Lebenserfahrung ist der Pluspunkt für Quereinsteiger

Ob Quereinstieg oder interne Qualifizierung - Unternehmen sind bereit, gutes Personal auf ganz unterschiedlichen Wegen zu gewinnen und im Betrieb zu halten. Die meisten fahren dabei mehrgleisig. Wie geht es Murr Elektronik in Stollberg an?

Stollberg.

Dass ein Beruf nicht mehr unbedingt das ganze Arbeitsleben lang ausgeübt wird, zeigt das Beispiel von René Wendler. Der 47-jährige Stollberger ist seit ein paar Wochen als Quereinsteiger bei Murr Elektronik in Stollberg angestellt. Dort arbeitet er als Mechatroniker für Automatisierungstechnik im Fertigungsservice. Zuvor war er in einem gänzlich anderem Bereich tätig. "Wegen Umstrukturierungen in der Automobilbranche wurde ich arbeitslos. Aus dieser Situation heraus entstand mein Wunsch, mich beruflich mit einem entsprechenden Abschluss noch einmal neu zu orientieren", sagt Wendler.

Möglich wurde das durch eine erneute Ausbildung. Im zweiten Ausbildungsjahr war Wendler bei Murr für ein Praktikum vorstellig geworden. "Früher haben wir leicht Spezialisten gefunden", sagt Ines Schober, Leiterin des Personalwesens bei Murr. "Heute sind wir auch dankbar über qualifizierte Quereinsteiger." Dass es zwischen Murr und Wendler passt, haben die beiden Praktika gezeigt, die Wendler im Unternehmen absolviert hat. "Durch das Praktikum bestand für beide Seiten die Möglichkeit, sich kennenzulernen", sagt Wendler. "Da mein Praktikum sehr positiv geprägt war, freut es mich, einen unbefristeten Arbeitsvertrag in Festanstellung erhalten zu haben." Seit rundsechs Wochen ist er dort fest angestellt und Teil eines achtköpfigen Teams im Fertigungsservice. "Die Anstellung ist für beide Seiten ein Glücksfall", schätzt Ines Schober. "Im Laufe der Praktika hat sich gezeigt, dass unser neuer Mitarbeiter wertvolle Lebenserfahrung mitbringt." Diese ist hilfreich, weil es in Wendlers Tätigkeitsbereich auch auf Teamfähigkeit und soziale Kompetenz ankommt.


Neben Quereinsteigern setzt Murr mit seinen zirka 650 Mitarbeitern am Standort Stollberg auch auf interne Qualifizierung. "Mit dem Anbau 2012 haben wir neue Meisterstrukturen aufgebaut", sagt Schober. Seither gibt es fünf sogenannte Meisterbereiche, für die Führungspersonal benötigt wird. "Wir qualifizieren eigene Mitarbeiter zum Meister", sagt Schober. Zum einen würden geeignete Angestellte auf einen solchen Karriereweg angesprochen, zum anderen kommunizierten Mitarbeiter ihrerseits Wünsche. Realisiert werden solche Qualifizierungen berufsbegleitend über die Meisterschule der Industrie- und Handelskammer (IHK). "Wir unterstützen das anteilig durch Freistellung und auch finanziell", sagt Schober. Dieser Weg ist exemplarisch. "Die Meisterschule rückt bei den Unternehmen zunehmend in den Fokus", sagt Jana Dost, IHK-Geschäftsführerin der Regionalkammer Erzgebirge. "Teilweise wird das noch mit einem Studium kombiniert."


Qualifizierung

Die Anzahl an Firmen, die ihre Mitarbeiter intern qualifizieren ist seit 2016 angestiegen: von 13 Prozent auf 25 Prozent 2018. "Beschäftigtenqualifizierung wird wichtiger", weiß Torsten Meyer, Qualifizierungskoordinator bei der Agentur für Arbeit. "Das kann von uns gefördert werden, und zwar mit bis zu 100 Prozent."

Im Fall René Wendler hat die Arbeitsagentur Annaberg-Buchholz die Umschulung komplett finanziert und durch die Beratungen zu Weiterbildungen im September 2016 erst möglich gemacht. "Die Maßnahmekosten für die 28-monatige Umschulung belaufen sich einschließlich Kinderbetreuungs - und Fahrkosten auf rund 30.000 Euro", sagt Agentursprecherin Simone Heinrich.

Neue Möglichkeiten bietet dabei das neue Qualifizierungschancengesetz (QCG). Es regelt den Zugang zur Weiterbildungsförderung für Beschäftigte. Neu ist, dass Weiterbildungskosten für alle Mitarbeiter aller Betriebsgrößen und unabhängig vom Qualifizierungsziel übernommen werden können. Die Übernahme von Weiterbildungskosten und die Zahlung von Zuschüssen zum Arbeitsentgelt setzen grundsätzlich eine Kofinanzierung durch den Arbeitgeber voraus.

Die Förderprogramme zielen auf Beschäftigte, die durch Technologien ersetzt werden können, sonstig vom Strukturwandel betroffen sind oder die eine Weiterbildung in einem Engpassberuf anstreben. Allein im Erzgebirge stehen 6,7 Millionen Euro für Weiterbildung zur Verfügung.

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