Elektroroller, Rollator, Krücken: Die Pflegestufe aber bleibt aus

Kurt Richter kämpft - im Rahmen seiner schwindenden Kräfte. Der Stollberger ist mittlerweile zu 100 Prozent behindert, hat einst viele Jahre seine Mutter gepflegt - nun fühlt er sich selbst als Pflegefall. Doch die Krankenkasse lehnt seine Anträge immer ab. Zwei Meinungen - keine Lösung.

Stollberg.

Eines Tages ist Kurt Richter in sein Aquarium gestolpert. Zum Glück wohnt er in Parterre, sonst hätten sich die Mieter unter ihm beschwert - wegen der nassen Decke. "Das klingt lustig. Aber es zeigt mein Dilemma", sagt der Stollberger, der bald 70 Jahre alt wird. Er könne vieles nicht mehr oder nicht mehr so gut wie einst: "Aufstehen ist mühsam. Waschen geht kaum. Und diese Schmerzen - ich nehme täglich hoch dosierte Tabletten", sagt er.

Seit 2006 nun hat er regelmäßig die Pflegestufe bei der AOK beantragt. Drei Mal. Drei Mal abgelehnt. "Ich habe Widerspruch eingelegt." Das ist nicht ganz umsonst - etwa die Hälfte aller Einsprüche wird nach neuerlicher Prüfung positiv beschieden (siehe Kasten). Nun zählt Kurt Richter die Tage, bis eine Antwort kommt. "Ich habe drei Jahre mit meinem Bruder zusammen meine Mutti gepflegt, bis sie 2013 gestorben ist. Heute fühle ich mich selbst als Pflegefall. Und ich schäme mich nicht mehr, es zuzugeben."

Er glaubt, dass seine Argumente immer überzeugender werden. Nicht nur, dass er Krücken braucht für die kleinen Wege daheim - er lebt in einer 42-Quadratmeter Wohnung im Stollberger Dürer-Viertel. Für Wege nach draußen geht es ohne Rollator nicht. Und wenn er mal in die Stadt muss, setzt er sich in das Elektromobil, welches er irgendwann nach seinem Schlaganfall 2004 bekommen hat. Sein behandelnder Arzt hat ihm zudem alles notiert, was medizinisch relevant ist: Da ist die Rede von aufgehobener Schwingung der Lendenwirbelsäule oder einer Quadrizepsschwäche, ischiocrurale Muskelverkürzung, Schmerzhinken oder verschiedenen Frakturen. Fazit: Der Patient ist jetzt und in Zukunft auf fremde Hilfe im täglichen Leben angewiesen. Richter sagt: "Das Landratsamt bestätigt, dass der Grad meiner Behinderung mittlerweile nicht mehr 90, sondern 100 Prozent beträgt."

Und was sagt die AOK? "Die ganzheitliche Betrachtung berücksichtigt natürlich auch die Beeinträchtigungen, die sich aus einer Behinderung ergeben", sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK. "Es werden sowohl körperliche als auch geistige Einschränkungen berücksichtigt. Es geht darum, inwieweit durch die Beeinträchtigungen die Selbstständigkeit, die eigenen Fähigkeiten eingeschränkt werden und dies nicht kompensiert werden kann." Im Falle von Kurt Richter habe der Medizinische Dienst bislang aber "nur geringe Beeinträchtigungen" festgestellt. Vor drei Tagen aber waren die Prüfer erneut da, um Kurt Richter zu testen. Wohl wegen seines Widerspruchs. Nun hofft der alte Mann erneut.

Kurt Richter will nicht unfair sein. Natürlich müsse eine Krankenkasse Anträge und Leute prüfen. Aber er sei kräftemäßig am Ende. Dabei war sein Leben ein Kraftakt - vor allem als Arbeiter im Blechformwerk Stollberg - zuschneiden, stanzen, in Schichten. "Schwere Arbeit", so Richter. Bis die ersten Wehwehchchen kamen. Nach der Wende war er auf dem Bau, war ABMler - die zwei Söhne brauchten ja was zu essen.

Und heute? Er sitzt in seiner kleinen Wohnung, er hofft auf ein für ihn endlich positives Ergebnis von seiner Krankenkasse. Das Aquarium hat er übrigens aus seiner Wohnung entsorgt. "Es ist zu gefährlich, wenn ich dran vorbei schlurfe und wieder stolpere."


Mehr Pflegestufe-Anträge und wie Kurt Richter geprüft wurde

Laut AOK gibt es keine Zahlen über Antragsteller für Stollberg oder den Erzgebirgskreis, aber für den Gesamtbestand der Versicherten in Sachsen und Thüringen: Zwischen Januar und Juli 2018 lagen der AOK Plus 189.748 Anträge vor (davon etwa 39.400 Erstanträge). Im Vergleichszeitraum 2017 waren es noch 179.404 Anträge.

Die Zahl der Erstanträge beträgt laut AOK-Sprecherin Hannelore Strobel etwa 5000 bis 6000 pro Monat. "Die Genehmigungsquote aller Leistungen der Pflegeversicherung von Januar bis Juli 2018 liegt bei rund 90 Prozent - ähnlich wie im Vergleichszeitraum 2017." Pro Monat gehen im Schnitt 650 Widersprüche ein. Strobel: "In etwa der Hälfte wird diesen Widersprüchen abgeholfen."

Zur Ermittlung des Pflegegrades erfolgte die Beurteilung von Kurt Richter laut AOK in diesen Modulen:

Modul 1: Mobilität: Beeinträchtigungen bei Treppensteigen und Fortbewegung im Wohnbereich.

Modul 2: kognitive/kommunikative Fähigkeiten: keine Einschränkungen.

Modul 3: Verhalten/psychische Problemlagen: ohne Einschränkungen.

Modul 4: Selbstversorgung: geringer Hilfebedarf beim Baden und Duschen, einschließlich Haarewaschen.

Modul 5: Bewältigung von sowie selbstständiger Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen/Belastungen: keine Einschränkungen.

Modul 6: Gestaltung Alltag/soziale Kontakte: ohne Einschränkungen.

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