Junge Leute richten Blick nicht nur auf historische Gebäude

Drei Schulen aus dem Altkreis Stollberg beteiligen sich an einem Architekturprojekt, bei dem Jugendliche nach Lösungen für Probleme im Umfeld suchen. Zwei sammeln Nutzungsideen für alte Bausubstanz. In Lugau aber wird etwas Neues gestaltet - das den Schülern selbst zugute kommen soll.

Burkhardtsdorf/Neukirchen/Lugau.

Das "Scala" ist ein Sorgenkind in Burkhardtsdorf. Das einst schönste Kino in der Region steht seit Mitte der 1990er-Jahre ungenutzt im Zentrum des Ortes, ob es je wieder eine Nutzung des in kommunaler Hand befindlichen Gebäudes geben wird, ist ungewiss. Aber wofür könnte es überhaupt dienen? Sollte es nicht am besten abgerissen werden? Und was sollte dann an dieser Stelle entstehen? Das sind Fragen, die sich 19Schüler der Klassenstufen 8 und 9 stellen, die die Evangelische Oberschule des Ortes besuchen und sich am Projekt "Architektur macht Schule" beteiligen (siehe Kasten).

Warum gerade das "Scala" ausgewählt wurde, liegt für die das Projekt betreuende Lehrerin Viola Reichelt auf der Hand. "Die Schüler kennen es mindestens seit sie in die Schule gehen, da man auf dem Weg zum Hort wie auch zur Turnhalle daran vorbeikommt", erklärt sie.

Die betreuenden Lehrer und der Schulleiter haben sich zunächst gemeinsam mit Mitarbeitern des Bauamtes einen Eindruck vom Innenleben des Ex-Kinos verschafft. Viola Reichelt: "Das war notwendig, um zu wissen, wo wir die Schüler laufen lassen können und wo es aufgrund des Bauzustandes gefährlich ist." Bald haben die Jugendlichen aber selbst Gelegenheit, das "Scala" zu inspizieren - Ende des Monats beginnt eine Projektwoche, in der sie den Zustand des Gebäudes aufnehmen werden. Danach sollen die Wünsche der Bevölkerung erkundet und Möglichkeiten der Nutzung abgewägt werden. Unterstützt werden die Schüler von der Thalheimer Architektin Mandy Gauser. Im Verlauf des Schuljahres werden die Ergebnisse dann in einem Freizeitprojekt ausgewertet. Und dann heißt es, so Lehrerin Reichelt, "ergebnisoffen weiter zu spinnen". Ob das Ergebnis Entwürfe für eine Erneuerung sind oder Begründungen für einen Abriss - das ist noch völlig offen.

Auch in Neukirchen steht ein altes Gebäude im Fokus, ein Abriss steht hier allerdings nicht zur Debatte. Wie Hans-Christian Lippmann, Schulleiter der Oberschule Neukirchen, erklärt, werden die 15 am Projekt beteiligten Neuntklässler Ideen für eine Nutzung der Herrenmühle sammeln. Man arbeite dabei eng mit dem Heimat- und Geschichtsverein zusammen, der im Gebäude seine Zusammenkünfte hat und jährlich beispielsweise am Mühlentag dort auch Führungen anbietet.

Ausgangspunkt war eine Art Hilferuf des Mühleneigentümers, der eine Sanierung nicht allein stemmen kann. Wegen der Bedeutung der Mühle für den Ort und ihres touristischen Potenzials ist auch die Gemeinde an einem Erhalt interessiert, hieß es damals. Es habe auch noch andere Projektideen gegeben, sagt Lippmann. Aber die Herrenmühle, deren Mahlwerk noch immer funktioniert, machte das Rennen. "Die knarrende Mechanik ist doch eine tolle Sache im Zeitalter der Elektronik", sagt er. Bevor sich die Schüler konkrete Gedanken um die Neukirchner Mühle machen, schauen sie sich Anfang November die Rolle-Mühle Waldkirchen und die Engemühle in Burgstädt an. Fachliche Unterstützung bekommen die Neukirchner von der Chemnitzer Architektin Kerstin Bochmann.

An der Lugauer Oberschule Am Steegenwald wird der Blick nicht auf Gebäude der Vergangenheit gerichtet, sondern in die Zukunft. Hier wollen die elf am Projekt beteiligten Mädchen und Jungen etwas schaffen, was ihnen bei Wind, Regen und Schnee fehlt: Ein Bushäusl an der Haltestelle vor der Schule. Wie die betreuende Lehrerin Susann Popp berichtet, haben die Schüler bereits erste Ideen gesammelt, worauf geachtet werden und was die Unterstellmöglichkeit enthalten sollte - Sitzgelegenheiten, einen Mülleimer und eine Ablagefläche beispielsweise. Auch erste Entwürfe gebe es schon. Als Profi steht den Lugauern der Dresdner Architekt Wieland Petzold zur Seite.

Susann Popp hofft, dass die Projektergebnisse nicht graue Theorie bleiben. "Wir wollen sie am Ende dem Stadtrat vorstellen", sagt sie. Architekt Wieland Petzold habe zugesagt, dafür auch eine Kostenschätzung zu erstellen. "Es wäre für die Schüler schön, wenn ihre Idee realisiert würde", sagt sie. Und: "Das Bushäuschen ist wirklich bitter nötig."


Zehn Schulen dabei - darunter drei aus dem Altkreis Stollberg

Fünf Förderregionen des Dorfentwicklungsprogramms Leader beteiligen sich an "Architektur macht Schule": Die Zwönitztal-Greifenstein-Region, das "Tor zum Erzgebirge", die Erzgebirgsregion Flöha- und Zschopautal, das Zwickauer und das Schönburger Land. Zehn Oberschulen beziehungsweise Gymnasien sind aus diesen Regionen dabei, erklärt Christian Scheller vom Projektmanagement "Tor zum Erzgebirge". Erstmals wurde das Architekturprojekt im vorherigen Schuljahr realisiert, an sechs Schulen in zwei Leader-Regionen.

Partner bei der Umsetzung ist die Stiftung sächsischer Architekten. Scheller: "Jede Schule bekommt einen Architekten zugewiesen, der mit den Schülern das jeweilige Projekt bearbeitet."

Ziele des Projektes sind unter anderem die Sensibilisierung von Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren für baukulturelle Themen, eine Berufsorientierung im Bereich Bauwesen und die Verbesserung der Wahrnehmung der Schüler von Architektur, Stadt- und Freiräumen. vh

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