Eine Liga mit Kulturpalast und Staatsoper

Die Gornsdorfer sind stolz auf ihre neue Grundschule. Die hat jetzt einen Ritterschlag erhalten: Das Objekt gehört zu den interessantesten Gebäuden der Republik und wurde im Architekturführer Deutschland aufgenommen. Bundesweit stehen darin knapp 100, sachsenweit nur sieben Häuser.

Gornsdorf.

Es soll Menschen geben, die fahren die Objekte aus dem Architekturführer Deutschland jedes Jahr nach dessen Erscheinen ab. Insofern kann es passieren, dass in Gornsdorf immer mal fremde Leute gesichtet werden, die sich für Architektur interessieren. Für sie ist der Architekturführer quasi das Standardwerk in Deutschland. 220 Seiten umfasst die neueste Ausgabe. Mittendrin, auf Seite 29, unmittelbar vor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, taucht sie auf: die vor knapp zwei Jahren fertig gestellte Gornsdorfer Grundschule.

Eine Adelung, auf die der Architekt Sieghart Löser zu Recht stolz ist. Er war bei der Gornsdorfer Grundschule Bauleiter, die Planung lag federführend bei seiner Tochter Katharina und deren Team. Katharina Löser besuchte einst die alte Grundschule und lebt inzwischen als Architektin in Berlin. "Unsere Prämisse war, die alte Schule zu erhalten und einzubinden. Manchmal sind solche Zwänge ja ganz gut, da muss man sich etwas einfallen lassen", sagt der 63-Jährige, der in Neudorf geboren wurde und seit 1990 das Architekturbüro führt. Aus jenen Zwängen etwa ist die Hangnutzung entstanden, die jedem Klassen- und jedem Hortraum einen ebenerdigen Zugang in den Garten geschenkt hat. "Damit erweitern wir das Klassenzimmer ins Grüne", so Löser. Dies lobt der Architekturführer. "Im rückwärtigen Bereich umarmt das Gebäude den hügelig ansteigenden Schulgarten", heißt es darin. Außerdem schmiegt sich das über Eck gebaute neue Schulhaus um die alte, 1881 erbaute Grundschule, die die Gemeinde gerade zum Dorfgemeinschaftshaus umbauen lässt. "Ein Haus ist nichts ohne seine Umgebung. Der Ort ist entscheidend. Dort beginne ich zu denken", sagt Löser. Und er muss es wissen. Allein mindestens 150 Einfamilienhäuser hat er schon gebaut, für ein Stadthaus in einer Baulücke in Warnemünde hat er den Architekturpreis der Stadt Rostock erhalten, mit einem sanierten Dreiseitenhof in Dresden schaffte der Gornsdorfer es 2017 sogar ins Jahrbuch der Architektur, in dem von den rund 100 Objekten aus dem Architekturführer nochmals die 30 besten aussortiert werden.

Nur sieben Objekte in Sachsen haben es in den Architekturführer 2019 geschafft: neben dem Drei-Millionen-Euro-Bau in Gornsdorf ist das ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude in Lichtentanne bei Zwickau, die Labormodule eines Forschungsinstituts in Leipzig sowie vier Objekte in Dresden, darunter der Kulturpalast. Das Buch ist eine Publikation des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, eine von drei Herausgebern ist Christina Gräwe. Sie berichtet, dass in einem mehrstufigen Verfahren zunächst etwa 180 gebaute Projekte ausgesucht werden, die in dem jeweiligen Jahr die Aufmerksamkeit erregt haben. Am Ende wählt eine Fachjury 100 für den Architekturführer aus. "Meist sind es zwei, drei weniger. Denn wir veröffentlichen ja die Adressen und so kann das eine oder andere Wohngebäude wegfallen, weil die Besitzer nicht wollen, dass sie ständig die Architekturstudenten im Garten stehen haben." Ist das schon passiert? "Ich habe das zwar so noch nicht gehört, aber es ist ja der Sinn dieses Architekturführers. Wie bei einem Reiseführer", so die Architektin und Publizistin.

Doch wie hat es das kleine Gornsdorf nun geschafft, in den Architekturführer zu kommen? "Es ist eine schöne Schule, sowohl in ästhetischer als auch in funktionaler Hinsicht überzeugend", sagt Christina Gräwe. "Und vor allem Bildungsbauten sind natürlich eine ganz wichtige Bauaufgabe." Ein wichtiges Kriterium war aber auch der Bezug des Gebäudes zu seinem Standort. "Wie es mit seiner Umgebung umgeht und wie es auf die Nachbarn wirkt. Da hat uns die Gornsdorfer Schule überzeugt", so Gräwe. Und nicht nur sie. Auch der Bund Deutscher Architekten Sachsen hat die Gornsdorfer Schule entdeckt. Unter 48 eingereichten Arbeiten wurde sie mit einer Anerkennung bedacht, im März findet die Preisverleihung statt.

Weiteres Highlight neben den natürlichen Materialien wie Lärchenholz ist die Treppe im Foyer. "Jedes Treppenhaus ist eine Handreichung an den Ankommenden. Er muss denken: Hier will ich rein, dies ist ein Ort zum bleiben", sagt Sieghart Löser. Nichts sei schlimmer als ein steriles Treppenhaus, reduziert auf die Funktion. Das der Gornsdorfer Schule ist kreisrund und innen gelb abgesetzt. "Wie eine Sonne. Die Strahlen ziehen einen hinein", findet Löser. "Als Architekt bin ich zuständig, Orte zu schaffen, an denen sich der Mensch wohlfühlt." Was könnte es besseres geben für eine Grundschule, die Kinder so prägt wie kaum ein anderes Gebäude?

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