Gelenau fragt: Kann man Nazis integrieren?

Über den Umgang mit einer zur Gemeinderatswahl antretenden Liste ist eine kontroverse Diskussion entbrannt. Dieser Liste gehören auch zwei Vertreter der NPD an.

Gelenau.

David Schröer strebt bei den Wahlen am Sonntag nicht nur seinen erneuten Einzug in den Kreistag des Erzgebirgskreises an, dem er seit 2014 angehört. Der Ausbilder für Industriegerüstbau möchte auch im Gelenauer Gemeinderat mitbestimmen. Doch während er für die Volksvertretung des Landkreises im Wahlkreis 3 auf Plakaten mit den Sätzen "Du wählst natürlich Deutsch" und "Widerstand jetzt" für die NPD kandidiert, ist Schröer für den Gemeinderat auf der Liste Gelenau zu finden. 2014 hatte sich das Vorstandsmitglied der erzgebirgischen NPD noch auf Platz 1 der Rechtsextremisten um einen Sitz im Rat beworben.

Alexander Böhm, Spitzenkandidat der 24 Bewerber starken Liste Gelenau, hält sich zur Kandidatur Schröers auf Platz 2 und des an sechster Stelle gelisteten Arnold Friedemanns, der die NPD bereits im Gemeinderat vertritt, bedeckt. Fragen von "Freie Presse" etwa danach, inwieweit sich die Liste Gelenau mit dem von der NPD propagierten Gedankengut identifiziert, ließ er unbeantwortet. "Wir hätten auch Mitglieder anderer Parteien mit einbezogen, hätten diese ein Interesse daran gehabt, Gelenau weiterhin nach vorn zu bringen", teilt Alexander Böhm mit. Für Martin Döring, Sprecher des sächsischen Verfassungsschutzes, ist die Kandidatur von NPD-Mitgliedern auf unabhängigen Wahllisten hingegen eindeutig zu bewerten: "NPD-Mitglieder gehören rechtsextremen Strukturen an. Die Mitgliedschaft in dieser Partei ist ein klares Bekenntnis. Dessen sollte sich jeder bewusst sein."


Der Umgang mit den Kandidaten der Liste Gelenau hat über den Ort hinaus Diskussionen ausgelöst. Bürgermeister Knut Schreiter hatte die große Anzahl von 48 Bewerbern für CDU, Gewerbetreibende für Gelenau, Linke, Liste Gelenau und Wählervereinigung Gelenau als insgesamt positiv gewertet. "Für diese Bereitschaft bin ich dankbar. Wir werden uns bemühen, auch für die nicht gewählten Kandidaten eine gesellschaftliche Aufgabe zu finden. Und ich versichere: Wir brauchen jeden der 48 Bewerber", sagte er.

Diese Äußerung, die auch die beiden NPD-Vertreter einschloss, stieß unter anderem beim Gelenauer Thomas Steinert auf Widerspruch. "Wir können es uns nicht bequem machen, dass wir jeden ohne Widerspruch einladen, um die Gemeindepolitik zu gestalten." Der Grüne Landtagsabgeordnete Volkmar Zschocke äußerte sich im sozialen Netzwerk Facebook: "Wer diese Liste wählt, wählt Nationalisten." In einem Brief an die Bürgermeister schreibt Zschocke: "Knut Schreiter scheint zu ignorieren, dass die Liste Gelenau offensichtlich von der NPD initiiert wurde, weil die so einfacher Kandidatinnen und Kandidaten findet als mit einer NPD-Liste. Das gibt die NPD ja sogar offen zu. Und Herr Schreiter reicht denen (unabsichtlich?) die Hand." Schreiter wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Als Bürgermeister kann ich mir die Kandidaten nicht aussuchen. Jeder Wahlberechtigte sollte sich vor der Stimmabgabe informieren, welcher Bewerber für welche Werte einsteht. Wenn genug Anständige aufstehen, ist kein Platz für Radikale." Sowohl als Privatperson als auch als Bürgermeister habe er gegen rechte Ideen stets eine klare Haltung bezogen. Als Amtsperson sei er dem Konsens in der Gemeinde verpflichtet. "Ich verurteile rechtes Gedankengut generell." Knut Schreiter bekräftigt sein Vorhaben, engagierte Bewerber in das gesellschaftliche Leben der Gemeinde einzubeziehen: "Menschen mit rechtsextremem Gedankengut sind nun mal schon Teil des Vereinslebens der Gemeinde und können nicht einfach ignoriert werden."

