"Es geht um Identität, nicht um Sex"

Wie leben transsexuelle und homosexuelle Menschen im Erzgebirge? Ein Berater erzählt, wie er ihnen hilft

Sie müssen sich blöde Sprüche anhören. Sie werden angespuckt. Einige werden geschlagen. Wer als Transfrau, Transmann oder homosexuell lebt, hat es oft schwer. Steve Becker (50) vom Chemnitzer Verein "Different People" unterstützt Betroffene. Christoph Pengel hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Sie betreuen Menschen im Erzgebirge, die sich als "queer" bezeichnen und von den üblichen Geschlechternormen abweichen. Können Sie ein Beispiel aus der Region nennen?


Steve Becker: Mir fällt ein Fall ein, der nicht positiv ausgegangen ist. Meine Klientin war eine Transfrau...

...also ein Mann, der sich zu einer Frau umoperieren ließ.

Ja, genau. Sie war in einer Firma im Erzgebirge angestellt. Nach ihrem Coming-Out hat man es ihr schwer gemacht. Der Chef hat ihr eine Extra-Umkleide verwehrt, und sie musste sich weiter bei den Männern umziehen. Sie sollte auch weiterhin die Männertoilette benutzen. Dazu kamen dumme, anzügliche Sprüche von Kollegen: Sie habe wohl noch nie richtig Sex gehabt. Solche Sachen. Sie hat dann gekündigt und ist weggezogen. Das Problem ist, dass bei dem Thema vieles auf Sex reduziert wird. Obwohl es damit gar nichts zu tun hat.

Womit hat es dann zu tun?

Es geht um Identität, nicht um Sex. Sex ist eine ganz andere Geschichte. Ein Transmensch kann schwul, lesbisch oder heterosexuell sein. Viele sind auch asexuell. Es gibt alle Orientierungen, die auch Nicht-Transmenschen haben.

Wer sucht Hilfe bei Ihnen?

Überwiegend sind es Transidente. Also Menschen, die sich falsch in ihrem Körper fühlen und mit dem anderen Geschlecht identifizieren. Da ist zum Beispiel die Mutter mit ihrem 13-jährigem Sohn, der gern ein Mädchen wäre. Aber auch Senioren kommen zu mir. Alle Berufsgruppen sind vertreten, vom Arbeiter über den Gastronom bis zum Mediziner. Ein paar meiner Klienten sind auch homosexuell.

Und wie helfen Sie ihnen?

Die erste Hilfe besteht darin, dass sich die Betroffenen einem anvertrauen, der sie versteht. Wenn die Menschen Probleme in der Firma haben, suche ich zum Beispiel das Gespräch mit einem Vorgesetzten, zusammen mit dem Klienten. Zudem vermittle ich Kontakte zu Selbsthilfegruppen oder Ärzten. Manchmal bin ich auch beim Outing dabei, etwa wenn ein Jugendlicher seinen Eltern beichten will, was mit ihm los ist. So kann ich auf Fragen reagieren, die der Betroffene selbst noch nicht beantworten kann. Ich bin dann der Prellbock.

Welche Besonderheiten haben Sie im Erzgebirge festgestellt?

Die Menschen hier wollen eher Einzelgespräche mit mir und weniger an Selbsthilfegruppen teilnehmen. Je kleiner die Orte, umso schwieriger ist es für die Klienten. Dort hat man nach einem Outing viel mehr mit Gerede zu rechnen als in einer anonymen Stadt wie Chemnitz. Wenn rauskommt, dass ein Jugendlicher in einem Dorf transident ist, werden oft die Eltern angemacht: Du hast dein Kind nicht richtig erzogen, heißt es dann.

Erleben Ihre Klienten auch Gewalt?

Das kommt leider vor. Einige werden in Straßenbahnen angespuckt. Das ist noch das Harmloseste. Andere werden auch geschlagen.

Wie groß ist die Nachfrage nach Beratung im Erzgebirge?

Ich habe viel zu tun. Ich biete Beratungen in meinem Büro an, dazu kommen bis zu 15 Außentermine pro Monat. Derzeit habe ich etwa 40 Klienten, die mich auch telefonisch immer erreichen können.

Wie sind Sie Berater geworden?

