Die Sekretärin, die mit den Fingern sieht

Heute ist internationaler Tag der Menschen mit Behinderung. Kathrin Rudolf ist blind und arbeitet bei der Diakonie in Bad Schlema als Bürokraft. Wie schafft sie das?

Bad Schlema.

Mit den Fingerspitzen liest Kathrin Rudolf ihre E-Mails. Sie fährt über eine Leiste, die neben ihrer Tastatur liegt, eine sogenannte Braille-Zeile. Auf dieser wird der Text Zeile für Zeile in Blindenschrift übertragen. In die Leiste sind Punkte eingestanzt, je nach Buchstabe heben sich bestimmte Punkte, die Kathrin Rudolf ertastet. Gleichzeitig hört sie den Text über Kopfhörer. Das geht schneller, so kann sie den Text quasi überfliegen. "Das ist eine Bewerbung", sagt sie in ihrer ruhigen Art, und leitet die E-Mail an die Personalabteilung weiter.

Die 51-Jährige arbeitet seit 23 Jahren in der Diakonie in Bad Schlema. Ihre Aufgaben dort beschreibt sie mit "Sekretärinnenarbeit" - inklusive Kaffee-Kochen. Mit einer Besonderheit: Seit 30Jahren ist Katrin Rudolf vollkommen blind. In der Diakonie hat sie eine halbe Stelle. 25 Stunden pro Woche ist sie für die zwölf Mitarbeiter in der Beratungsstelle zuständig. Bekommt sie Besuch, fragt sie ihre Gäste als erstes, ob sie die Jacke abnehmen könne und hängt sie in den Schrank.


Aufgeräumt sieht ihr Büro aus. Die Postfächer der Mitarbeiter, die sie bestückt, sind zusätzlich mit Braille-Buchstaben beschriftet. Das Telefon klingelt. Automatisch sagt der Apparat die Telefonnummer des Anrufers an. Da müsse sie rangehen, sagt Rudolf, die Nummer habe heute schon öfters angerufen. Ein Mann möchte bei einem Diakoniemitarbeiter einen Beratungstermin ausmachen. Mittlerweile hat Rudolf ein halbes Telefonbuch im Kopf.

Manche Besucher merken gar nicht, dass sie blind ist, erzählt ihr Kollege Daniel Bach. Andere würden ihn später im Beratungsgespräch fragen, ob es sein kann, das Kathrin Rudolf nicht sehen kann.

Die Büro-Arbeit erledigt sie mithilfe ihres Gehörs, Tastsinns und moderner Technik. Auf dem Schreibtisch stehen neben PC, Tastatur mit Braillezeile und Telefon weitere Geräte. Mit dem Scanner digitalisiert sie Briefe oder andere gedruckte Texte, die wiederum vorgelesen und in Braille-Schrift umgewandelt werden. Passen muss sie nur bei handschriftlichen Dokumenten. Da helfen ihr die Kollegen.

Bei Sitzungen tippt sie die Protokolle in rasantem Tempo in die zehn Tasten ihres Pocket-PCs. Auf diesem schreibt sie in Blinden-Kurzschrift, eine Art Steno-Schrift. Die Daten werden dann auf den PC übertragen und hier in normaler Schrift angezeigt. Auch die Kollegen schreiben ihr keine Notizzettel, sondern sprechen auf Kassetten, die Rudolf dann abhört. "Über die Augen laufen 80 Prozent der Sinneswahrnehmung. Das zu ersetzen, bedeutet natürlich höheren Zeitaufwand", sagt sie. Das fehlende Augenlicht mache sie durch hohe Konzentration und ein gutes Gedächtnis wett.

Die technischen Hilfsmittel werden zu 100 Prozent vom Integrationsamt finanziert, erklärt Rudolf. Denn die Diakonie erfüllt die im Sozialgesetzbuch vorgegebene Quote von mindestens fünf Prozent schwerbehinderten Angestellten. Diese gilt für Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern. Im Diakonischen Werk Aue/Schwarzenberg werden 35 der insgesamt 656 Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung vergeben, so Sprecherin Katharina Neukirchner. Mit der Arbeit bei der Diakonie ist Rudolf sehr zufrieden, sagt sie, besonders wegen der "Zusammenarbeit auf Augenhöhe" mit den Kollegen. Damit meint sie die Normalität im Umgang miteinander. Barrieren im Kopf gibt es nicht.

Das ist nicht selbstverständlich. Für heute haben die Vereinten Nationen den Internationalen Aktionstag der Menschen mit Behinderung ausgerufen, um auf Probleme der Betroffenen aufmerksam zu machen. Im Erzgebirgskreis leben laut aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes 35.000 Menschen mit Schwerbehinderung, das heißt, mit einem Grad der Behinderung von über 50 Prozent. Auf Rudolfs Schwerbehindertenausweis ist der Grad der Behinderung mit 100 Prozent angegeben.

Sie wurde aufgrund einer fortschreitenden Netzhauterkrankung ab der Einschulung blind. Trotzdem absolvierte sie eine normale Berufsausbildung und hat sich zu DDR-Zeiten zum Facharbeiter für Schreibtechnik ausbilden lassen. Als ihr Sehvermögen dann zunehmend schlechter wurde, lernte sie an der Blindenschule im damaligen Karl-Marx-Stadt die Blinden-Kurzschrift.

"Natürlich fehlt einem etwas", sagt sie. "Die Leute, das Treiben zu beobachten. In die Gesichter der Menschen zu sehen." Beim Friseur oder Kleiderkauf verlässt sie sich auf Beratung und die Rückmeldung von ihrem Mann. Sie engagiert sich im Blindenverband Aue-Schwarzenberg. Der zähle derzeit 22 Mitglieder.

Neigt sich ein Besuch in Kathrin Rudolfs Büro dem Ende entgegen, holt sie die Jacken der Gäste aus dem Schrank und verabschiedet sich mit einem Händedruck. Und schon sitzt sie wieder am Schreibtisch. Die Kopfhörer auf den Ohren. Und die Finger auf der Baille-Zeile.

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