Heitere, spannende und traurige Episoden prägen Ortsgeschichte

Beutha feiert in diesem Jahr das 675 Jahre Ersterwähnung mit verschiedenen Veranstaltungen. So auch mit einem ganz besonderen Dorfrundgang.

Beutha.

Der Dorfgeschichte galt ein spezieller Sonntagsspaziergang in Beutha. Knapp 80 Interessierte, darunter neben vielen Einheimischen Einwohner aus Raum, Mitteldorf, Stollberg und selbst Bad Schlema nutzten am Wochenende die Einladung, aus Anlass des 2019 gefeierten 675-jährigen Dorfjubiläums der Ersterwähnung eine gemeinsame Stippvisite zu den Schauplätzen des Ortslebens zu unternehmen und sich der Wurzeln des Werdeganges zu erinnern. Joachim Schwind fungierte als profunder Exkursionsleiter. Der 63-Jährige erforscht seit geraumer Zeit das Werden und Wachsen des heutigen Ortsteiles der Stadt Stollberg. Der Sachbearbeiter im Landratsamt Plauen nutzte jetzt die Gelegenheit, seine Erkenntnisse in launig-öffentlicher Runde weiterzugeben. Er bewies auf der rund dreieinhalbstündigen Tour, dass Geschichte längt kein trockenes Faktenwissen bedeuten muss, servierte spannende und heitere Kost und wusste um traurige Momente.

Der Großbrand: Sogar Ungeheuerliches kam noch vor der gemeinsamen Mittags-Gulaschsuppe auf den Tisch. So ist der Großbrand vom 27. Mai 1827 in die Geschichte eingegangen. Joachim Schwind erzählt: "Gottlieb Müller schoss seinerzeit in seinem Gut am Wirtsberg mit einer Flinte auf eine Taube, das Pulver setzte unglücklicherweise das Stroh eines Schuppendaches in Brand. Ein mächtiges Feuer verbreitete sich ungebremst, zerstörte Schmiede, Schule, weitere Gebäude von Häuslern und selbst das Pfarrhaus. Allein die damals auf dem Friedhofes befindliche alte Kirche konnten die Einheimischen halbwegs retten. Da, wo jetzt eine mächtige Linde blüht, soll einst wenige Meter entfernt der Altar des später abgetragenen Gotteshauses gestanden haben.


Der Räuberhauptmann: Einmal im einstigen Entwicklungszentrum des Besiedlungsfleckens versammelt, lenkte der Fachmann die Blicke auf Friedhofsmauern und Grabstellen. Drei verblichene, an der Einfriedung befestigte Steine erinnern an den wohl spektakulärsten Bewohner des Ortes: Räuberhauptmann Nikol List. Der wohnte seit 1681 in Beutha und ließ 1688 ein zweites Wohnhaus errichten. Er galt in Beutha zunächst als unbescholtener und belesener Pferdehändler. Von 1681 an nahm er am Militärdienst teil, brachte es bis zum Korporal und desertierte 1687. Ab 1691 war er Pächter des Gasthofes Grüne Tanne in Raum, damals noch Neue Schenke genannt, bis ihm wegen Unruhen durch vermeintliche Diebeskumpane und ehemalige Mitsoldaten die Schönburgische Herrschaft nach nur 16 Monaten die Pacht kündigte. Spätestens als er 1696 bei seiner missglückten Gefangennahme in Beutha zwei Männer erschoss, wurde sein gefährliches Tun klar. 1698 bei Greiz geschnappt, erfolgte 1699 die Hinrichtung in Celle. Sein Haus in Beutha wurde dem Erdboden gleich gemacht, um 1700 errichtet man hier eine Schandsäule.

Die Friedhofsmauer: Joachim Schwind wusste zu informieren, dass die unterschiedliche Bauform der Friedhofsmauer dem Beschuss durch die Amerikaner 1945 geschuldet ist. "Ein Treffer zerstörte nicht nur die Grundstückswand, auch das Leichenhaus ging dabei kaputt. Und das mit Folgen. Zum einen wurde ein just an diesem Tag Aufgebahrter erneut getroffen, dem zuvor von einer Granate schon beide Beine abgerissen worden waren. Zudem mussten bis 1949 die Totenwachen in den Wohnhäusern der Einheimischen erfolgen."

Die Flugblattsuche: Ein unerhörter Luftfahrtzwischenfall bewegte die Beuthaer, aber noch mehr die damaligen Oberen der DDR. "In den 1950er-Jahren schwebte ein Ballon mit Flugschriften aus dem Westen kommend über der Ortschaft", so Schwind. "Dessen Konstruktion zum Abwurf dieser Handzettel versagte und so wurde das Fluggerät instabil". Es stürzte ab, durchschlug das Dach des Hauses von Martin Prager. Die Folge: Eine groß angelegte Evakuierungsaktion lief an und die Bewohner durften nach Polizeieinsatz erst wieder in ihre Wohnungen, als wirklich jedes Flugblatt eingesammelt war.

Die Leichsenring-Brücke: Klar, dass Joachim Schwind neben der Namensgebung des Ortes, der Entwicklung der Einwohnerzahlen und der Infrastruktur wie Arztpraxis und neue Schule auch manch kesse Begebenheit zu erzählen verstand. Etwa jene Bewandtnis, wie die Leichsenring-Brücke, 2016 abgebaut, zu ihrem Namen gekommen war. "Max Leichsenring war Fleischer und kaufte seine Zutaten in Lößnitz per Fuhrwerk ein. Vor den Rücktouren gönnte er sich ein stärkendes Wässerchen und legte sich rücklings auf den Wagen. Kein Problem, sein vorgespanntes Pferd kannte den Weg in den heimischen Stall." Doch eines Tages, es wurde nie überliefert warum, nahm der Vierbeiner kurz vor der Fleischerei eine Abkürzung und wählte den verhängnisvollen Weg über einen viel zu schmalen Dorfbachsteg. "Am Geschäft kam allein das Pferd an. Denn das passte noch über den Steg, der Kutschwagen blieb samt Max Leichsenring stecken, für den es ein jähes Erwachen gab."

Das Fazit der Tour durch ein Stück Alltagskultur: "Während manche Städte ihre Eventkultur oft einkaufen müssen, gibt es in Beutha ein von den Vereinen sowie der Kirchgemeinde getragenes Dorfleben. Das spricht für uns", so Joachim Schwind. Der lädt schon jetzt ein, dass Schicksal des Nikol List am 24. August im Rahmen einer Schauspielaufführung, ein weiterer Beitrag der Jubiläumsereignisse, szenisch kennenzulernen.

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