Großprojekt Bergbaumuseum: Wie der Erzgebirgskreis in Oelsnitz investiert

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23 Millionen Euro sollen verbaut werden. Für den Auftraggeber, den Erzgebirgskreis, ist es nach dem Umbau des Erzgebirgsstadions Aue das zweite Großprojekt. Eins mit täglich neuen Herausforderungen und vielen Unbekannten.

Oelsnitz.

Demontagen, Abriss und eine Baugrube, die wie ein Schwarzes Loch Zeit und Geld verschlang. So lässt sich der bisherige Bauablauf im Bergbaumuseum Oelsnitz treffend beschreiben. Vor einem Jahr ist mit den umfangreichen Sanierungs- und Umbauarbeiten in den denkmalgeschützten Industriegebäuden des früheren Steinkohlebergwerks begonnen worden. Dort, wo seit 1874 Sachsens schwarze Diamanten von den Kumpel des Oelsnitzer Reviers ans Licht geholt wurden. Dort, wo nach Schachtschließung 1971, anschließender Verwahrung und Museumserrichtung seit 1986 ein Teil der übertägigen Gebäude 33 Jahre im Museumsdauerbetrieb lief.

Zeit also für eine Rundumerneuerung. So kommentiert Jan Färber das neue Kapitel, das nun aufgeschlagen wurde. Der studierte Museologe leitet seit 2008 die Einrichtung mit dem markanten Förderturm. Mit dem millionenschweren Projekt kann der 42-Jährige übrigens auch eigene Familiengeschichte fortschreiben: Jan Färbers Großvater Max war selbst Jahrzehnte in den Kaiserin-Augusta-Schacht eingefahren. Gern erzählt der gebürtige Chemnitzer, dass er schon als Kind, gemeinsam mit ihm dem Oelsnitzer Museum einen Besuch abstattete - in steter Regelmäßigkeit. Dass er 30 Jahre später die einmalige Chance erhalten würde, sich bei der Ausgestaltung dieses Museums derart intensiv einbringen zu können, wertet er für sich selbst als große Chance: "Als Chance für mich, etwas für die Region zu tun. Und ich bin mir natürlich bewusst, dass nur wenige Museumsleiter in ihrer beruflichen Laufbahn eine Umgestaltung in dieser Größenordnung begleiten können."

Der finanzielle Aufwand ist erheblich. Der Erzgebirgskreis, Eigentümer der Immobilie Bergbaumuseum, nennt ein Auftragsvolumen von insgesamt 23 Millionen Euro. Der vom Kreistag beschlossene Eigenanteil der Erzgebirger beträgt rund 5,9 Millionen Euro. Damit ist das Projekt nach dem Umbau des Erzgebirgsstadions Aue 2018 das zweite Großprojekt im Landkreis. Die Finanzierung der Maßnahme ist komplex: Fördermittel des Bundes und des Landes fließen aus dem Städtebauprogramm. Zu 100 Prozent gefördert werden die Baukosten - also der Rohbau, die Sanierung sowie die Heizung, Lüftungsanlagen und die Erneuerung der Stromversorgung. Bauherr ist der Erzgebirgskreis. So übernimmt dieser beispielsweise die kompletten Kosten für die Museumsplanung und auch den Innenausbau.

"Die Modernisierung der denkmalgeschützten Industriegebäude samt der Ausstellungen ist dringend erforderlich. Nur so können wir diese langfristig erhalten und zukunftsgerichtet arbeiten - und sie auch weiterentwickeln", sagt Museumsleiter Jan Färber. In verschiedenen Teams werde deshalb an unterschiedlichen Konzepten wie beispielsweise auch einem Inklusionskonzept gearbeitet. Das Bergbaumuseum wird in vielen Bereichen barrierefrei. Für den Eingangsbereich mit Kassen und Shop entsteht ein Zwischenbau. Das heißt auch, dass der Rundgang durch das Museum später einmal komplett überdacht ist. Dazu kommen ein neues Treppenhaus, ein Tastmodell, das die frühere Schachtanlage darstellt, Hörtexte sowie Beschreibungen in einfacher Sprache. Wenn sich 2023 die Tür zur Multimediapräsentation öffnet, können die Besucher in die Zeit eintauchen, in der die Steinkohle entstand. Sie sollen aus Audio- und Filmdateien auswählen können, was sie interessiert. Die Dauerausstellung wird später eine Fläche von 2000 Quadratmeter umfassen, auf 450 ist Platz für Wechselausstellungen. Für das neue Museumsdepot werden 600 Quadratmeter beansprucht. Jan Färbers Ziel ist es unter anderem, dass die Sammlung des Museums mit mehr als 50.000 Exponaten digitalisiert ist: "Nur so ist der Bestand weltweit recherchierbar."

