Dringend gesucht: Schule für Schulkinder

Die Situation hinsichtlich der Montessori-Schule in Thalheim wird immer dramatischer. Im September werden die angedachten Klassenzimmer für die Kinder nicht fertig. Doch wo sollen diese lernen? Und gegen den Schulträger läuft jetzt auch noch ein Insolvenzverfahren.

Thalheim.

Wohin mit 44 Grundschülern, wenn diese drei Wochen nach Schulbeginn immer noch kein Dach über den Köpfen haben? Eine Antwort sucht nicht mehr nur der Betreiber der betroffenen Montessori-Grundschule - die Jugendstätten Stocker aus Chemnitz - sondern auch ein Insolvenzverwalter, die Stadt Thalheim und das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub).

Fakt ist: Die bauliche Situation im ehemaligen Thalheimer Gymnasium, wo die Montessori-Schule eigentlich pünktlich am 19. August den Schulbetrieb aufnehmen wollte, hat sich nicht verbessert. "Es wird nun frühestens Ende September alles fertig", sagt Nils Freudenberg. Er ist der Insolvenzverwalter der finanziell angeschlagenen Jugendstätten Stocker, die neben Thalheim noch eine Montessori-Schule im Chemnitzer Stadtteil Stelzendorf betreiben. Dabei hatte Chef Karl Stocker erst kürzlich gesagt, dass diese Woche alles fertig würde. Doch Fehlanzeige. Freudenberg: "Die Lieferzeiten am Bau und die Terminkoordinationen machen es einfach schwer."


Gegen Stockers Unternehmen hat das Amtsgericht jetzt ein Insolvenzverfahren eröffnet, bestätigt Nils Freudenberg. Er sagt: Stocker habe einen "operativ gesunden Kern". Ein Grund für die Misere liege im Handeln des Freistaates, der Zuschüsse an Stocker nicht zahlen wollte. Hintergrund: Normalerweise bekommen freie Schulträger staatliche Gelder nach drei Jahren rückwirkend überwiesen. "Doch nun wollte das Land diese Frist noch um ein Jahr verlängern. Vorm Verwaltungsgericht konnten wir das abwehren, aber das Geld blieb erstmal aus." Mit den 200.000 Euro Bau-Investitionen im Thalheimer Gymnasium und der Forderung vieler Firmen, nun Vorkasse von Stocker zu verlangen, habe sich die Lage verschärft, so Freudenberg weiter.

Derweil lernen die 44 Kinder in Indianerzelten im Waldcampingareal nahe dem Thalheimer Erzgebirgsbad. Projektunterricht nennt sich das. Lasub-Sprecher Lutz Steinert sagt, Schulen in freier Trägerschaft hätten gewisse Freiräume. "Abweichungen in der Lehr- und Erziehungsmethode, den Lehrstoffen und der schulischen Organisation sind an diesen Schulen möglich." Trotzdem: Die Projektwochenregelung für Montessori-Schüler in Thalheim ende jetzt, so Steinert. "Wir drängen auf die Beschulung der Schüler in einem Gebäude."

Eine Lösung wäre, vorübergehend die 44 Kinder in Stockers Montessori-Grundschule in Stelzendorf unterzubringen. Dies wird derzeit vom Lasub geprüft. Nachteil: Zwischen Thalheim und Stelzendorf liegen mehr als 20 Kilometer. Vorteil: Hier wären die Schüler sicher - auch eine Turnhalle gibt es. Denn auch der Sportunterricht war von Stocker noch bis Schuljahresbeginn nicht abgesichert gewesen.

Parallel dazu versucht Freudenberg noch immer, Ersatzräume vor Ort in Thalheim zu finden. Das alte Berufsbildungszentrum stand vorgestern offenbar noch auf der Liste ganz oben - so jedenfalls deutete es Freudenberg an. Bürgermeister Nico Dittmann hätte schon fast eine Sondersitzung im Stadtrat diesbezüglich einberufen müssen, muss dies aber wohl doch nicht mehr machen. "Es ist mittlerweile klar, dass das Gebäude wohl nicht den Anforderungen der Behörden entspricht", so Dittmann. Weitere Alternativen? Die Grundschule in Thalheim sei zu voll, sagt Dittmann. Er habe aber am Donnerstag mit dem Schulleiter der Oberschule gesprochen, ob die Einrichtung womöglich die Montessori-Kinder aufnehmen könnte. Aber noch sei nichts entschieden.

"Eine Lösung wegen der Turnhalle für den Sportunterricht zu finden, ist sicher einfacher", ergänzt der Bürgermeister. Insolvenzverwalter Nils Freudenberg hat schon mit dem Sportpark in Thalheim Kontakt aufgenommen. Hier könnte sich zumindest auch eine langfristige Lösung abzeichnen, so der Jurist.

Nils Freudenberg hofft, dass alles ein gutes Ende haben wird, wie er sagt. Dann ist vielleicht auch wieder Zeit, dass die Jugendstätten Stocker ihre Internetseite mal aktualisieren. Dort können sich Eltern immer noch über den Montessori-Standort in Adorf informieren. Dabei ist Stocker dort lange weg - nicht im Frieden. Im April hatte die Gemeinde Neukirchen entschieden, den Mietvertrag mit Stocker zum Schuljahresende zu kündigen. Grund seien vernachlässigte Pflichten durch den Betreiber, so die Gemeinde. Daraufhin zog Stocker mit seiner Schule weiter - nach Thalheim.