Redaktioneller Hinweis: In einer früheren Variante des Beitrages hatten wir David Schröer fälschlicherweise als Vorstandsmitglied der erzgebirgischen Nationalsozialisten bezeichnet. In der vorliegenden Variante haben wir diese Aussage korrigiert. David Schröer ist Vorstandsmitglied der erzgebirgischen NPD.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
20Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    4
    Malleo
    22.05.2019

    black.. und distel
    Ohne persönliche Diffamierung geht es nicht.
    Müssen Sie auch nicht ändern, Hauptsache Sie fühlen sich gut dabei.
    Aber, was kümmert es den Mond, wenn ihn Hunde anbellen?

  • 2
    2
    Einspruch
    22.05.2019

    Ich finde die Fragestellung überflüssig, aus folgendem Grund. Man fragt doch auch nicht: Kann man Islamisten integrieren oder zurückgekehrte IS Mitglieder?
    Also in allen drei Fällen, Nazis, Islamisten oder Rückkehrer kann die Antwort doch nur heißen: Nein.
    Weiterhin könnte man noch fragen, kann man Antifa Mitglieder integrieren? Da würde ich auch nein sagen.

  • 1
    2
    Nixnuzz
    22.05.2019

    @Hinterfragt: "Offene Frage an Sie: Warum waren diese Leute noch u.a. z.B. noch bis 1990 im Bundestag?" Offene Antwort: Keine Ahnung! Um dort zusein braucht es Wähler und eine Aufgabe. Ob die Wähler in der Mehrheit wussten, was früher war? Schätze das wir heute wohl andere Probleme als diese "Altertums-Forschung"...haben.

  • 2
    2
    Hinterfragt
    22.05.2019

    @Nixnuzz; ich will nichts beim Leser erreichen, es war meine Meinung, dass man diese Leute integrieren KANN nicht MUSS und schon HAT!

    Die Überschrift hier lautet:
    "Gelenau fragt: Kann man Nazis integrieren? "
    Und dazu habe ich meine Meinung aufgeschrieben. Punkt

    Offene Frage an Sie: Warum waren diese Leute noch u.a. z.B. noch bis 1990 im Bundestag?

  • 1
    2
    Nixnuzz
    22.05.2019

    @Hinterfragt: Dann die offene Frage: Was wollen sie beim Leser erreichen? Welche Richtung wollen sie da auslösen? Sie stellen diese Informationen doch nicht nur des Datums wegen zur disposition?

  • 1
    2
    Hinterfragt
    22.05.2019

    @Nixnuzz; Ich will hier gar nichts glorifizieren!

    Diese Leute wurden integriert und das wie unten aufgezeigt, z.B. bis 1990 als Mitglied des Deutschen Bundestages.

  • 1
    2
    Nixnuzz
    22.05.2019

    @Hinterfragt: Müssen wir hier u.a. die Rahmenbedingungen und Verunglimpfungen des Ausschwitz-Prozess erneut durchkauen? Weil ein einzelner Staatsanwalt sich gegen die damals braune Mafia in Staat und Verwaltung mit einigen Getreuen gestellt hat, wurde vieles zu manchen Personen unliebsam bekannt. Der letzte wohl demokratische Aufstand im Westen der BRD waren wohl der in den 68er Jahren, die die letzten braunen Strukturen altersbedingt aus der Öffentlichkeit entsorgt haben. Manche mögen dies heute aber immer noch als anstrebenswert und glorifizierenswert halten .....