Doch was ist nun mit dem imaginären Schwarzen Loch, das sich gleich zu Beginn der Bauarbeiten auf dem Museumsgelände auftat? Bei den Gründungsarbeiten kam alles zum Vorschein, worüber Jahrzehnte Gras gewachsen war: alte Kanäle, Leitungen und Schächte bis hin zu Betonquadern von fast zwei Meter Länge. Wegen des inhomogenen Baugrundes hatte man sich bei der Planung für die Neubauten vorsorglich gegen eine Flachgründung und für eine Gründung mit Bohrpfählen entschieden. Im Rotliegenden - einer Gesteinseinheit geprägt von Ton und Lehm - war vor Beginn der Bohrungen ein Testpfahl gesetzt und geprüft worden. "Der saß fest. Die danach gebohrten Pfähle für die tatsächliche Gründung aber erreichten nur in Einzelfällen die nötige Tragkraft. Es musste aufwändig nachgearbeitet werden", erklärt Matthias Meyer. Er ist der vom Erzgebirgskreis eingesetzte Projektleiter. "Wir spielen das nicht herunter: höhere Kosten und ein Zeitverzug, der sich auf knapp fünf Monate summiert, waren die Folge." Gesetzt worden seien mehr als 140 Pfähle.

Ursprünglich sei angedacht gewesen, das Aushubmaterial für die Neuprofilierung einer Schachthalde in der Nähe einzusetzen. Doch dann die Enttäuschung. Das Oberbergamt Freiberg als Projektträger erteilte dem Vorhaben eine Absage: Die Maßnahme war mangels finanzieller Mittel auf unbestimmte Zeit zurückgestellt worden.

Abgerissen ist inzwischen der sogenannte Lokschuppen, der Ausstellungsbereich für schwere Bergbautechnik, und dessen Überbauung. Ständig abgestimmt werden die Arbeiten im Inneren der Gebäude sowie die Abdichtung beispielsweise der Keller des sogenannten Umformers. Durchgänge werden verschlossen, neue Türöffnungen gebaut. Im Oktober dann konnte mit dem Rohbau für das neue Treppenhaus begonnen werden. Einen Monat später stand das Gerüst an der Lohnschalterhalle, der Lampenstube und der Umformerhalle. Matthias Meyer: "Ein Großteil der Fassade befindet sich in einem relativ guten Zustand. So muss nur lokal ausgebessert werden. Als wir aber an der Lohnschalterhalle die Ursache eines Risses erforschten, stießen wir auf eine Stahlstütze - komplett zersetzt. Diese muss entfernt werden." Premiere dann Anfang Dezember 2020: Für den Verbindungsbau wurde der Grundstein gelegt. Anders als sonst auf dem Bau üblich, wurde die Bodenhülse coronabedingt unter Ausschluss der Öffentlichkeit versenkt. Und auch das Team um den Museumschef hat alle Hände voll zu tun. Schwerpunkt aktuell ist die Räumung des Museumsdepots, damit es umgebaut werden kann. Das ist eine echte strategische Herausforderung, wird doch jetzt entschieden, was später gezeigt wird. Zwischengelagert wird ein Großteil der Exponate in Oelsnitz.

Projektleiter Matthias Meyer und Museumsleiter Jan Färber sind inzwischen ein perfekt eingespieltes Team. Sie begegnen sich auf Augenhöhe - auch wenn sie grundverschiedene Ausgangspunkte haben. Gibt es ein Problem, suchen beide gemeinsam nach einer Lösung. Jan Färber: "Unser erklärtes Ziel ist es, so viel wie möglich von der Bausubstanz zu erhalten. Es ist kein Neubau: Wenn wir Vergangenheit und Zukunft zusammenbringen, dann können wir den musealen Gedanken in die nächste Generation weitertragen." Und Matthias Meyer ergänzt aus planerischer Sicht: "Wir stellen nur Unikate her. Dafür gibt es nun mal keine Serienfertigung."

Die Erzgebirger erhalten mit dem technischen Denkmal ein einzigartiges Zeitzeugnis sächsischer Industrie- und Bergbaugeschichte. Das Zwickau-Oelsnitzer Revier gehört zu den ältesten Steinkohlenrevieren Deutschlands. Vom 10. Jahrhundert bis zur Einstellung der Förderung am 29. September 1978 wurden rund 230 Millionen Tonnen Steinkohle allein im Zwickauer Revier gefördert, im Lugau-Oelsnitzer Revier noch einmal 142 Millionen Tonnen. Für Jan Färber zählt die Anlage zu 800 Jahren Montanregion: "Da steckt noch viel Potenzial drin. Man darf zum Beispiel nicht außer Acht lassen, dass mit dem Niedergang des Silberbergbaus im Erzgebirge es die Kumpel im Steinkohlebergbau waren, die unter anderem das bergmännische Brauchtum weiterführten. Diese Authentizität und alle damit verbundenen Zeugnisse gilt es für die Nachwelt zu erhalten und lebendig zu vermitteln."

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