Familienstreit ums Erbe: Onkel soll mit Hammer ausgerastet sein

Der Thalheimer habe mit einem Fäustel seinen Neffen blutig niedergestreckt - so eine Amtsrichterin. Den Angeklagten sprach sie daher schuldig. Dieser hatte eine andere Tatversion zu bieten. Doch das Opfer hatte vieles der Attacke gefilmt. Wie das?

Thalheim.

Als der Neffe im Zeugenstand plötzlich sagte, er habe die Attacke teilweise auf dem Handy, staunten gestern alle: Richterin, Staatsanwalt, Verteidiger. Nur der Angeklagte blieb ruhig. Er war ja auch an jenem 14. April 2018 dabei. An und in dieser Werkstatt in Thalheim.

Also sahen sich alle Prozessbeteiligten die verwackelte Aufnahme an. Und hörten den Angeklagtenschreien: "Ich hau dir ein paar richtig in die Fresse!" Dann schweres Atmen. Und dann? Der Schlag mit dem Hammer ist nicht auf dem Film zu sehen. Aber er hat stattgefunden, er hat dem Neffen eine Platzwunde am Kopf zugefügt. Davon war Staatsanwalt Benjamin Pröger ebenso überzeugt wie davon, dass die Hand des Onkels die Tatwaffe - ein Fäustel ist ein Hammer ohne Spitze - gegen seinen Neffen schwang. "Er hätte tot sein können", so Pröger.

Richterin Heidemarie Schmidt-Lammert verurteilte den Mann auf der Anklagebank dann zu neun Monaten Freiheitsentzug - für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Zudem muss er hundert Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten.

Damit stand fest: Der Angeklagte konnte mit seiner eigenen Version nicht überzeugen. Ja, er habe zwar einen Hammer in der Hand gehabt, jedoch nicht als Waffe benutzt. Vielmehr wollte er damit ein Schloss in der Werkstatt des Neffen kaputtmachen, um an den Strom-Hauptschalter zu gelangen. Sein Neffe habe ihm von dort die Energie für die Garage abgeklemmt. "Es kam dann zu einem Gerangel. Mein Neffe ist auf den nassen Fliesen ausgerutscht und gegen ein Karosserieteil gefallen. Daher die Verletzungen", so der Angeklagte. Einen Streit bestätigte er - nur mit umgekehrten Rollen. "Mein Neffe hat mir einen Motorradständer an den Kopf geworfen."

Offenkundig hängt in der Familie seit Langem der Haussegen schief. Der Bruder des Angeklagten - und Vater des Neffen - hat letzterem nach seinem Tod Haus und Garage vermacht. Der Neffe wollte die Garage selbst nutzen und hatte dem Onkel ohne Erfolg eine Frist gesetzt, diese zu verlassen. Also drehte der Neffe dem Onkel den Strom ab. "Er hat von mir, obwohl ich es nicht musste, das Motorrad und ein wenig Geld bekommen. Aber ich sehe nicht ein, ihm auch noch den Strom zu bezahlen", so der Neffe. Ob er seinen Onkel wirklich mit einem Motorradständer beworfen habe? "Ja. Ich hatte Angst", so der Neffe.

Er musste sich dann auch noch bohrenden Fragen des Verteidigers stellen. Der wollte wissen, woher er denn seine zweite an jenem 14. April erlittene Nasenverletzung habe, diese sei von den Ärzten eindeutig als Stichverletzung diagnostiziert worden? Von einem Fäustel könne sie schlecht stammen. "Und überhaupt: Sie hatten Angst wegen ihres Onkels und des Hammers, filmen aber alles mit dem Handy. Eine bemerkenswerte Dokumentationseifrigkeit."

Der Neffe sagte: Da es nicht der erste Streit gewesen sei - so sei seine Ehefrau vom Onkel schon mal die Treppe hinabgestoßen worden. Er wollte es filmisch festhalten, wie dieser sich nun an der Werkstatt zu schaffen mache. "Diesmal wollte ich Anzeige erstatten." Das überzeugte den Verteidiger nicht. Er plädierte auf Freispruch, weil letztendlich auch jeder Beweis der Tat fehle - auch auf dem Film sei eine Attacke nicht erkennbar. Er glaube auch den Ausführungen des Neffen nicht.

Die Richterin sah dies anders. Der Neffe habe die Geschichte "konstant und glaubwürdig dargelegt." Dagegen seien die Einlassungen des Angeklagten verworren gewesen. "Und wieso haben Sie von alldem zur polizeilichen Vernehmung am 14. April nichts gesagt? Weil sie sich heute alles zusammengereimt haben." Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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