Fotograf nutzt Glasplatte als Speicherkarte

Thomas Kretschel aus Hohenstein-Ernstthal hat einen kleinen Spleen. Mit riesigem Aufwand fotografiert er wie vor 150 Jahren - und hat für eine Spendenaktion eine besondere Landschaftsaufnahme auf Glas geschossen. Eine kleine Sensation.

Hohenstein-Ernstthal.

Die Belichtungszeit beträgt zwei Sekunden, stellen Sie sich das mal vor, heute ist das eine halbe Ewigkeit. Da dürfen die Menschen, die mit aufs Bild sollen, keine Bewegung machen. Wenn doch, ist die Aufnahme vermutlich für die Katz. Und dazu ist nach diesem einem verpatzten Bild noch die Speicherkarte voll.

Ehrlicherweise muss man jetzt dazu sagen, dass wir hier nicht von der modernen Fotografie reden. Sondern vielmehr von den Anfängen, als es noch gar keine Filme oder Speicherkarten gab, die Bilder stattdessen auf Metall- oder Glasplatten festgehalten wurden. Und auf die passte für gewöhnlich eben nur eine einzige Aufnahme.

Thomas Kretschel aus Hohenstein-Ernstthal, wie sein Bruder Andreas Fotograf, arbeitet unter anderem für die "Sächsische Zeitung" in Dresden. Bei den Profis geht es hochmodern zu, die Belichtungszeit beträgt im Regelfall ein paar Hundertstel Sekunden und auf einer Speicherkarte ist inzwischen Platz für viele Hundert Bilder. Aber Thomas Kretschel hat einen kleinen Spleen oder eine große Leidenschaft, wie man das auch immer nennen mag. Er fotografiert nicht nur mit aktueller Digitaltechnik, sondern auch so, wie das seine Kollegen vor über 150 Jahren getan haben. Porträts oder Stillleben hat Kretschel mit den historischen Methoden von damals schon einige angefertigt. Aber vor Kurzem hat er eine besondere Landschaftsaufnahme auf eine Glasplatte gebannt: zwei Bergsteiger in der Sächsischen Schweiz in einer Entfernung von rund 70 Metern. Aus heutiger Sicht eine kleine Sensation.

"Ich hatte meine Kamera in der Nähe der Basteibrücke aufgestellt", berichtet Thomas Kretschel. Kamera klingt gut, mit dem über 100 Jahre alten Teil kann man Krafttraining machen, wenn man will, sie wiegt stolze 23 Kilogramm. Kretschel legt jetzt keinen Film in das Gerät ein und auch keine Speicherkarte, denn beides gab es Mitte des 19. Jahrhunderts ja noch nicht. Dafür schiebt der Fotograf eine 18 mal 24 Zentimeter große Glasplatte ein, auf die er kurz vorher eine lichtempfindliche Emulsion unter anderem aus Kollodium, Ether, Silber und Alkohol aufgetragen hat. In der Ferne hat Kretschel die beiden Bergsteiger postiert, die er übers Handy dirigiert. Der Fotograf ruft ins Telefon: "Jetzt bitte nicht bewegen!" Dann nimmt er den Objektivdeckel ab. Nach reichlich zwei Sekunden kommt er wieder drauf. Mit der nun belichteten Glasplatte läuft Kretschel eilig in die Dunkelkammer.

Die ist der Clou: Kretschel hat sie sich in einen alten DDR-Wohnwagen eingebaut, den er zu solchen Aktionen wie jetzt immer mitnimmt. Hier kommt ein Entwickler auf die Glasplatte; das nun zum Vorschein kommende Bild von den beiden Bergsteigern wird fixiert und gewässert. Kretschel gibt zu: "Nicht immer gelingt ein Bild beim ersten Mal. Denn zum Beispiel Temperatur, Luftfeuchtigkeit und UV-Strahlung beeinflussen die nach Gefühl ermittelte Belichtungszeit."

Kretschel hat sein Bild im Kasten. Ihn begeistert die alte Technologie, die außergewöhnliche Bilder liefert. Aber noch ist die Fotografie auf der Glasplatte. Mit der geht es in eine der weltweit letzten Lichtdruckereien nach Leipzig - dort entsteht aus dem gläsernen Foto mit ganz speziellen Techniken ein Kunstwerk auf Papier. Nur 65 Bögen (39,5 mal 28,5 Zentimeter) von dem Motiv wurden hergestellt: Mindesthaltbarkeitsdauer: 100 Jahre, dazu ein imposanter Detailreichtum. Kretschel: "Da kommt kein normales Foto ran." Die Bilder (eins kostet 265 Euro) werden für einen guten Zweck verkauft.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...