Kumpelgalerie: Jede Menge Fotos und noch mehr Erinnerungen

Die große Resonanz freut das Team des Bergbaumuseums. So könnte bei dem Vorhaben mehr als nur eine Bildergalerie herausspringen.

Oelsnitz.

Dem einfachen Bergmann ein Gesicht geben - das ist die Idee der Kumpelgalerie im Bergbaumuseum Oelsnitz. Zweimal hat die "Freie Presse" bereits ihre Leser dazu aufgerufen, sich beim Bergbaumuseum zu melden, wenn Bildmaterial dazu zur Verfügung gestellt werden kann. "Die Resonanz ist riesig. Die Aktion ist ein richtiger Selbstläufer", sagt Projektmitarbeiterin Deborah Weise. Rund 30 Personen haben sich gemeldet und möchten Gesichter für die Kumpelgalerie beisteuern.

Schnell hat die Historikerin festgestellt, dass die Aktion Potenzial für ein noch größeres Projekt hat. Ihr schwebt ein Oral-History-Projekt (siehe Infokasten) vor. Denn oft haben diejenigen, die sich in Oelsnitz gemeldet haben, etwas zu erzählen. "Viele hatten ein echtes Bedürfnis, sich mitzuteilen", berichtet Weise. "Ich habe viele Geschichten gehört und alle waren unterschiedlich." Viele waren erst nach dem zweiten Aufruf auf sie zugekommen und oft hat die Ehefrau dabei die Initiative ergriffen. Für Deborah Weise ist das keine Überraschung: "Für die älteren Herren ist die Arbeit im Schacht nichts besonderes. Etwas, worüber sie kein großes Aufheben machen wollen." Für Deborah Weise und das Museum sind solche Erinnerungen dieser Bergleute allerdings Gold wert.


"Wir sind ein technisches Museum, damit erreichen wir nicht jeden", weiß Weise. Mit den persönlich gefärbten Erinnerungen hingegen bekommt die Ausstellung eine menschliche Komponente. Das ist auch eine Idee hinter der Kumpelgalerie. Doch die Erinnerungen liefern als Ton- oder Filmdokument deutlich mehr: Sie vermitteln ein Lebensgefühl. Nicht immer lässt sich das Erzählte mit historischen Daten verbinden; oftmals vermischen sich Erinnerungen oder sind durcheinandergeraten. Für Weise ist das kein Problem. "Oft gibt es je nach Blickwinkel mehrere Wahrheiten", sagt sie. "Das ist spannend."

Wenn es in ihren Zeitplan passt, besucht Deborah Weise die Zeitzeugen. In einem ersten Gespräch hat sie dann bereits eine Checkliste abgearbeitet. Darin fragt sie wesentliche Daten ab und erkundigt sich, ob Dokumente vorhanden sind. "Dann sollen die Zeitzeugen zu Wort kommen und frei erzählen", erläutert Weise ihr Vorgehen. In einem weiteren Schritt sollen Videoaufnahmen entstehen. Das ist die beste Möglichkeit, die Erinnerungen der meistens schon betagten Zeitzeugen zu konservieren.

"Wir befinden uns zurzeit in einem Prozess, an dessen Ende klar sein wird, was wir mit dem Material machen können", sagt Weise. Die Ergebnisse eines Oral-History-Projektes könnten einen eigenen Bereich im Museum bekommen oder an Videostationen präsentiert werden. Doch auch über die öffentliche Präsentation hinaus haben die Erinnerungen einen Wert für das Museumsteam. "Ich habe verschiedene Erinnerungen zu einem Unglück aufgenommen, zu dem bisher gar nicht sonderlich viel bekannt ist", sagt Weise. Die vielen Versatzstücke lassen sich mit den bekannten Fakten zu einem größeren Bild zusammenführen.

Das Museum ist weiter auf der Suche nach dem "Otto-Normal-Bergmann" für die Kumpelgalerie. Angesprochen sind ausdrücklich auch Frauen, die im Schacht unter andrem in der Kohlewäscherei oder als Weichenstellerin eingesetzt waren.

Wer sich an der Kumpelgalerie beteiligen möchte, kann sich an das Museumsteam wenden. Telefon: 037298 93940. Mail: info@bergbaumuseum-oelsnitz.de


Was ist Oral History?

Eine Methode der Geschichtswissenschaft ist Oral History. Wörtlich übersetzt heißt das "mündliche Geschichte". Sie dient der Produktion und Bearbeitung mündlicher Quellen, erklärt die Uni Konstanz auf ihrer Internetseite. Demnach kann sie Teil einer methodisch umfassenderen historischen Forschung sein, wird aber ebenso als eigene Forschungsrichtung mit spezifischen Inhalten verstanden. Der Begriff kam bereits in den 1930er-Jahren auf und wird seit den 1960er-Jahren auch im deutschen Sprachraum genutzt. Verwendet wird Oral History vornehmlich für Alltags- und Lokalgeschichte oder Volkskunde.

In Deutschland gibt es unter anderem Oral-History-Projekte zur Lebens- und Sozialgeschichte im Ruhrgebiet 1930-1960 oder - noch vor dem Mauerfall - zur "volkseigenen Erfahrung" in der DDR. Das Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung "Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerung und Geschichte" bietet eine Sammlung von Zeitzeugen-Erinnerungen, die im Rahmen des Projektes "Dokumentation lebensgeschichtlicher Interviews mit ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeitern" entstand. Zudem gibt es Oral-History-Archive an der Freien Universität Berlin zu Lebensgeschichten von Überlebenden des Nationalsozialismus. (bjost)

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