Eine Brücke, die trennt: Thalheimer streiten über Neubau

Das geplante Bauwerk zwischen Ufer- und Hauptstraße hätte enorme Ausmaße. Es gehört dorthin, sagen die einen. Es wäre hochpeinlich, sagen die anderen.

Thalheim.

Braucht Thalheim die Riesenbrücke? Für Kerstin Trommler ist die Antwort klar: "Egal, wie sie aussieht. Hauptsache, sie kommt." Trommler gehört das Reisebüro an der Uferstraße, nahe des geplanten Bauwerks. Sie sagt: Würde die Brücke zur Hauptstraße geschlagen, käme das Kunden entgegen. Für Kinder der Oberschule wäre es der kürzeste, sicherste Weg. Ähnlich äußern sich die Inhaber der umliegenden Geschäfte. Andere Thalheimer halten jedoch wenig von der Idee.

Das Projekt der Fußgängerbrücke begann als gewöhnliches Bauvorhaben - und nahm ungeahnte Dimensionen an. Jahrelang haben sich Planer damit abgemüht. Die skurrile Folge: Aus Gründen des Flutschutzes müsste sich die neue Brücke 1,44 Meter über die Straße erheben. Nicht nur optisch ist das fragwürdig. Wegen der Höhe wäre der Übergang nicht barrierefrei. Keine Chance für Rentner mit Rollatoren.

Letztlich entscheiden die Stadträte über den Neubau. Auch unter ihnen herrscht keine einhellige Meinung. "Wenn wir das bauen, machen wir uns in ganz Deutschland zum Obst", sagte einer. Eigentlich stand die Abstimmung schon auf der Tagesordnung der jüngsten Sitzung. Doch weil zu wenig Räte erschienen, wurde der Beschluss vertagt.

Stattdessen erklärte der zuständige Ingenieur, Falk Mederer-Thelen, noch einmal die Hintergründe des Modells. Das Hochwasser 2013 hatte die alte Brücke stark beschädigt. Wegen ihrer geringen Höhe staute sich die Zwönitz an der Uferstraße, das Wasser schwappte über die Ufer. Die Schäden an der Brücke waren so stark, dass Handwerker sie später abreißen mussten.

Für den Neubau legten Planer eine Höhe gemäß HQ 25 fest. Das heißt: Einer Flut, wie sie statistisch gesehen alle 25 Jahre vorkommt, würde ein solches Bauwerk standhalten. Das Wasser könnte darunter hindurchfließen, so die Idee. Wäre dieser Plan umgesetzt worden, würden die Thalheimer heute über eine Brücke laufen, deren Unterkante 80 Zentimeter höher läge als die alte.

Es kam anders. Weil 80 Zentimeter vielen noch zu tief erschien, wurde ein neues Ziel bestimmt: HQ 100. So mussten die Planer von vorne anfangen, Anträge und Genehmigungen neu gestellt werden. Ein Prozedere, das sich über mehrere Jahre hinzog. Denn überall im Landkreis hatten Gemeinden Schäden angemeldet, rund 1000 Fälle stapelten sich auf den Schreibtischen.

Doch in der Zwischenzeit hatte der Freistaat die Abflusswerte neu berechnet. Und damit änderte sich die Flutstatistik. Was früher als HQ100 galt, musste nach oben korrigiert werden. Auf dieser Grundlage entstand ein neues Modell mit einer Höhe von 1,70 Meter über der Straße. Unsinnig, fanden die Ingenieure.

Das Modell, das den Räten nun zum Beschluss vorliegt, ist ein Kompromiss. Es orientiert sich an HQ 50 und entspricht damit HQ 100 gemäß alten Bestimmungen. Wird es umgesetzt, läge die neue Unterkante 1,44 Meter über der Straße. Laut Mederer-Thelen standen auch andere Varianten zur Diskussion, Zug- und Hubbrücken etwa. Die könnten bei Flut nach oben gefahren werden, damit das Wasser ohne Hindernis fließen kann. Das Problem: Kosten und Bürokratie würden enorm zunehmen. Die Brücke, so wie sie jetzt geplant ist, wäre wirtschaftlich sinnvoll, sagt Mederer-Thelen: "Sie muss 50 bis 80 Jahre halten."

Bürgermeister Nico Dittmann setzt sich für den Neubau ein. Die Verwaltung habe viel Zeit in die Planung investiert. Es wäre frustrierend, wenn sie jetzt nicht umgesetzt würde. Hinzu kommt: Der Bau kostet die Stadt nichts. Die knapp 200.000 Euro übernimmt der Freistaat. "Das ist eigentlich ein Witz", sagt Dittmann angesichts der Millionen, die in Thalheim bereits in den Flutschutz investiert wurden. Und was das seltsame Aussehen angeht: "Vieles guckt sich mit der Zeit weg." Außerdem könne die Brücke hübsch gestaltet werden. "Im schlimmsten Fall wird es eben ein Mahnmal für Hochwasser." (mit joe)

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