Flutgestresste beklagen: Wenig Sicherheit - viel Fußball-Luxus

Ein Hochwasserrückhaltebecken an der Würschnitz bei Jahnsdorf wird nicht gebaut. Das hat die Landestalsperrenverwaltung festgelegt. Betroffene wie Familie Neubert verstehen die Welt nicht mehr.

Jahnsdorf.

Das neue Auer Fußballstadion soll 18 Millionen Euro kosten. Das Chemnitzer Stadion soll 27 Millionen Euro gekostet haben. Zwischen beiden Städten liegen keine 40 Kilometer. Und etwa in der Mitte Jahnsdorf - dort, wo die Landestalsperrenverwaltung (LTV) nun kein Hochwasserrückhaltebecken mehr bauen will. Trotz dreier Katastrophen-Fluten in den vergangenen 15 Jahren. "Für den Fußball in der Region - pure Unterhaltung als Profigeschäft - ist von der öffentlichen Hand oft viel Geld da. Für die Sicherheit der Bürger oft nicht", so Hans-Jörg Neubert aus Jahnsdorf. Natürlich will er nicht platt argumentieren, Äpfel mit Birnen vergleichen. "Ich möchte aber einfach die Relationen deutlich zeigen. Und da spreche ich für viele Leute."

Neubert wohnt mit seiner Frau Martina seit 1980 in Jahnsdorf, nahe der Würschnitz. Sie verstehen die Entscheidung der LTV nicht. Die Behörde hatte Vorplanungen für das Becken - neben dem gerade fertiggestellten bei Niederwürschnitz - nach der Flut von 2010 in Auftrag gegeben, um Teile Jahnsdorfs, vor allem aber Klaffenbach und Harthau vor einem sogenannten Jahrhundertwasser zu schützen - Experten sprechen vom Schutzgrad HQ 100. Doch vor einem Jahr überraschte die LTV die Bürger, diese große Beckenvariante sowie das gesamte Projekt zu stoppen. Grund: Zu viel Geld für zu wenig Nutzen. Familie Neubert hält das für falsch. "Es geht nicht darum, für immer trockene Füße zu bekommen. Sondern ein Becken gibt Flutopfern genug Zeit, sich selbst und ihre Sachen zu retten."


"Die Auen zwischen Jahnsdorf und Pfaffenhain sind ideal zum Rückstau. Es muss was getan werden. Wir haben ja auch was getan", so Neubert. Zwischen seinem Haus an der Neukirchner Straße und dem geplanten Areal des Beckens liegen nur ein, zwei Kilometer. Dann zeigt er auf den Kellerboden seines Hauses. "Meine Füße befinden sich jetzt 30 Zentimeter höher als die Uferkrone der Würschnitz. Wir haben extra hoch gebaut", sagt der Mann. Kleinere Überschwemmungen? Kein Problem. "Aber eben nicht bei Fluten wie 2002, 2010 oder 2013."

Erst hätte seine Versicherung gut und anstandslos gezahlt. Doch mittlerweile muss er im Schaden 1500 Euro Selbstbeteiligung einplanen. Eine hohe Summe, die noch viel höher wäre, wenn die Neuberts nicht viele Schäden in Eigenleistung repariert hätten. "Das ist wie bei der Autoversicherung: Wenn ich einen Unfall baue, werde ich auch höher gestuft. Nur: Bin ich Schuld, dass die Flut kommt?" Die Würschnitz hat seit den drei Katastrophen einen anderen Klang für Martina Neubert. "Mir macht sie oft Angst." Und die nächste Flut kommt bestimmt. Die Familie hat in Pumpen, Sandsäcke investiert. Und Plastikkisten. Denn Wegziehen geht nicht. "Ich kenne hier jeden Stein in den Wänden. Das ist unser Zuhause", so die Neuberts.

Ein Zuhause, welches sie selbst gebaut und bezahlt haben - im Gegensatz zu den Stadien in Aue und Chemnitz.

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