"Ich fahre lieber nach Bulgarien"

Das Geschwür lag handballgroß im Bauch. Bauchfellkrebs. Aber Johanna Gehlhaar wollte leben. Ihre Lebenslust ist stark - sagt auch ihre Ärztin. Doch wie aufgeklärt - und dankbar - sind Patienten heute?

Zwönitz/Stollberg.

Der Magen ist zu einem Drittel raus. Die Leber ebenso. Die Milz ist ganz weg. Johanna Gehlhaar aus Zwönitz könnte darüber sehr traurig sein. Ist sie aber nicht. Sie lacht. "Tja, ich bin ausgeschlachtet wie eine Weihnachtsgans." Da will ein jeder mit ihr mitlachen, am liebsten. Nur, ist das erlaubt? Oder unhöflich?

Es ist erlaubt. Denn diese Frau, diese Lust auf Leben, dieses nicht alles so todernst nehmen - eben dieses Wesen in ihr, es ist einfach nicht zu besiegen. Schon gar nicht von einem bösartigem Bauchtumor. "Es ist ein Bauchfellkrebs", sagt die 74-Jährige eher gelangweilt. Sie hat es wohl schon so oft erzählt. "Na und? Ich identifiziere mich mit dem Krebs gar nicht. Ich fahre lieber nach Bulgarien in den Urlaub. Oder kümmere mich um meine Katzen. Oder meine Orchideen."

Die Zwönitzerin ist mittlerweile so was wie eine gute Bekannte im Tumorboard - einem Zusammenschluss von Onkologen, Strahlentherapeuten, Pathologen, Radiologen und Chirurgen, die die Akten eines jeden einzelnen Krebspatienten genau analysieren und punktgenaue Therapien erarbeiten. "So etwas gibt es deutschlandweit in allen Regionen, also auch im Raum Stollberg. Wir treffen uns alle 14 Tage. Bis zu 10 Fälle werden dort besprochen. Dabei war schon jeder Patient aus dem Altkreis ein Thema, manche öfters", sagt Dr. Elke Möbius.

Die Chefärztin im Kreiskrankenhaus ist Expertin für solide Tumore, also die fest mit einem Organ zu tun haben - von Eierstock über Lunge, Darm bis Prostata. Oder Bauchfell. Sie behandelt auch Johanna Gehlhaar. Frau Dr. Möbius ist seit 20 Jahren als Fachärztin dabei - sie kann viel über Patienten sagen. Sind diese denn vernünftiger als früher? "Nein. Leider sind die Patienten auch nicht viel aufgeklärter als früher. Menschen haben bekanntlich eine hohe Gabe, Dinge zu negieren. Es gibt ein hohes Kausalitätsbedürfnis." Heißt: Leute wollen die Dinge gerne für sich selbst positiver erklären. "Nur weil einem andere sagen, man sieht schlecht aus, geht man noch lange nicht zum Arzt. Vielmehr sagt man dann, man hat halt schlecht geschlafen." Positiv denken, sei durchaus eine natürliche Überlebensstrategie. Aber nicht unbedingt bei Krebs. "Wer da zu lange wartet, für den kann es zu spät sein." Was nicht gilt, sind Ausflüchte wie diese, so die Expertin: Das tut ja nicht weh. Das habe ich noch nie gehabt. Wird schon nicht so schlimm sein.

Das Schlimme sehen Experten wie Dr. Wolfgang Neukirchner tagtäglich, sozusagen in kleinsten Gewebeproben. Er sitzt mit seinem 45-köpfigem Ärzte- und Mitarbeiterteam in einem unscheinbaren, grauen Flachbau im Niederdorfer Gewerbegebiet, einem von 14 Standorten des Diagnosticums. Das Unternehmen versorgt Ärzte und Kliniken mit Labor- und Pathologieleistungen. "Beim Krebs sind wir auf der Suche nach der Ursprungszelle eines jeden einzelnen Patienten. Wo genau hat der Krebs begonnen? Und welche Gendefekte haben zum Tumor geführt? Das müssen wir wissen, um eine punktgenauere Behandlung festzulegen", sagt Dr. Neukirchner, der auch im Tumorboard sitzt. Er habe zwar die Schicksale der Menschen als Diagnosemappe auf dem Tisch liegen. Aber er müsse nicht - im Gegensatz zu Kollegin Möbius - mit den Patienten an einem Tisch sitzen und ihnen die Diagnose beibringen. "Hausärzte haben da die undankbarere Aufgabe."

Der Experte sagt, dass Tumor schon lange nicht mehr gleich Tumor ist. "Etwa 50.000 Arten sind mittlerweile erfasst." Daher würden die Untersuchungen immer aufwendiger, aber eben auch auf den Patienten abgestimmter erfolgen - was die Heilungschancen erhöhe. "Das hat sich rasant gebessert", sagt Dr. Möbius. Aber es werde auch zu schnell einfach so hingenommen von den Leuten. So habe sie es geschafft, einen schon todgeweihten Mann mit einem besonders aggressiven Krebs - einem Sarkom - etwa zehn Jahre mehr Lebenszeit auf hohem Niveau zu schenken als die erste Diagnose nicht mal in kühnsten Träumen hoffen ließ. "Doch als es ihm dann doch schlechter ging, beschwerte sich die Ehefrau bei mir, warum ich ihn plötzlich falsch behandele. Das ist dann sehr ärgerlich", so die Chefärztin.

Johanna Gehlhaar ist da anders. Sie schwärmt von ihrer Ärztin - und ihrem Team. Seit 2008 lebt sie nun mit ihrem Krebs. Dr. Möbius ist in ihrem Leben seither ein wichtiger Mensch. "Ich habe große Hochachtung vor ihr."


Krebs-Vorsorge: Menschen werden nachlässiger

Frauen: Die Zahl der Frauen in Sachsen, die einmal jährlich zur gynäkologischen Krebsvorsorge gehen, hat zwischen 2009 und 2016 um 14,4 Prozent abgenommen - so eine Auswertung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) von Daten Versicherter ab 20 Jahre. 2016 gingen deutschlandweit 8,9 Prozent weniger Frauen zur Untersuchung als 7 Jahre zuvor.

Männer: Während in Sachsen 2016 fast jede zweite Frau (46,8 Prozent) ihren Gynäkologen zwecks Vorsorge aufsuchte, ging bei den Männern ab 45 Jahre nur etwa jeder Fünfte (21,9 Prozent) zur Früherkennungsuntersuchung von Prostatakrebs.

Laut Robert Koch-Institut nehmen die Krebsfälle in Deutschland insgesamt zu. Hauptgrund hierfür ist das steigende Lebensalter. "Entscheidend im Kampf gegen Krebs ist regelmäßige Vorsorge", so Matthias Eberitzsch vom KKH-Serviceteam Zwickau. "Je früher ein Tumor entdeckt wird, desto größer ist durch rechtzeitig ergriffene Behandlungen die Heilungschance." Das gilt vor allem für jene, bei denen eine erbliche Vorbelastung vorliegt.

Hilfe und Beratung gibt es unter:

www.krebsinformationsdienst.de

www.skg-ev.de

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