  • 0
    3
    Hinterfragt
    22.05.2019

    "...Es fehlte am Ende des Krieges..."
    @Distelblüte; Verdrängung von Fakten bringt nichts. schauen Sie bei den folgenden 2 Beispielen einfach mal auf die entsprechenden Jahreszahlen!

    1.
    Achenbach, Ernst
    (1909–1991)
    NSDAP 1937–1945
    FDP ab 1950 Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen
    1957–1976 Mitglied des Deutschen Bundestages
    1964–1977 Mitglied des Europaparlaments

    2.
    Ahrens, Karl
    (1924–2015)
    NSDAP ab 1942
    SPD 1969–1990 Mitglied des Deutschen Bundestages,
    1983–1986 Präsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates

  • 2
    1
    Nixnuzz
    22.05.2019

    @Hinterfragt: Das war eine der bittersten Erkenntnisse von K.Adenauer, als er nach Kriegsende das Land zum Funktionieren bringen musste - auf Anordnung der Westalliierten.

  • 3
    1
    Freigeist14
    22.05.2019

    Distelblüte@ Na , zu viel "Guido Knopp" geschaut ? Der Adenauer- Staat hat bevorzugt "alte Kameraden " oder im Ausland gesuchte Täter eingestellt und begegnete jüdischen Heimkehrern oder Nazi-Gegnern mit Mißtrauen.. In den 50iger Jahren durften sich Kommunisten ,die mit Berufsverbot belegt wurden ,die Urteilsbegründungen von den selben Richter wie vor Mai 1945 anhören .

  • 2
    3
    Distelblüte
    22.05.2019

    @Hinterfragt: Nein. Dabei bleibt es.
    Adenauer hat schlicht die Leute genommen, die noch da waren, ungeachtet ihrer braunen Vergangenheit.
    Denn in den dreißiger Jahren hatten die Nazis Ärzten, Juristen, Lehrern, Politikern Berufsverbot erteilt, sie aus der Gesellschaft gedrängt, enteignet, rechtlos gemacht, in den Selbstmord getrieben, am Ende deportiert, nur weil sie Juden waren.
    Es fehlte am Ende des Krieges schlicht an unbelasteten Intellektuellen.
    Und ja, die Nazis gerierten sich als die Partei des kleinen Mannes und schürten bewusste Ressentiments gegen jüdische Mitbürger, denn in diesen Familien wurde einer guten/höheren Bildung viel mehr Wert beigemessen als in deutschen Arbeiterfamilien.

  • 2
    2
    Hinterfragt
    22.05.2019

    @Distelblüte; Sie lenken vom Thema ab.
    Die Frage war Kann man Nazis integrieren?
    Und die Antwort lautet Ja, was die Beispiele beweisen.

    Und gerade, weil es diese Leute waren, die die Braune Zeit Mitgestaltet haben und auch eine entsprechende Schuld daran haben.

  • 1
    2
    Distelblüte
    22.05.2019

    @Hinterfragt. Ich weiß das alles. Auch Adenauers Spruch vom dreckigen Wasser.
    Die Bundesrepublik verdankt der 68er Bewegung, dass die Altlasten von Ärzten, Richtern, Dozenten usw. ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurden. Viele Altnazis konnten sich viel zu lange ein sehr komfortables, ungestörtes Leben machen.

    Finden Sie es angesichts dieser historischen Tatsache (die übrigens 50 Jahre und länger her ist) nicht absolut wichtig, dass keine neuen Nazis in die Parlamente einziehen? Deren Gedankengut ist ja nicht neu, die Glatzen und das Proletenoutfit sind auch nicht mehr angesagt, stattdessen funktioniert eine bürgliche, gern auch überintellektuelle Fassade recht gut.
    Ich wundere mich ja immer wieder, dass ältere Menschen, deren Eltern alles noch live miterlebt haben, sich hartnäckig weigern zu erkennen, dass der alte Geist längst nicht tot ist, sondern wieder nach Macht strebt.