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4Kommentare
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  • 1
    8
    Steuerzahler
    08.09.2019

    @vomdorf: Na Ihr Beitrag kann in keinster Weise verbergen, dass sie die von der Obrigkeit vertretene Absonderung andersartiger bzw. behinderter Kinder favorisieren. Genau das ist es, was die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in D so schwer gemacht hat und dazu führte, dass Privatschulen für viele solcher Kinder und Familien der rettende Anker waren. Natürlich ist das auch immer eine ganz individuelle, auf das Kind bezogene Entscheidung. Die Aufnahme dieser Kinder in die Privatschulen nur auf den Drang zum Geld verdienen zurück zu führen, ist ein sehr beliebtes Argument. Hinzu kommt, dass ja vor allem auch die Staatlichen Sonderschulen unter akutem Lehrermangel leiden und überfüllt sind. Es ist also vollkommen unangebracht, Dinge, die uns die halbe zivilisierte Welt vormacht, mit althergebrachten Vorurteilen zu verteufeln. Und zuletzt, pauschal von Förderschulen zu sprechen ist aufgrund der Unterschiedlichkeit des Förderbedarfes vollkommen daneben. Spielen doch der Grund des Förderbedarfs ( Verhaltensstörungen, geistige Behinderung, körperliche Behinderung, zunehmend sprachliche Defizite und nicht Beherrschen der deutschen Sprache, u. v. a. m.) eine wesentliche Rolle, ob G-Schule eine andere.

  • 2
    4
    vomdorf
    08.09.2019

    @Steuerzahler
    Es stimmt, dass Schüler mit allerlei Lerndefiziten gern genommen wurden. Nur muss man vielleicht sehen, dass an der Regelschule vielleicht 28 Kinder in einer Klasse sind, von denen mindestens 5 irgendeine Lernschwäche und andere, verhaltnsspezifische Defizite haben.
    Ein Lehrer schafft es da einfach nicht, allen gerecht zu werden. Außerdem ist ein normaler grundständig ausgebildeter Grundschulellehrer gar nicht für den Umgang mit z.B. Förderschülern ausgebildet.Wir haben doch ein wunderbar funktionierendes System an Förderschulen, in denen zu großen Teil ( zum Glück noch) Fachleute da sind, die den Kindern alles beibringen, was sie zum Leben brauchen, vor allem haben die Kinder da Erfolgserlebnisse.

    Warum nimmt Herr Stocker alle Kinder? Weil sie Geld bringen. In erster Linie natürlich.

    Und ich weiß von einer Familie, dass ihr Kind ein halbes Jahr kein Mathe hatte, dass es in Klasse 4 von Dingen, nicht nur in Mathematik, noch nie gehört hatte, die an der Regelschule in Klasse 2 * sitzen müssen* .
    Die wenigsten Eltern lesen doch den Lehrplan und können einschätzen, was ihr Kind können müsste. Das ist doch nicht ihre Aufgabe. Aber auch Lehrer der Montessori- Schulen haben den Lehrplan zu erfüllen. Es gibt genügend solcher Schulen, die das sehr gut machen.

    Mir tun die Kinder leid, denn die können nichts dafür, merken aber sehr wohl, dass sie den anderen sehr hinterher hängen, obwohl sie ein Jahr älter sind, schlechter als alle lesen, Grundaufgaben nicht beherrschen, Aufgabenstellungen nicht erfassen,....

  • 1
    3
    Steuerzahler
    08.09.2019

    @vomdorf: Obwohl vieles stimmt, was Sie geschrieben haben, kann man m. E. nicht behaupten, dass der Rückstand mehrere Jahre betragen soll beim Leistungsstand der Schüler. Bei 4 Jahren Grundschule würde das bedeuten, dass so gut wie kein Unterricht stattfindet. Nun unterrichtet aber kein Herr Stocker, sondern ausgebildete und durchaus engagierte Lehrer. Auch sollte man die Rolle und das Auftreten der Gemeinde Neukirchen bei der Kündigung der bisherigen Räume hinterfragen. Mit anderen Worten, es ist nicht alles schwarz und weiß, sondern es gibt viele Grautöne. Hinzu kommt, dass diese Schule auch behinderten Kindern die Möglichkeit zur inklusive Beschulung gibt, wo sich die staatlichen Schulen, um es vorsichtig auszudrücken, nicht darum reißen. Ja und ausbleibende Zahlungen des Landes sind offs. auch ein Mittel, Privatschulen zu begrenzen. Auch darüber sollte man im Zusammenhang mit der ewig währenden Problematik der Zahlungen an Privatschulen in der Vergangenheit und Gegenwart nachdenken.

  • 11
    3
    vomdorf
    07.09.2019

    Diesem Herrn Stocker sollte das Handwerk gelegt werden, denn er kann es einfach nicht. Es gibt viele Montessori- Schulen, die tolle Arbeit leisten. Dieser Mann aber nicht.
    Kinder, die aus dieser Schule auf eine staatliche Grundschule wechseln zeigen das in erschreckendem Maße. Da die Eltern ja keine Vergleichsmöglichkeiten haben und das Kind hervorragende Beurteilungen bekommt glauben sie, dass alles in Ordnung ist und müssen dann feststellen, dass es ganz und gar nicht so ist und die Defizite mehrere (!!!!!!) Schuljahre ausmachen. Dass hier das Schulamt nicht einschreitet ist nicht nachvollziehbar.



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