Ich wurde vor 50 Jahren selbst als Frau geboren. Schon in früher Kindheit habe ich gemerkt, dass ich anders bin. Kleider, Schminke, Handarbeiten, all das mochte ich nicht. Ich wollte ein Junge sein. Aber erst vor ein paar Jahren, 2005, habe ich mich geoutet. Später habe ich dann Hormone genommen.

So spät? Wie kam es dazu?

Ich habe lange Zeit nur eine Rolle erfüllt. Ich war sogar verheiratet und habe Kinder bekommen. Mir war mein Leben egal. Ich fuhr ohne Führerschein Auto, wurde irgendwann erwischt und bestraft.

Und das hat Sie zum Nachdenken gebracht?

Ja, ich dachte: So kann es nicht weitergehen. Jetzt hast du die Gelegenheit, etwas zu ändern. Ich habe meine Ehe beendet und eine kleine Wohnung genommen. Meine Familie war geschockt.

Wie geht es Ihnen heute?

Es hat sich viel zum Besseren verändert. Ich bin wieder glücklich verheiratet. Mit einer Frau. Zu einem meiner Kinder habe ich wieder richtig guten Kontakt. Ich bin Opa. Ich besuche regelmäßig meine Mutter. Und ich habe jetzt einen Führerschein.

www.different-people.de


Jenseits der Norm

0,25 % aller Menschen sind transident, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Bei 340.000 Einwohnern im Kreis wären das 850 Menschen.

Homosexuelle Ehen wurden mittlerweile in fast allen größeren Städten des Erzgebirges geschlossen: Stollberg: 3, Aue: 1, Zschopau: 3, Marienberg: 1. In Annaberg-Buchholz wurden bis 2017 elf homosexuelle Lebenspartnerschaften registriert. Davon wurden später fünf in Ehen umgewandelt. 2018 kamen drei neue Ehen hinzu.

Die Anzahl der Übergriffe wegen sexueller Orientierung im Erzgebirge ist unbekannt. Die Chemnitzer Polizeidirektion führt dazu keine Statistik. (pc)

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 6 Bewertungen
6Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 11
    5
    Distelblüte
    31.08.2019

    @Nixnuzz: Wenn ich den Artikel richtig verstanden habe, dann halten es viele Betroffene eben nicht in ihrem Umfeld aus. Wegen dummer Sprüche und Anfeindungen.
    Ehrlich wäre es zum betroffenen Kollegen, Familienangehörigen, Bekannten zu sagen: Ich verstehe das alles nicht, mir ist das fremd. Aber wir bleiben Kollegen, Freunde, Nachbarn.
    Bei Twitter trendet gerade ein sehr schöner Hashtag #FairerUmgangMiteinander. Das wäre auch im echten Leben anzustreben.

  • 11
    5
    Nixnuzz
    31.08.2019

    @Distelblüte: Bei allem Respekt vor Ihrem Engagement: Helfen Sie den Betroffenen in dieser Form wirklich? Und bei der des-/interessierten Bevölkerung? Reaktion wie auf der Autobahn beim Unfall: Anhalten, gucken, Selfies machen, weiterfahren und anschliessend das Maul...den Rest überlasse ich der regen Phantasie. Ich bewundere jedenfalls den Mut der Betroffenen, sich dieser Situation zu stellen und das Umfeld "auszuhalten" mit all seinen Konsquenzen.

  • 17
    11
    Distelblüte
    31.08.2019

    @Nixnuzz: Ich habe aus einem Lied des Liedermachers Gerhard Schöne zitiert, den vollen Textlaut finden Sie hier: http://www.gerhardschoene.de/lieder/wellensit.html
    Es stammt von 1985, und offensichtlich ist es genauso aktuell wie damals. Deshalb: ja, das muss sein.

  • 17
    12
    Distelblüte
    31.08.2019

    @Nixnuzz: Ja.

  • 11
    15
    Nixnuzz
    31.08.2019

    @Distelblüte: Musste das sein??

  • 22
    13
    Distelblüte
    31.08.2019

    "Als mein gelber Wellensittich aus dem Fenster flog,
    hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein.
    Denn er sang wohl etwas anders
    und war nicht so grau wie sie
    und das passt in Spatzenhirne nicht hinein."
    Gerhard Schöne



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...