  • 2
    2
    Hinterfragt
    22.05.2019

    @Distelblüte; Sie schreiben ganz unten Nein?!?

    "...Leider verfüge ich nicht über eine Halbbildung...."

    Dann gebe ich Ihnen gerne Nachhilfe:

    "...Die alten Nazis waren in der jungen Bundesrepublik überall: Sie waren in der Justiz, in der Verwaltung, in den Ministerien, an den Universitäten; der Verfassungsschutz war so braun, dass es einen noch heute schüttelt. Kanzler Adenauer erklärte das so: Es handle sich um Leute, "die von früher was verstehen"...."
    Quelle https://www.sueddeutsche.de/politik/altnazis-im-bund-der-vertriebenen-leute-die-von-frueher-was-verstehen-1.1529956

    Oder auch hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren

  • 3
    2
    Distelblüte
    22.05.2019

    @Blackadder: Es ist eher der Nazi-Hammer, wenn es von Malleo kommt.
    @Malleo: Ich bin es leid, Ihnen und anderen immer wieder die inhaltlichen Gemeinsamkeiten alter und neuer Rechter aufzuzeigen. Belassen wir es heute dabei, dass es diese Gemeinsamkeiten gibt. Ich bin schließlich nicht die einzige, die darauf hinweist, und das nicht ohne Grund.

  • 2
    3
    Lesemuffel
    22.05.2019

    Soweit mir geläufig war, sind die Mitglieder der NPD Nationaldemokraten. Nationalsozialisten sind seit 1945 verboten. Auch sich so verfassungswidrig zu bezeichnen ist nicht erlaubt. Das gilt, wer sich selbst so nennt, aber auch wer diesen Begriff diffamieren für andere anwendet. Auch der Sprachgebrauch sollte nicht so liederlich erfolgen bzw. erlaubt werden.

  • 3
    3
    Distelblüte
    22.05.2019

    @Malleo: Leider verfüge ich nicht über eine Halbbildung.

  • 4
    3
    Blackadder
    22.05.2019

    Oh Malleo, die Nazikeule-Keule!
    Leider sind die Parallelen zwischen den alten und neuen Nazis zu offensichtlich, als dass man sie einfach so wegwischen könnte. Hier fühlt sich wohl jemand ertappt? Wenn das alte Gedankengut von 1933-1945 so langsam wieder an die Oberfläche kommt, ist es die Pflicht eines jeden Demokraten, das anzuprangern und auch mit den Worten zu benennen, die nötig sind. Dass so etwas hier in Sachsen nicht selbstverständlich ist, ist schlimm genug.

  • 3
    5
    Malleo
    22.05.2019

    distel…
    Ihnen ist schon bewusst, was hinter den historischen Nationalsozialisten steht?
    Diktatur, Enteignung, Angriffskrieg, Juden-und Völkermord, homogene, "blutmässig" definierte "Volksgemeinschaft"
    Insofern gibt es unter halbwegs Gebildeten einen Konsens, dass sich Vergleiche mit jenen Nationalsozialisten schlicht verbieten.
    Gehören Sie auch dazu?
    Offensichtlich nicht!

  • 4
    3
    Distelblüte
    22.05.2019

    Nein.
    Bürgermeister Schreiter mag recht damit haben, dass er sich die Kandidaten nciht aussuchen kann. Mit dem Wissen aber, dass zumindest zwei davon ganz offen rechtsradikales Gedankengut vertreten, sollte er sich klarer positionieren.
    Der Rest liegt jetzt bei den Wählern.
    Ich persönlich möchte niemanden im Gemeinderat sitzen sehen, der sich im Schafspelz einer allgemeinen Liste tarnt und später als Wolf entpuppt.



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