"Ich sehe enormes Entwicklungspotenzial"

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Künftiger Generalmusikdirektor Jens Georg Bachmann will mehr Publikum für Theater und Orchester begeistern

Annaberg-Buchholz.

Jens Georg Bachmann übernimmt mit dem Start der neuen Spielzeit im Herbst die musikalische Verantwortung bei der Erzgebirgischen Philharmonie und im Eduard-von-Winterstein-Theater. Für beides neue Publikumsschichten zu erschließen, sieht der begeisterte Wanderer und Skifahrer als eine seiner vordringlichsten Aufgaben. Antje Flath hat mit dem gebürtigen Berliner über die Provinz und ihre Reize, über hungrige Musikerinnen und Musiker sowie eine störende Asymmetrie gesprochen.

"Freie Presse": Sie haben in großen Metropolen dieser Welt und mit großen Orchestern gearbeitet. Was macht nun den Reiz des vergleichsweise kleinen Ensembles und der Provinz aus?

Jens Georg Bachmann : Das sind gleich mehrere Aspekte. Zum einen reizt es mich schon immer, musikalische Arbeit mit landschaftlicher Schönheit zu verbinden. Zum anderen bin ich ein leidenschaftlicher Orchesterentwickler. Die dazugehörige Neugier darauf habe ich bei den Musikerinnen und Musikern der Philharmonie schon während des Bewerbungsdirigats gespürt. Es sind auf allen Seiten im besten Sinne ein gesunder Hunger und Freude an der Arbeit da. Außerdem reizt mich die Zusammenarbeit mit dem neuen Intendanten Moritz Gogg. Bei den Gesprächen mit ihm habe ich gespürt, dass unsere künstlerischen Interessen auf wunderbare Weise zusammentreffen - das ist keine Selbstverständlichkeit, aber wesentlich für eine künstlerisch erfolgreiche Partnerschaft.

Corona verhindert seit mittlerweile fast einem Jahr Konzerte und Theatervorstellungen. Hatten Sie dennoch schon Gelegenheit, die Philharmonie und das Ensemble des Eduard-von-Winterstein-Theaters kennenzulernen?

Bei meinem Vorstellungsdirigat, einer Arbeitsprobe, hatten wir eine gute Stunde zur Verfügung. Dabei standen Stücke aus ganz verschiedenen musikalischen Gattungen auf dem Programm, die ganz unterschiedliche Anforderungen gestellt haben. Auch eine Sängerin aus dem Ensemble hat bereits mit musiziert. Aber erst im März treffe ich die gesamte musikalische Sparte des Theaters zum persönlichen Kennenlernen. Und leider werden die derzeitigen Umstände wohl erst im Herbst eine uneingeschränkte Begegnungssituation erlauben. Deswegen verlasse ich mich bei derzeitigen künstlerischen Entscheidungen auf mein Gespür und guten Rat vor Ort.

Wo sehen Sie die Stärken des Orchesters, wo noch Entwicklungspotenzial?

Eine Stärke ist die gute, gesunde Gemeinschaft, in der viel menschliche Wärme zu spüren ist. Künstlerisch ist bis in die einzelnen Stimmgruppen hinein viel Ernsthaftigkeit spürbar. Zudem haben mich vom ersten Moment an Offenheit, Aufgeschlossenheit und Unvoreingenommenheit beeindruckt. Ich sehe deswegen enormes Entwicklungspotenzial im musikalischen Bereich. Die Musikerinnen und Musiker zeigten ein ehrliches Bedürfnis nach künstlerischer Weiterentwicklung. Allerdings muss das Orchester dafür auch entsprechend aufgestellt sein. Während das bei den Bläsern der Fall ist, sind die Streicher im Vergleich dazu zu schwach und zudem asymmetrisch besetzt, was für allseits überzeugende Ergebnisse störend ist. Dieses Ungleichverhältnis muss in den nächsten Jahren ausgeglichen werden, um der Philharmonie nationale und internationale Vergleichbarkeit und maximale Wirkungschancen zu ermöglichen. Keine Fußballmannschaft kann dauerhaft mit nur neun Spielern gewinnen. Es ist mir jedoch klar, dass das eine langfristige Angelegenheit ist.

Sie wollen Theater und Konzerte mit neuen Angeboten weiter öffnen. Wie wollen Sie das erreichen? Haben Sie gewisse Schwerpunkte?

