Fortschritt birgt neue Herausforderung

Digitalisierung Computergestützte Diagnostik und modernste Therapien - am Kreiskrankenhaus hat das alles längst Einzug gehalten. Chefarzt Gregor Hilger, dessen Laufbahn ohne Computertechnik begann, möchte sie nicht missen. Er sagt aber auch: Man hat sich von ihr abhängig gemacht.

Stollberg.

Als Dr. Gregor Hilger in den 1980er-Jahren für seine Diplomarbeit Statistiken auswerten musste, nutzte er den privaten Computer eines Physikers. Und als er 1989 als Pflichtassistent und später als Assistenzarzt an der Uniklinik in Dresden seine medizinische Laufbahn begann, gab es Computer dort nur vereinzelt und eigentlich nur in der Forschungsabteilung. Digitalisierung und Computertechnik bei der Diagnose? Fehlanzeige. "Es gab nur Messgeräte, keine computergestützte Diagnostik", sagt der 54-Jährige, heute Leitender Chefarzt des Kreiskrankenhauses Stollberg. Das Elektrokardiogramm (EKG) lieferte eine Kurve, mehr nicht. Die Auswertung übernahm der Arzt. "Er war der Computer."

Und heute? Die Digitalisierung hat längst Einzug gehalten - in so gut wie alle Bereiche des Krankenhauses. Sie erleichtert das Einholen medizinischer Informationen und den schnellen Zugriff auf aktuelle Erkenntnisse, vereinfacht die Kommunikation innerhalb der Klinik und zwischen Krankenhäusern, hat neue Diagnose- und Operationsverfahren überhaupt erst möglich gemacht und erlaubt einen Datenaustausch über Patienten. Aber: Sie stellt Mediziner und Krankenhaus auch vor neue Herausforderungen. Und, sagt der Chefarzt: "Man hat sich in hohem Maße vom Computer abhängig gemacht." Wenn beispielsweise einmal der Strom ausfalle, sei zwar eine Notfallversorgung möglich, aber die Arbeit werde erheblich erschwert (siehe Kasten).


Missen möchte der Mediziner den "Kollegen Computer" aber nicht. Wollte er sich in den Anfängen seiner Berufstätigkeit fachlich informieren, ging das nur über Bücher und Zeitschriften - die er sich per Post zusenden lassen musste. Heute schaut er durchaus immer noch in Fachzeitschriften - aber nach denen recherchiert er online, ganz gezielt nach bestimmten Sachverhalten und weltweit. Ganz klar dabei: Er muss auf wissenschaftliche Literatur zugreifen, wissenschaftlich fundierte Datenbanken oder spezielle Websites. Irgendwelche Artikel oder Foren sind für seine Zwecke tabu. Digitalisierung bedeute für ihn eine "extreme Verkürzung des Zugriffs auf modernste Daten und aktuelle Erkenntnisse".

Und auch innerhalb des Kreiskrankenhauses gibt es seit 2015 eine digitale Bibliothek, in der die Mitarbeiter auf Zeitschriften zugreifen können. Und wenn ein Mediziner neue Erkenntnisse gewonnen hat, kann er diese übers hauseigene Intranet den Kollegen ebenfalls sehr schnell zur Verfügung stellen.

Völlig verändert hat die Computertechnik auch das Spektrum und die Möglichkeiten in der Diagnostik und der Therapie. Standen in seinen ersten Berufsjahren vor allem Röntgenaufnahmen zur Diagnose bestimmter Krankheiten zur Verfügung, so kam in den 1990er-Jahren die Computertomografie (CT), später die Magnetresonanztomografie (MRT) in der Routineuntersuchung auf. "Bilderfassung und -bearbeitung erfolgen rein digital", sagt Hilger. Heute ist es Normalität, die entstandenen Bilddaten in hoher Qualität über gesicherte Leitungen auf ganz kurzem Weg in andere Krankenhäuser zu übertragen, wo Patienten weiterbehandelt werden. Oft nutze man diese Möglichkeit beispielsweise mit dem Klinikum Chemnitz bei Tumorpatienten.

