Ehemaliger Stollberger berichtet über Fluchtversuch und Freikauf

50 Jahre ist es her, dass Manfred Casper versuchte, vom Urlaub in Bulgarien in den Westen zu gelangen. Er wird geschnappt und zunächst inhaftiert. Nun hat er seine Erlebnisse in einem autobiografischen Buch veröffentlicht und dieses im Lutherhaus vorgestellt.

Stollberg.

Von Kindesbeinen an hat Manfred Casper beide deutsche Staaten erlebt. Geboren und aufgewachsen ist er in Stollberg. Doch bereits als Dreijähriger war er auch auf Besuch in der Bundesrepublik, denn dort lebten viele seiner Verwandten. In den Ferien ging es jedes Jahr zu den Großeltern in Braunschweig. Von dort aus nach Hannover zu einem Onkel. Schon dort spürte Casper die Unterschiede zwischen beiden deutschen Staaten. Seine Tante Martha schimpfte, als ein Demonstrationszug vorbeilief: "Das sind vermutlich wieder die Kommunisten." Und Manfred Casper zog Vergleiche zur Heimat: "Unsere Demos zum 1. Mai waren ganz anders." Auch als am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wird, ist die Familie gerade im Westen. Sie kehrt in den Osten zurück, doch künftig ist alles anders. Die jährlichen Besuche in der Bundesrepublik werden nicht mehr genehmigt.

Manfred Casper rollt in seinem 420 Seiten starken Buch seine persönliche Geschichte auf, beginnend bei den Eltern, die in Schlesien eine Landwirtschaft hatten, ehe sie nach Stollberg kamen. Er erzählt vom Vater, der als Bergmann gearbeitet hat, vom Deputat an Kohle und Schachtschnaps und davon, dass er die politischen Gespräche zu Hause unter der Decke halten musste. "Dass du draußen ja nichts erzählst", habe ihn die Mutter gewarnt.

Seine eigene kritische Haltung wird immer stärker. Da kommen Westpakete mit Legosteinen nicht an. 1968 hört und sieht Casper sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Tags darauf erfährt er, dass sie auf dem Weg in die Tschechoslowakei waren, um dort den Prager Frühling niederzuschlagen. Mit 19 Jahren unternimmt der gelernte Baumaschinist schließlich einen Fluchtversuch. Vom Urlaub in Bulgarien will er sich nach Jugoslawien durchschlagen. Er fährt per Anhalter auf Eselskarren und Lieferwagen mit. Ein Bulgare lässt ihn in einer Kolchose schlafen, wo er am folgenden Morgen eine Salami und Werkzeug klaut. "Das Sein bestimmt das Bewusstsein", so rechtfertigt er den Diebstahl vor sich selbst. An der Grenze allerdings wird er schließlich geschnappt. Es folgen Gerichtsverhandlung, Verurteilung, U-Haft in Sofia, Berlin und Karl-Marx-Stadt. Schließlich kommt Manfred Casper zum Strafvollzug nach Cottbus, ehe er nach 17 Monaten freigekauft wird.

Im Westen fängt Manfred Casper noch einmal neu an. Er lernt Technischer Zeichner, holt das Abi auf dem zweiten Bildungsweg nach und studiert Deutsch/Gemeinschaftskunde auf Lehramt. Weil er wegen der Lehrerschwemme in den 1980er-Jahren keine Stelle bekommt, studiert er noch Betriebswirtschaft, arbeitet später beim Arbeitgeberverband Region Braunschweig, wo er 1992 Hauptgeschäftsführer wird.

Von Fluchtversuch und Freikauf berichtet er zunächst als Zeitzeuge an Schulen, später hält er öffentliche Vorträge. Mit Eintritt in die Rente hat der heute 68-Jährige vor drei Jahren beschlossen, seine Erlebnisse in einem Buch zu verarbeiten. 40 Besucher haben die erste Lesung in Stollberg erlebt, darunter viele Verwandte, Bekannte und ehemalige Schulkameraden.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    2
    Distelblüte
    11.10.2019

    Ich war bei der Lesung dabei und erlebte einen berührenden, fesselnden Zeitzeugenbericht.
    Veranstalter des Abends war im übrigen der Buch + Kunst Laden Lindner in Stollberg - leider wurde dies im Artikel nicht erwähnt.



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