"Ich akzeptiere nicht, wenn jemand nicht wählen geht"

Aus Neugier ist Freimut Lein 1994 zum Stimmen auszählen gekommen - und hat seither keine Wahl ausgelassen. Wer am Ende die meisten Kreuze bekommt, ist für ihn weniger von Bedeutung - ihn interessiert vielmehr, wer von seinem Wahlrecht Gebrauch macht.

Lugau.

Aus reiner Neugier sei er dazugekommen, nennt Freimut Lein den Grund, warum er 1994 zum ehrenamtlichen Wahlhelfer wurde. Er habe schon zu DDR-Zeiten immer gegrübelt, wie das Auszählen funktioniert hat. "Überlegen Sie mal, damals lag die Wahlbeteiligung bei über 99 Prozent, das Auszählen muss doch ein Wahnsinnsaufwand gewesen sein!" Auch oder gerade mit dem heutigen Wissen als jahrelanger Wahlhelfer ist Lein überzeugt, dass die Wahlmanipulationen zu DDR-Zeiten nicht beim Auszählen stattfanden. "Wie sollte das dort gehen", fragt er. Das sei sicher "weiter oben" passiert. Als dann die Wende kam, habe er sich jedenfalls gesagt, "jetzt steigst du mal ein". Er meldete sich im Rathaus als ehrenamtlicher Wahlhelfer.

Das war 1994. Ausgerechnet im Mammutwahljahr, als an drei Terminen insgesamt sieben Wahlen anstanden. Vom EU-Parlament über den Bundes- und den Landtag bis hin zu den Kommunalwahlen musste entschieden werden. Neben Kreistags- und Stadtratskandidaten stellten sich in dem Jahr auch Bewerber für den Landratsposten im Kreis Stollberg und das Amt des Bürgermeisters in Lugau. Diese Wahl sei ihm auch am besten im Gedächtnis haften geblieben, sagt Lein. "Da hat der Wahlleiter früh um 3 ,Aufhören' gesagt." Man habe sich dann vormittags um 10 erneut getroffen und weiter gezählt. "Bis 15 Uhr."


Abgeschreckt habe ihn diese lange Nacht aber nicht, er hat seither keine Wahl ausgelassen und freut sich schon auf die Landtagswahl, sagt Lein. Warum? Immer noch aus Neugierde. "Mich interessiert, wer zur Wahl kommt." Er sei gespannt, wie viele in seiner Heimatstadt wählen gehen. Ein Tiefpunkt sei für ihn die Stadtratswahl 2009 mit 42Prozent Beteiligung gewesen. "Da war ich 20 Uhr daheim." Sonst komme er nach Wahlen etwa 23 Uhr nach Hause.

Dass jemand nicht wählen geht, könne er nicht akzeptieren. "Ich sage dann immer: Ihr müsst wählen. Die Politiker müssen doch erfahren, wie ihr tickt." Woher sollen die denn sonst wissen, was die Leute wollen, fragt er. Wen jemand wählt, interessiert ihn dabei nicht. Es sei einem Wahlhelfer sowieso strikt verboten, die Frage danach zu stellen. Und auf anderem Wege sei es unmöglich, zu erfahren, wo jemand sein Kreuz gesetzt hat. "Die Stimmabgabe ist immer anonym, es ist überhaupt nicht möglich, herauszubekommen, wer wen gewählt hat." Auch er selbst gebe keine Auskunft zu seiner Wahlentscheidung. "Das ist jedem seine Sache." Darum kann er auch nicht fassen, dass auch schon Leute ins Wahllokal kamen und fragten, wen sie denn nun wählen sollen.

Seit 1994 habe es schon viele Wechsel um ihn herum gegeben, sagt Lein, der sich nicht nur als Wahlhelfer, sondern auch in der Kirchgemeinde engagiert. Von den Mitstreitern aus seiner Anfangszeit sei keiner mehr dabei. Aber ihm mache es Spaß, er treffe alte Bekannte und das ganze sei auch interessant. Hauptamtsleiterin Alexandra Lorenz-Kuniß bestätigt, dass die Arbeit im Wahllokal meist Spaß mache, weil man gute Teams habe und viele auch die Wähler kennen. "Wer einmal dabei war, macht gern wieder mit." Die Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung seien immer vollzählig dabei, was auch nicht selbstverständlich ist, sagt sie. Ganz leicht sei die Suche nach ehrenamtlichen Wahlhelfern aber auch in Lugau nicht. "Die Spanne der Reaktionen reicht von Auslachen bis geehrt sein", sagt sie. Die meisten seien allerdings schon seit vielen Jahren dabei und auch die "Neuen" hätten dieses Jahr gemerkt, "dass es gar nicht so schlimm ist, mitzumachen." Alle arbeiten sehr genau und professionell, erklärt sie. Wer mitmachen möchte, könne sich gern melden. "Bedarf ist immer." Auf Freimut Lein kann die Hauptamtsleiterin auf jeden Fall noch eine Weile setzen. "So lange ich noch zählen kann, mache ich das", sagt der 66-Jährige.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
1Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    1
    Haecker
    14.08.2019

    Wo kommt Herr Lein eigentlich her, dass er offensichtlich nicht weiß, wie in der DDR das "Zettelfalten" lief? Es war doch nur die Anzahl der abgegebenen Stimmzettel zu zählen. Über 99 % wurden so, wie sie ausgehändigt wurden - also ohne irgendwelche Kennzeichnung - in die Wahlurne eingeworfen. Das waren die gültigen Stimmen für den Wahlvorschlag der Nationalen Front. Dann gab es nur noch ein paar einzelne Stimmzettel von denjenigen Wählerinnen und Wählern, die es gewagt haben, für jeden sichtbar aus der Reihe auszuscheren und die Wahlkabine aufzusuchen. Ein Teil dieser Stimmzettel wurde gegen den Wahlvorschlag abgegeben, einige waren ungültig.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...