Historischer Ort des ersten Kidnappings

Es gibt sie seit 180 Jahren: Die Köhlerhütte Fürstenbrunn in Waschleithe. Ihr heutiger Chef kennt viele Geschichten. Eine erzählt er so: "Hier gab es auch das erste Graffiti."

Waschleithe.

Mit Stolz erzählt Heiko Schmidt, Chef der Köhlerhütte Fürstenbrunn, seinen zahlreichen Hotel- und Restaurantgästen gern, dass sein Lokal auf ganz besonderem historischen Boden steht. Und mit einen Augenzwinkern fügt er hinzu: "Es ist nicht nur der Ort des ersten Kidnappings in Sachsen, sondern hier hat es auch die ersten Graffiti gegeben." Ein solcher Satz sorgt natürlich für Erstaunen und zieht neugierige Fragen nach sich. Genau das bezweckt Heiko Schmidt. "Schließlich wollen wir die Tradition bewahren, weitertragen, nur müssen wir das eben auch modern und zeitgemäß verkaufen", sagt er. Dabei verfälscht er nicht die Geschichte, er erzählt sie mit aktuellen Begrifflichkeiten. Das präge sich bei den Gästen besser ein, haben er und seine Frau Katrin festgestellt.

Die echte Geschichte ist schnell erzählt: Am 7. Juli 1455 wurden dem Kurfürsten Friedrich dem Sanftmütigen zwei seiner Kinder, die Prinzen Ernst und Albrecht, aus dem Schloss Altenburg geraubt. Der Ritter Kunz von Kauffungen wollte mit der Entführung sein Recht erzwingen. Ritter Kunz hatte Prinz Albrecht an sein Pferd gefesselt und ließ im Schmiedewald - beim heutigen Waschleithe - nahe der Herrschaft Schwarzenberg Halt machen. Köhler Schmidt, der dort seinen Meiler hatte, beobachtete am 8. Juli 1455 jene schwer bewaffneten Reiter, die ein Kind mit sich führten. Köhler und Klosterknechte befreiten den zwölfjährigen Prinzen. Zum Andenken an den späteren Herzog Albrecht von Sachsen wurde 1822 an jener Quelle, an der einst Prinz Albrecht nach langem Ritt seinen Durst gestillt haben soll, am Fürstenbrunnen, ein Obelisk errichtet. "Aber dieser wurde anfangs oft beschmiert, deshalb wurde 1838 eine Hütte dort errichtet", weiß Schmidt. "Schmierfinken gab es also auch schon früher", fügt er hinzu. In jene Hütte zog ein Bergmann mit seiner Familie ein, um den Obelisk zu bewachen. Zudem erhielt er eine Schankkonzession mit der Bemerkung, "nur anständige Gesellschaft zu dulden und zu bewirten". "Das beherzigen wir bis heute", meint Schmidt lachend. Am 8. Juli 1839 wurde die Köhlerhütte als Einkehr eröffnet.

Der Wirt versichert, dass er mit dem damaligen Köhler Schmidt weder verwandt noch verschwägert sei, der dort um 1450 seinen Meiler hatte. Wenngleich auch er die Tradition der Köhlerei aufrecht erhält. "Wir haben die Köhlerhütte erst 2005 übernommen, und ehrlich gesagt, das 180-Jährige etwas übersehen", sagt der Wirt. Gefeiert wird dennoch oft und deftig an der Köhlerhütte. Und vieles vom Interieur scheint aus einem fernen Jahrhundert. So sind die für die Deckenbalken verwendeten Baumstämme in ihrer Wuchsform noch erkennbar. Die Stühle sind niedrig, die Lehnen kurz. "Früher waren die Leute kleiner", betont Schmidt. Besonders junge Gäste mit langen Beinen haben heute so ihre Probleme damit. Aber das Möbel bleibt wie es ist, versichert Schmidt. "Ganz früher muss das eine sehr dunkle Stube gewesen sein. Anfang der 1930er-Jahre haben Heimatfreunde um den Unternehmer Krauß und den Rektor Fröbe die Hütte renovieren lassen. Aber Bilder von ganz früher gibt es keine."

Dennoch wird Schmidt bis heute noch viel zugetragen, was über die Köhlerhütte auftaucht. So habe ihm Jutta Lang aus Schwarzenberg, deren Mann Rudolf ein geschichtsinteressierter Sammler war, eine mehrseitige Dokumentation über die Geschichte der Köhlerhütte aus dem Nachlass ihres Mannes übergeben. Ebenso eine Tasse mit Porträts der Prinzen und des Köhlers. "Die stammt aber sicher aus der 1920er- oder 1930er-Jahren", so Schmidt.

Schon zu DDR-Zeiten war die Köhlerhütte im bewaldeten Oswaldtal ein beliebtes Wanderziel - auch für Schulklassen. Speziell das Fenster zur Terrasse, aus dem schon damals "rote und grüne Limo" verkauft wurde, hat sich bei vielen im Gedächtnis eingeprägt. Dieses Fenster und dieses Angebot gibt es heute wieder. Allerdings nicht für zwei Groschen. Und doch schmeckt die Brause hier eben anders - gewürzt mit dem Hauch der Geschichte.

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