Wegen des Krieges im zerfallenden Jugoslawien lebte er zwischen 1993 und 2011 in Berlin im Exil. Danach ist er nach Serbien zurückgekehrt, wo er heute als Lyriker und Übersetzer arbeitet.

In der Bibliothek lesen sich die Schüler in Tontics Bücher ein. Auf den Tischen liegen das Taschenbuch "Im Auftrag des Wortes: Texte aus dem Exil" und die 40-seitige autobiografische Erzählung "Sonntag in Berlin". Der 17-jährige Geronimo Hartig blättert den Lyrikband "Der tägliche Weltuntergang" durch, dessen Texte von den Schrecken der Belagerung Sarajevos geprägt sind. Bei einem Gedicht mit dem Titel "Lehm" bleibt er hängen. "Dieser dramatische Text spricht mich an. Ich könnte mir vorstellen, ein gegenüberstellendes Gedicht zu schreiben." Geronimo Hartig will sich also derselben stilistischen Mittel wie Tontic bedienen, um den Gegensatz im alltäglichen Leben darzustellen. Er kopiert sich den Text, um zu Hause weiter an dieser Idee arbeiten zu können. Zur geplanten Abendveranstaltung will er die Texte zum Leben in einem Kriegsschauplatz und in der Normalität unseres Alltags dann vortragen.

Unterdessen haben sich Leo Schauer und Dilara Decker zusammengetan. Beide sind bei der Jugendtheatergruppe Limited Edition aktiv, und entsprechend gehen sie auch an dieses Projekt heran: "Die Lebensgeschichte von Stevan Tontic ist interessant. Wir wollen für das Projekt den Begriff 'Zuhause' thematisieren. Wir denken gerade über eine dreidimensionale Darstellung nach, etwas, das wie eine Kulisse gezeigt werden könnte." Diese Idee geht über die Vorstellungen der Ideengeberin der ganzen Aktion hinaus. Bibliothekarin Heidrun Dohle hatte die Zusammenarbeit mit der Schule angeregt und zunächst an das Gestalten von mindestens einem Dutzend Bilderrahmen sowie eine Veranstaltung gedacht. Doch sie sagt auch: "Die Schüler sollen selbst kreativ werden. Wir sind für alle Ideen offen."

Tatsächlich legen die Schüler bei der Auftaktveranstaltung eine bemerkenswerte Kreativität an den Tag. Dies, obwohl sie anfangs gar nicht von der Idee begeistert waren. "Im Unterricht sind die Schüler es gewöhnt, kurze Schritte zu gehen. Mit so einem langfristigen Projekt müssen sie ihre Komfortzone verlassen", verdeutlicht Deutsch-Geschichte-Lehrerin Katja Fay. Sebastian Franke war noch aus einem anderen Grund skeptisch: "Wir müssen hier selbst kreativ werden. Das liegt mir gar nicht." Seine Stärken sieht der 17-Jährige eher im analytischen Denken, deshalb hat er sich in Richtung Informations- und Kommunikationstechnologie orientiert. Doch genau mit dieser Stärke will er nun auch punkten: "Ich könnte mir vorstellen, die Texte von Stevan Tontic mit Hilfe der Informationstechnik auf Dinge wie Wortzahl, Satzbau und Wortwiederholungen zu analysieren." An einer prägnanten Darstellung der Ergebnisse muss Sebastian noch überlegen. Zeit dafür ist bis zur Preisverleihung im Mai.

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