Viele OP-Verfahren, angefangen bei minimalinvasiven Eingriffen, bei der digitale Kameratechnik zum Einsatz kommt, bis hin zur Arbeit mit Robotern, seien durch die Digitalisierung überhaupt erst möglich geworden, sagt Hilger. Das betreffe auch die gesamte Endoskopie, also die Spiegelung beispielsweise von Lunge, Magen oder Darm, oder in der Neurochirurgie und Urologie eingesetzte OP-Technik. Speziell in seinem Fachgebiet, der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, nennt der Chefarzt digitale beziehungsweise implantierbare Hörgeräte. "Wer früher taub war, blieb taub", sagte er. Heute könne man Taube unter bestimmten Voraussetzungen mithilfe eines Cochlea-Implantats - eine Art Hörprothese mit digitalem Sprachprozessor - hörend machen.

Weitere wichtige Aspekte für den Chefarzt sind Kommunikation und Datenaustausch. Aber gerade hier entstanden auch neue Herausforderungen, nämlich die Sicherheit der Daten zu wahren. Die ärztliche Schweigepflicht habe es schon immer gegeben, aber "die gesamte Datenschutzproblematik ist überhaupt erst mit der Digitalisierung aufgekommen und hat sich in den letzten Jahren extrem verschärft". Darum bedeute beispielsweise auch das daten- und rechtssichere Anlegen digitaler Patientenakten einen großen Aufwand. Und so lange sie nicht 100-prozentig gewährleistet werden kann, werde es immer auch noch parallel eine Papierakte geben, erklärt er. Die wiederum wird immer dicker. Der Grund: Dokumentationsaufgaben und administrativer Aufwand haben für Ärzte und Pfleger extrem zugenommen.

Zur Serie Digitalisierung sind seit dem Auftakt am 31. März weitere Teile erschienen - zuletzt zum Thema Landwirtschaft - weitere folgen. Alle Texte finden Sie auch im Internet. www.freiepresse.de/digitalisierung


Risikomanager: Bei medizinischen Geräten ist ein Stromausfall dank Strompuffer nicht zu spüren

Mit der Digitalisierung haben sich nicht nur viele neue Möglichkeiten für Diagnose und Therapie eröffnet, zugleich birgt ihre Nutzung auch Risiken. Diese festzustellen, zu analysieren und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten, gehört zu den Aufgaben von Christian Grimm (Foto), im Kreiskrankenhaus Stollberg für die Öffentlichkeitsarbeit und das Qualitätsmanagement - zu dem das Risikomanagement gehört - zuständig.

Das größte Risiko geht mit einem Stromausfall einher, sagt Grimm. Darum habe man ein ausgefeiltes Stromausfallkonzept, dessen Herzstück ein dieselbetriebenes Notstromaggregat ist. Während die Computer in der Verwaltung auch mal kurzzeitig betroffen sein können, sorgen Strompuffer für eine unterbrechungsfreie Spannungsversorgung, sodass bei medizinischen Geräten ein Stromausfall gar nicht spürbar ist. Laufende Operationen können sicher beendet werden, geplante werden dann aber nicht mehr durchgeführt. Das System werde mehrmals jährlich getestet. Es sei zudem vertraglich geregelt, dass der Netzbetreiber bei absehbaren größeren Ausfällen des Stroms ein zweites Notstromaggregat zur Verfügung stellt, im Ernstfall kann es mehrtägig laufen, sodass ein normaler Krankenhausbetrieb weiter möglich ist.

Problem Nummer 2: die Datensicherheit. Leistungen und Untersuchungen werden elektronisch angefordert und Patientendaten erfasst - alles hochbrisante Dinge, die dem Datenschutz unterliegen. Um das Risiko eines Missbrauchs zu verhindern, gibt es mehrere Maßnahmen. So sind das Internet und firmeneigene Systeme streng getrennt. Logisch, dass Firewalls und Virenscanner eingesetzt werden, zudem ist auf den Stationen und in allen sensiblen Bereichen die Nutzung von USB-Sticks technisch gesperrt und somit nicht möglich. Zwei unabhängige Datenleitungen sowie getrennte Serverräume reduzieren das Risiko für Störungen bzw. Datenverluste. Diese Räume sind nicht beschriftet, um Zugriffe oder Sabotage zu erschweren. Und nicht zuletzt gibt es sehr strenge Zugriffsberechtigungen, sowohl für alle technischen Anlagen als auch für die eingesetzte Software. "Ich habe zum Beispiel keine Chance, auf Patientendaten zuzugreifen", erklärt der Risikomanager. (vh)

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