Die Spur der Socken führt von Australien zurück nach Thalheim

Zwei Männer von zwei Kontinenten sind verwandt. Lange wussten sie nichts davon - jetzt aber haben sie sich gefunden. Sie eint die Geschichte der Strumpfwirker.

Thalheim.

Die Spur beginnt bei Christian Görner. Der lebte in Thalheim und ist 1742 gestorben. Und sie endet - vorerst - bei Andreas und Lucy Lindner. Die beiden leben in Crookwell. Das liegt in Australien, irgendwo zwischen Melbourne und Sydney. Es ist die Spur einer langen Geschichte. Sie hat viel zu tun mit der Tradition der Strumpfwirker allgemeinen - und dem Herstellen von Socken im Speziellen.

Das Heimatmuseum Thalheim spielt dabei eine wichtige Rolle: Mit leuchtenden Augen gehen Andreas und Lucy Lindner durch dieses Haus. Sie sind zu Besuch in der Drei-Tannen-Stadt, nachdem Lucy über das Internet den Kontakt hergestellt hat. Sie haben Herzklopfen mitgebracht. Denn bis vor kurzem wussten beide nicht, wie weit ihre Wurzeln liegen - bis nach Thalheim.

Das Ehepaar ist Inhaber einer kleinen Sockenfabrik im besagten Crookwell, via Luftlinie 15.000 Kilometer vom Erzgebirge entfernt. Drei Familienmitglieder und zwei Angestellte produzieren bei Lindner Socks 20.000 Paar Socken im Jahr. Verarbeitet wird hauptsächlich Merinowolle. Beliefert wird vor allem der heimische, australische Markt. Ohne Thalheim aber schwer möglich. Das weiß Uwe Lindner.

Dieser widmet sich als Vize-Chef des Heimatkundlichen Vereins seit Jahren vor allem der Historie der hiesigen Strumpfwirker. Lindner aus Thalheim, Lindners aus Australien? Das ist kein Zufall. Sie sind verwandt, aber nur Uwe Lindner war das klar: "Ich wusste über meine Recherchen, dass es da jemanden in Australien gibt." Beide sind verwandt, sahen sich erstmals, aber Fremdeln war nicht angesagt - Andreas und Uwe eint das Interesse an der Herstellung von Strümpfen.

Andreas Lindner: "Wir dachten immer, die Sockenproduktion in unserer Familie ist mit Max Lindner losgegangen." Uwe Lindner weiß es besser. Laut einem von ihm erstellten Stammbaum ist die Familie seit etlichen Generation in der Strumpfwirkerei tätig. Der älteste Nachweis geht auf den schon erwähnten Strumpfwirkergesellen Christian Görner (1681-1742) zurück.

Im Haus der Heimatkunde hat die Familie bisher dennoch keine Rolle gespielt, denn als erster Firmeninhaber ist tatsächlich Max Lindner, der Urgroßvater von Andreas, aufgeführt. Uwe Lindner: "Als er 1925 die Firma gegründet hat, war der Zug aber schon abgefahren. Mit 37 Beschäftigten gehörte Max Lindner nicht zu den 20 größten Strumpffabriken." Doch Uwe Lindner sagt, dass dies in einer Stadt wie Thalheim nicht für Bedeutungslosigkeit spricht: "1911 kam ein Prozent der Weltproduktion an Strümpfen aus Thalheim."

Die Lindners haben bis Ende 1950 in Thalheim produziert. Anfangs im Wohnhaus auf der Chemnitzer Straße 24, ab 1937 auf der Unteren Hauptstraße 27, ab 1939 schließlich im Fabrikgebäude auf der Unteren Bahnhofstraße 5. Als Max Lindner 1941 stirbt, übernimmt dessen Sohn Alfred Lindner die Geschäftsleitung, geht zehn Jahre später nach Neumarkt/Oberpfalz in die BRD und baut dort eine neue Sockenproduktion auf. Die Geschäfte liefen gut: Bei ihrem Weltmeister-Erfolg 1974 trugen die Kicker der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Socken der Lindners.

In der Oberpfalz wurde dann auch der heute 36-jährige Andreas geboren. Dessen Vater Wilfred Lindner ist 1987 mit seiner Familie und einigen Maschinen nach Australien ausgewandert. Andreas war 5 Jahre.

Auf den alten Maschinen aus den 1960er- und 1970er-Jahren wird bis heute produziert. 2007 hat Wilfred die Geschäfte an Andreas übergeben. Der Kontakt nach Deutschland blieb. "Als Kinder haben wir öfter die Großeltern besucht, zuletzt war ich 2006 bei den Verwandten."

Jetzt also wieder. Vier Wochen sind die Lindners in Deutschland zu Gast bei Verwandten in Neumarkt - eine Woche erstmals aber auch in Thalheim. Uwe Lindner: "2020 besuche ich die Familie in Australien."

In gewisser Weise wird sich der Thalheimer Fan von allerlei Historie dort wohlfühlen. Denn auf Historie legen Australier großen Wert. Schon deshalb hat die 37-Jährige Lucy Lindner angefangen, die Geschichte der Firma für die Website zu recherchieren. So fand sie auch die Thalheimer Spur der Strumpfwirker.

Lucy selbst stammt von den ersten Siedlern ab - Häftlinge, die ab 1788 die erste Sträflingskolonie in New South Wales bevölkert haben. Sie zwinkert mit den Augen: Einer ihrer Vorfahren ist als Taschendieb nach Australien verschifft worden, ein anderer hatte eine Kuh gestohlen.

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