Ein Dorf inszeniert seine Ortsgeschichte

Die Menschen in Beutha stellen diese Woche Großes auf die Beine. Die Straßen werden zur Bühne, die Einheimischen zu Schauspielern. Die Geschichte um den Räuber Nicol List birgt dafür den perfekten Stoff.

Beutha.

Ungewöhnliche Glockenschläge nach dem 19-Uhr-Bimmeln sorgten zu Wochenbeginn in Beutha für Staunen und signalisierten aufmerksamen Beobachtern, dass sich Nichtalltägliches im Zentrum der 600-Seelen-Gemeinde zuträgt: Das Dorf inszeniert seine Ortsgeschichte. Und das verspricht ein Spektakel zu werden. Es geht um Mord und Totschlag, Raub und Folter. Knallhart, aber auch heiter und durchaus detailversessen rekonstruieren die Einheimischen jenes Geschehen um den berühmt-berüchtigten Mitbürger ihres Fleckens: Räuberhauptmann Nicol List. Der Sohn armer Tagelöhner, Pferdehändler, Korporal und Kneipenpächter schrieb vor über 300 Jahren packende Geschichte. Zum nun gefeierten Ortsjubiläum wird diese mit einem einzigartigen Theaterstück erlebbar gemacht.

Der scheinbar unbescholtene Nicol List hält zunächst die Adligen und Kirchenmänner der Region um Hartenstein mit seinen Diebeszügen in Atmen, bricht später auch bis Berlin zu Beutetouren auf. Sich seinen Häschern zunächst vor der Festnahme immer wieder entziehend, eskaliert die Hatz schließlich mit zwei, 1696 bei der versuchten Festnahme in Beutha niedergeschossenen Landschöppen. Die Jäger stoppen dessen Flucht schließlich 1698 bei Greiz. Mit der Hinrichtung des 45-Jährigen 1699 in Celle nimmt der Spuk ein blutig-schauriges Ende.


Was die Felsenbühne Rathen oder die Greifensteine mit ihrer reizvollen Naturkulisse bieten, ist die Hauptstraße mit Beuthenbach des inzwischen zu Stollberg zählenden Ortsteils: der authentische, im Freien liegende Schauplatz eines ungeheuerlichen Geschehens. Genau an jener Stelle gegenüber der heutigen Feuerwache haben die schauspielbegeisterten Einheimischen das symbolische Wohnhaus wieder errichtet, das 1696 geschliffen wurde. In einem erstaunlichen Gemeinschaftswerk funktionieren die Akteure den 50 Meter langen Straßenabschnitt zu einer in fünf Szenen wechselnden Kulisse um. Mit wenigen, aber raffiniert gestalteten Elementen werden die Zuschauer mit an die Schauplätze genommen: So auch das von Nicol List gepachtete Gasthaus der Grünen Tanne in Raum, den Wohnsitz des Erbrichters Hilbert, den Schlossturm Hartenstein und das Gasthaus in Braunschweig.

Zur Generalprobe am Montag gab die Schauspieltruppe einen Einblick, auf welch temporeiches Geschehen sich Zuschauer am Sonnabend freuen dürfen. Neben 32 handelnden Personen sorgen elf Pferde, ein Muli, zwei Gänse, zwei Hunde und eine Handvoll Hühner für einen lebensnahen Handlungsraum. Mit Weißköpfchen tritt muhend ebenso ein Stück Fleckvieh ins Rampenlicht, das im Gatter stehend gutmütig die Spitzbubentaten verfolgt. Die Landwirte, Friseurin, Angestellte, Kraftfahrer und Handwerker zeichnen für Kulissenbau, Kostümschneiderei und Maske genauso in Eigenregie verantwortlich, wie die Erarbeitung des Drehbuches und die Inszenierung in ihren Händen liegt. Fürs Gelingen haben sie Freunde und Nachbarn aus Raum, Niederwürschnitz, Stollberg, Alberoda und Gablenz gewinnen können. Der Mittelsächsische Kultursommer Hainichen stellt einen Großteil der Gewänder zu Verfügung.

Das 2019 zu feiernde 675-jährige Dorfjubiläum ließ bei den Akteuren um Ortschronist Joachim Schwind und Gunter Eilenberger vom Männerkulturverein die Idee reifen, jene verstaubten Archivdokumente und abgelegten Kirchenbücher auf spezielle Weise zu erschließen und den nüchternen Überlieferungen eine Menge Emotionen einzuhauchen. "Seit Herbst arbeiten wir an dem Projekt. Gewisse Erfahrungen verfügen die Beuthaer ja ohnehin mit wiederholten Schauspielbeiträgen", sagt Joachim Schwind. In akribischer Forschungstätigkeit hat der 63-Jährige das auf wahren Begebenheiten basierende Spielbuch geschrieben. "Ich werde als Erzähler auftreten und zwischen den Szenen als gewisses Rüstzeug die geschichtlichen Fakten vortragen." Dazu kommen zwei weitere Vorleser, die die Geschichte erzählen, während die Akteure auf der Straße entsprechend dazu handeln werden.

Das Stück wird am Samstag ab 18 Uhr in Beutha gezeigt und dauert etwa zwei Stunden. Zuvor findet ab 16 Uhr auf dem Dorfteich ein Badewannenrennen statt.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...