Neben dem Stammpublikum will ich neue Besucherinnen und Besucher aus möglichst vielen Bevölkerungsschichten gewinnen: Schulkinder, Jugendliche sowie junge Erwachsene und Familien. Kurzfristig denke ich dabei zum Beispiel an speziell für Familien zugeschnittene Opernproduktionen. Die erste soll es schon zu Weihnachten geben. Langfristig will ich mich mit dem Ensemble auch an spartenübergreifende Formate heranwagen. Das gibt es auf dem Markt noch kaum, dass man beispielsweise innerhalb einer Aufführung zeigt, wie ein Stück aussieht, wenn es als Schauspiel oder als Oper inszeniert wird. In den Konzerten werde ich für das neue und junge Publikum selber moderieren und meine Begeisterung und Faszination für die Relevanz der Musik teilen. Außerdem reizt mich die unmittelbare Nachbarschaft zum ehemaligen Böhmen, das wunderbare musikalische Schätze zu bieten hat. Zudem möchte ich mit dem Orchester stärker zyklisch arbeiten, also mehr Repertoirepflege und -vertiefung betreiben. Auf diesem Gebiet sehe ich Nachholbedarf. Dazu bemühe ich mich mit Moritz Gogg, regelmäßig namhafte Solistinnen und Solisten ins Erzgebirge zu holen, um damit Publikum an großen Talenten teilhaben lassen. Dabei bin ich mir bewusst, dass dafür auch bei einem reichhaltigen Netzwerk viel Glück dazugehört. Der künftige Intendant und ich wollen das Konzert- und Theatererlebnis für alle zugänglich machen und gleichzeitig den Blick für Raritäten beibehalten, um so Aufmerksamkeit auch überregional immer wieder auf Annaberg-Buchholz lenken.

Theater im Erzgebirge heißt auch jedes Jahr aufs Neue Kampf um finanzielle Unterstützung und Auskommen mit einem vergleichsweise kleinen finanziellen Budget. Wird das für Sie eine ganz neue Herausforderung?

Eine Herausforderung ja, eine neue jedoch nicht. Denn durch mein zusätzliches Management-Studium und meine Arbeit beim Nationalorchester in Zypern, wo ich gleichzeitig Chefdirigent und Intendant war, ist mir auch der administrative Teil der Arbeit sehr vertraut. Obgleich mir bewusst ist, dass diesbezüglich in Annaberg und Aue viele Aufgaben und viel Verantwortung auf mich zukommen werden, werde ich mich dieser Herausforderung kreativ stellen und weiß - neben einem guten Team - mit Moritz Gogg einen sehr guten Kooperationspartner an meiner Seite, der mit mir auf gleicher Wellenlänge schwimmt.

Sind denn mit den beruflichen Veränderungen auch persönliche verbunden - zum Beispiel ein Umzug ins Erzgebirge?

Zwei Wanderführer für das Erzgebirge habe ich mir schon gekauft, da ich gern wandern gehe und sehr gern in der Natur bin. Im Winter bin ich gern auf Skiern unterwegs. Über den Umzug ist in der Familie unterdessen noch nicht abschließend entschieden. Auf jeden Fall werde ich mir spätestens im Mai oder Juni eine ruhige Wohnung in der Region suchen, denn es ist mir wichtig, vor Ort präsent zu sein, den Kontakt zu Orchester, Chor und Theaterensemble zu pflegen - und natürlich zum Publikum. Meine Neugier auf die neue Arbeit für das und mit dem Publikum ist groß. Und ich freue mich, wenn das Publikum seinerseits den Dialog annimmt. af


Jens Georg Bachmann

Geboren 1972, hat Jens Georg Bachmann später an der Musikhochschule "Hanns Eisler" in Berlin und der New Yorker Juilliard School sein Dirigierstudium absolviert, an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater ein Studium von Kultur- und Medienmanagement. Berufliche Stationen waren unter anderen die Komische Oper Berlin, die Staatsopern Berlin, Stuttgart und Nürnberg, die Deutsche Oper am Rhein sowie mehrjährige Assistenzen bei den Münchner Philharmonikern, dem Boston Symphony Orchestra, der Metropolitan Opera in New York und dem Elbphilharmonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks. Zuletzt war er Chefdirigent und Intendant des Cyprus Symphony Orchestra. (af)

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